Spinne

Ich bin eine Spinne
meine acht Arme greifen in das Netz
und ich spüre jede Vibration
die euer Zwitschern hinterlässt

Ich bin eine Spinne
ich brauche nicht zu fahnden
du schreibst selber einen Steckbrief
und alle können ihn runterladen

Ich bin eine Spinne
ich sehe, wo du überall gewesen bist
notiere deine Interessen
und weiß, du findest dumme Menschen ekelig

Ich bin eine Spinne
du zeigst mir wie du deine Welt siehst
ich surfe auf die Fanpage deiner
Naivität und klicke dort gefällt mir

Ich bin eine Spinne
ich weiß du kennst die Geschichten
doch du liest selten Bücher
es sei denn sie handeln von Gesichtern

 

© Gregor Fischer / 2012

 

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Und in manchen Nächten denke ich…

Und in manchen Nächten denke ich, ich sei doch ein Mensch /
auch wenn ich durch die Gegend schleiche wie ein Schlossgespenst /
Im Angesicht des Regens halt' ich demütig den Kopf gesenkt /
und hoffe dass mein Weg mich irgendwann ins Trockene lenkt /

Ich spuke durch das selbe Zimmer wie im letzten Jahr /
Ich werde niemals fliehen denn meine Fesseln sind aus Stahl /
Mein Leben zu verändern hab' ich leider nicht die Wahl /
denn bisher hat mir dieser Ehrgeiz stets nur Pech gebracht /

Doch der Zeiger dreht sich weiter und ich rechne ab /
die letzten Jahren waren ein konstanter schlechter Tag /
Ich befürchte meine Mama hat schon immer recht gehabt /
Ich brauche einen Plan damit es letzten Endes klappt /

Am Horizont dort glitzern keine lieben Silberstreifen /
das sind die Träume aus den Gräbern vieler Kinderleichen /
sich selber zu verbessern klingt im Grunde ziemlich einfach /
doch was soll man machen wenn man dazu keine Zeit hat?
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Die letzte Beichte

Die Kirche war leer. Der Priester kniete vor dem Altar und faltete seine Hände zum Gebet. Er schielte hoch zum hölzernen Messias, der über ihm am Kreuz baumelte. Schweiß tropfte dem Priester von der Stirn und klatschte auf den Steinboden. Neben der halbleeren Flasche Bauernkorn an seiner Seite lag ein Revolver.

„Herr, der Du bist im Himmel. Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme. Vergib uns unsere Schuld und verzeih uns unsere Sünden. In der Beichte werden wir Eins mit Dir und Deiner Gnade. Amen.“

Die Kirchentür erzitterte unter einem heftigen Schlag. Das Schloss schepperte. Draußen hämmerten Fremde gegen das Portal. Der Querbalken wackelte, die Scharniere ächzten. Die Tür hielt.

Mit zitternder Hand griff der Priester nach dem Schnaps und nahm einen Schluck. Der Alkohol brannte in seiner Kehle. Er ließ den Revolver in seinem Gewand verschwinden. Dann wagte er einen Blick über die Schulter. Seine Nackenhaare stellten sich auf: Er konnte hören, wie sie mit Fingernägeln auf Holz kratzten.

Er wandte sich zum Kreuz und kniff die Augen zu. „Ich bin dir ein schlechter Diener gewesen, Herr“, jammerte er. „Ich habe meine Pflichten missachtet und meine Schäfchen verhöhnt. Aus Langeweile habe ich sie bei der Beichte sinnlos für die Buße beten lassen. In der Messe habe ich das Fegefeuer lässlicher Verfehlungen gepredigt und drakonische Strafen in Aussicht gestellt. Auf dem Beichtstuhl haben sie dann ihre Sünden gestanden und ich habe mir den Spaß erlaubt, sie auf Festen und Feiern mit kleinen Seitenhieben zu ärgern. Aber immer nur, um Gutes zu tun! Manchen von ihnen habe ich Hausaufgaben gegeben. Für ihr Techtelmechtel mit dem Bauern Henry durfte die alte Lady Ginster drei Wochen nicht sprechen. Später hat er sich deshalb von ihr getrennt. Das war für beide das beste.“

Holz splitterte. Eine Axt schlug durch die Tür. Späne rieselten zu Boden. Die Axt schnellte zurück und riss auf ihrem Weg ein Loch in die Tür, groß genug für einen Kopf. Licht strahlte durch die Öffnung. Dahinter bewegten sich Schatten. Der Priester zählte mindestens ein Dutzend Gestalten, die sich hinter der Tür tummelten. Ihr Stöhnen jagte dem Priester einen Schauer über den Rücken.

„Ok, Herr, ich gestehe“, sagte er. „Ich war bei den Messen nicht immer ganz nüchtern. Manchmal musste der Messwein gekostet werden, um die Haltbarkeit zu testen! Aber dazu reicht ein Schlückchen ja nicht. Die Messdiener haben was geahnt, deshalb habe ich ihr Taschengeld aufgebessert. Das war ein guter Zweck, wofür ist der Klingelbeutel also sonst da? Ich gebe zu, dass es etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Aber zu dem Pfadfinderstuhlkreis letzten Monat hätte ich auch nüchtern nichts beitragen können. Es macht also nichts, dass er ausgefallen ist. Ich bin jetzt auf Korn umgestiegen, der macht weniger Kopfschmerzen. Farmer Ellis lässt mir immer eine Flasche von seinem Schwarzgebrannten da, seitdem ich angedeutet hab, dass ich weiß, was er hinter seiner Scheune treibt.“

Es knackte und knirschte. Der Priester fuhr herum und sah gerade noch mit an, wie Hände und Arme Bretter aus der Tür rissen. Das Eichenportal wackelte in den Angeln, die Scharniere quietschten an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Mit jedem Stück gerupftem Holz flutete mehr Licht den Eingang. Davor zeichneten sich immer deutlicher die Umrisse der Eindringlinge ab.

„Vater, bitte hör mir zu!“, bettelte der Priester. „Es tut mir furchtbar leid! Der Teufel hat mich verführt, ich schwöre es! Der Alkohol ist an allem schuld!“ Er nahm den letzten Schluck aus der Flasche und schmiss sie gegen eine Säule, dass sie zerbrach. „Ich hab‘ mir ein paar schlimme Angewohnheiten zugelegt! Du weißt, wie einsam das Leben eines Priesters sein kann! Ich kann auch nichts dafür, dass die Tochter des Bürgermeisters immer kürzere Röcke trägt! Wie soll man da nicht hinterher gucken? Ich war wirklich unauffällig, wenn ich ihr durch die Stadt gefolgt bin. Als Mann kommt man eben auf Ideen, das ist doch ganz natürlich! Und allein in meiner Kammer nach der Messe habe ich dann ein bisschen nachgeholfen. Wo ist das Problem?“
Es knackte an der Tür. Der Priester fasste seinen ganzen Mut zusammen. „Ok, du hast recht, das war noch nicht alles. Letzten Sommer…“ – er schluckte – „mit der Bikini-Saison wurde der Druck dann zu groß. Draußen vor der Stadt, bei der Autobahn, gibt es diesen Parkplatz. Dort stehen ein paar Wohnwagen. Wenn sie Zeit haben, stellen die Frauen, die darin wohnen, rote Lichter in die Fenster. Es kostet gar nicht so viel, wie man denkt, Herr.“ Dem Priester versagte die Stimme. „Herr, ich habe das heilige Zölibat gebrochen“, quiekte er. „Mit zwei Frauen gleichzeitig.“
Auf einmal wurde es still. Die Schläge gegen die Tür verstummten. Der Priester horchte. Er hörte nichts außer dem eigenen Pulsschlag. Er sah sich um und merkte, dass auch die Lichter vor den Fenstern aufgehört hatten zu tanzen. Er erhob sich vom Altar und wischte mit dem Ärmel übers Gesicht. Er lauschte erneut, doch nichts rührte sich. Hatten die Fremden etwa aufgegeben?
Da durchbrach ein Quietschen die Stille. Metall kreischte. Der Priester sah, wie sich das oberste Türscharnier verzog und unter dem Gewicht des Eichenholzes verfärbte. Das Portal neigte sich nach vorne, bis das Scharnier mit einem Schnappen riss. Die Tür machte einen Ruck und kippte vorwärts. Es dauerte nicht lang und auch das zweite Scharnier gab nach. Die Tür ragte wie eine Zugbrücke in die Kirche hinein, nur vom Querbalken getragen. Der Priester hielt die Luft an – dann brach der Balken.
Die Kirchentür donnerte zu Boden. Der Aufprall blies eine Staubwolke zwischen den Bänken entlang. Das Licht knallte durch den Eingang, durchschnitt das Dunkel und blendete den Priester. Er hielt seine Hände vor das Gesicht. Er blinzelte zwischen den Fingern entlang, um etwas zu erkennen.
„Wer ist dort?“ rief er. Keine Antwort. Ein Gestank wie von Schlachtabfälle stieg in seine Nase. Er sah Schatten, die sich auf ihn zu bewegten. Mit jedem Schritt wurde der Gestank schlimmer, bis sein Magen drohte sich nach außen zu stülpen.
Dann erkannte er warum.

 

Die vorderste der Gestalten trat ins Licht und dem Priester stockte der Atem. Es war ein Mann in einem Anzug – doch er war schwer verletzt. Er humpelte. Sein Fuß war gebrochen und knackte bei jedem Schritt. Blut rann seine Hand hinunter. Der Priester überlegte, ob er helfen sollte, doch dann sah er in das Gesicht des Mannes: Seine Pupillen war völlig bleich. In ihnen wohnte kein Leben mehr. Der Mann öffnete den Mund und stöhnte. Er bleckte die Zähne. Und hinter ihm stolperte eine ganze Meute der Kreaturen über die Trümmer.
Sie strömten durch den Eingang wie eine Plage. Angst lähmte den Priester – er sah hilflos dabei zu, wie sie den Altar umkreisten, mit ihm in der Mitte.
Schweigend standen sie da und starrten ihn an. Etwas regte sich und die Toten traten beiseite und bildeten eine Gasse in ihrer Mitte. Hervor trat eine Gestalt, die dem Priester gerade bis zur Brust reichte. Sie wirkte wie ein verschimmelte Großvater: Pusteln überschwemmten den Kopf und die Hände, bösartige Lebergeschwüre die sich durch den Körper bohrten. Aber die Autorität in ihrem Gesicht, dieser bösartige Blick, ließ keinen Zweifel, dass dies der Anführer der Verdammten war.
„Priester“, zischte der Gnom und zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn. „Deine Zeit ist gekommen, Priester. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“
Der Priester wusste nicht, was er antworten sollte. Irgendwie erinnerte ihn der Gnom an jemanden. „W-wer seid ihr?“ krächzte er.
„Stell dich nicht dumm, Priester. Du weißt, was du getan hast.“
„D-da muss ein Missverständnis vorliegen.“
„Willst du sagen, dass du uns vergessen hast, Priester?“ schimpfte der Gnom. „Nach allem, was du verbrochen hast?“
„I-ich weiß nicht, was du meinst.“
„Schau genauer hin, Priester. Sieh dir die Gesichter an. Hat der Schnaps so große Löcher in deinem Kopf hinterlassen, dass du sie nicht erkennst?“
Weil ihn die Angst vor dem Gnom dazu zwang, schielte der Priester in die Runde. Sein Blick huschte von einer Fratze zur nächsten, ohne wirklich darauf zu achten was er sah. „Ich weiß nicht, wer ihr seid…“, setzte er an. Doch dann merkte er, wie ihm die Züge der Toten bekannt vorkamen.
„D-das kann nicht sein“, flüsterte er. „Das ist nicht möglich! D-das ist der alte Farmer Ellis!“ Er deutete er auf eine Leiche in Latzhose. „U-und die verrückte Lady Ginster und ihr Bauer Henry! Was passiert hier?“ Er taumelte einen Schritt rückwärts und stolperte fast. „W-was ist hier los, was wollt ihr?“ Da fiel sein Blick auf die Leiche einer Frau, die hinter dem Gnom taumelte. „Oh mein Gott!“ schrie der Priester. „D-die Tochter des Bürgermeisters ist auch da! Herr Jesus, hab Erbarmen. W-warum seid ihr denn alle tot?“
„Sieh aus dem Fenster, Priester“, keifte der Gnom. „Der Himmel steht in Flammen. Draußen tanzen die Lichter des Jüngsten Gerichts. Gott hat die Gerechten an seine Seite geholt. Und uns hat er geschickt“ – er machte eine Pause und lächelte – „um über dich zu richten.“
„Was? Richten? A-aber, was hab ich denn getan?“
„Die Liste ist lang, Prediger. Als aller erstes bist du ein schlechter Hirte gewesen und hast deine Schäfchen im Stich gelassen. Dafür werden wir dich zur Rechenschaft ziehen.“
Der Priester wimmerte vor Angst. Er biss sich auf die Zunge, um das Zucken seiner Hände und Augenlider zu unterdrücken. Er wollte sprechen, aber die Worte weigerten sich.
„A-a-aber ich habe doch gebeichtet!“, flehte er. „Ich habe vor dem Altar gekniet und zu Gott gebetet, er möge mir verzeihen! Ich habe alle meine Sünden vor dem Vater ausgebreitet! I-ich habe gestanden! Die Beichte hat mich frei gemacht! I-ihr dürft mir nichts mehr tun!“
Der Gnom lachte. „Glaubst du wirklich, es ist so leicht, Priester?“, sagte er. „Jede Tat hat ihre Konsequenzen. Vor die Vergebung hat der Herr die Buße gesetzt, das solltest du wissen. Die Beichte ist nur der erste Schritt – du wirst wie jeder andere auch für deine Sünden bezahlen.“

 

Und wie auf ein Kommando setzen sich die Untoten in Bewegung. Erst langsam, dann schneller stolperten sie vorwärts, einen Schritt nach dem anderen. Sie streckten die Arme nach ihm aus, um ihn zu fassen. Sie stöhnten nach seinem Blut. In ihren Gesichtern funkelte das Verlangen nach seinem Fleisch. Der Anführer jedoch blieb stehen. Mit Genugtuung betrachtete er die Panik in den Augen des Priesters.
Er musste handeln. Verzweifelt suchte er nach einer Lücke in den Reihen der Toten. Doch sie standen geschlossen wie eine Mauer. Es gab keinen Platz für eine Flucht. Er wich zurück, bis er den Stein des Altars im Rücken spürte. Er kletterte hinauf, weil ihm sonst kein Ausweg mehr blieb. Die Finger der Toten zupften an seinen Gewändern. Er schüttelte sie ab. Doch sie griffen nach seinem Knöchel. Er taumelte. Da fiel ihm die Sakristei ein. Vielleicht konnte er…
Der Priester nahm den einzigen Schritt Anlauf, der ihm blieb und sprang. Er machte einen Satz und die Untoten starrten ihm hinterher. Er landete hart und schmerzvoll.  Er rollte prallte mit dem Rücken gegen eine der Säulen. Einen Moment lang schwankte er orientierungslos. In diesem Augenblick überkamen die Toten ihre Verwirrung. Die Mauer aus Fleisch änderte die Richtung. Der Priester vergeudete keine Zeit und humpelte zur Tür. Auf dem Weg klopfte er sein Gewand nach den Schlüsseln ab.

Er fand den Bund, doch er konnte sich beim besten Willen nicht entsinnen, welcher der Schlüssel zu welchem Schloss in der Kirche passte. Sie sahen alle gleich aus. Der Priester verfluchte sich, dass er die Tür verriegelt hatte. Hinter ihm schlurfte die Armada der Toten auf ihn zu, gierig ihn in Fetzen zu reißen.
Schweiß tropfte von seiner Stirn. Er probierte den ersten Schlüssel. Er passte, doch das Schloss ließ sich nicht drehen. Der Priester rüttelte an der Klinke, doch die Tür bewegte sich nicht. Er zog den Schlüssel raus und probierte den nächsten. Fehlanzeige. Er schielte über die Schulter. Ein buckliger Ghul eilte auf ihn zu. Seine Hand zitterte. Er wollte den nächsten Schlüssel probieren, da glitt ihm das Bündel aus der Hand. Es fiel zu Boden. Er bückte sich danach, doch das Metall glitt durch seine Finger. Er sah den Toten aus dem Augenwinkel näher humpeln. Jede Sekunde war er da. Er packte den Bund,  steckte den nächstbesten Schlüssel hinein. Da griff eine Hand seine Schulter und riss ihn herum. Der Ghul packte ihn. Er wollte ihn beißen. Der Priester drückte ihn weg. Er presste mit dem Ellenbogen gegen den Kopf des Toten, streckte seinen Hals aus der Reichweite seiner Zähne. Mit der Linken tastete er nach dem Schlüssel im Schloss. Er wollte ihn umdrehen. Seine Finger fühlten die Klinke. Der Zombie raunte in sein Ohr. Der Gestank überwältigte ihn. Er fasste den Schlüssel. Drehte ihn um. Er passte. Das Schloss bewegte sich. Er hieb auf die Klinke. Gleichzeitig stieß er den Toten von sich. Der Zombie taumelte rückwärts. Die Tür öffnete sich. Der Priester hechtete in die Sakristei.
Er rammte etwas Weiches. Eine Eisenklammer legte sich um seinen Hals. Seine Füße verloren die Bodenhaftung, als er in die Luft gehoben wurde. Er röchelte, bekam keine Luft mehr. Dann sah er den Koloss, der ihn gepackt hatte. Das Monstrum überragte ihn um zwei Köpfe. Fett tropfte von seinem Bauch und hinterließ eine Spur auf dem Boden, als er den Priester wie einen Hund packte und zurücktrug. Er schleppte ihn zum Altar und warf ihn auf die Stufen. Die Toten postierten sich um ihn herum.
„Hör auf, vor den Konsequenzen deines Tuns wegzurennen und stell dich deiner Strafe“, sagte der Anführer und trat zwischen den Leichen hervor. Er lächelte böse. „Mach einmal etwas richtig.“
Der Priester schluckte. Er sah sich um und erkannte, dass ihm keine Wahl blieb.
„Dann soll es so sein“, sagte er. „Ich bin schlecht gewesen, das ist wahr. Es hilft alles nichts. Mir bleibt nur noch eins.“
Die Hand des Priesters kroch in sein Gewand.
„Halt still und es wird gleich vorbei sein“, versprach der Gnom. „Halt, was machst du da?“
Plötzlich hielt der Priester den Revolver in der Hand.
„Der Herr möge mir verzeihen“, sagte er und presste den Lauf gegen seinen Schläfe.
„Nein, lass das!“ schrie der Anführer.
Der Priester drückte ab.

 

Der Schuss donnerte durch die Kirche. Das Echo brach sich an den Wänden, unzählige Male. Dann löste es sich in Schweigen auf, wie das letzte Klatschen bevor der Zirkus die Stadt verlässt.
Der Priester klappte in sich zusammen wie eine zerdrückte Safttüte. In der Seite seines Schädels klaffte ein Loch, aus dem eine muntere Fontäne plätscherte. Er fiel seitlich auf den Altar und schlug mit dem Kopf auf, wobei er einen Klecks auf dem Stein hinterließ, rollte über die Kante, zog eine Blutspur hinter sich her und kullerte die Stufen hinunter, bis er mit aufgerissenen Augen vor den Füßen der Untoten liegen blieb.
Einen sehr langen Moment war alles still.
Nichts rührte sich. Nur ein Zombie kratzte sich am Kopf.
Ein anderer übergab sich.

Der Anführer trat hervor. Er betrachtete den Prediger vor ihm eine Weile. „Scheiße“, sagte er schließlich und sah hinüber zu einem Untoten mit Jeans und langen Haaren. „Derek, du bist der Special Effects – Mann. Was ist da schief gelaufen?“
„Keine Ahnung“, antwortete er und zuckte mit den Schultern. „Ich könnte schwören, ich hätte die Patronen gegen Blindgänger getauscht.“
„Na, zum Glück hing davon kein Menschenleben ab, was?“ bellte der Anführer. Mit seiner Klaue schlitzte er sich den Hals auf und grub seine Finger in den Einschnitt. Er zog. Das Fleisch dehnte sich wie ein Gummiband. Augen und Mund verzogen sich zu einer Grimasse, man hörte ein saugendes Geräusch – dann schnappte die Maske vom Kopf und darunter kam Bürgermeister Pauls zum Vorschein. Schweiß rann in Strömen sein Gesicht entlang.
„Das war ja eine grandiose Idee“, keuchte er. „Von wegen ‚Heilsamer Schock‘.“ Er schüttelte den Kopf. „Naja, jetzt können wir uns wenigstens endlich einen neuen Priester suchen. Dem hier war eh nicht mehr zu helfen.“
 
© Gregor Fischer / 2012
 
Geschichte als PDF zum Download: Die letzte Beichte
 
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Relativ einsam

Ich bin relativ einsam mit mir selbst
weil absolut ungeeignet für andere.

Wozu sich zwängen in eine Plätzchenform
wenn man viel lieber Kuchen bäckt?

Man kann sehr wohl als Insel überleben
wenn man sich vom Festland fernhält.

Doch verfehlen Dominosteine ihren Zweck
wenn sie nie in Reih und Glied standen?

Ohne die Reflektion im geselligen Kreis
bin ich im Spiegel alleine zum Quadrat.

Entweder mit Partyhüten am Bahnhof stehen
oder auf dem Abstellgleis im Zimmer sitzen?

Die Quelle der Freundschaftsanfragen versiegt
wenn man im Facebook zu tief nach Wasser gräbt.

Wie sollen jemals echte Funken fliegen
wenn ich Angst hab, dass der Wald abbrennt?

Vielleicht bin ich wie Pistolen für Pazifisten
aber bevor ich sterbe, geb ich mir endlich die Kugel.
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Schreibmusik

Ich war immer der Meinung, dass Musik beim Schreiben stört. Musik beeinflusst meine Stimmung und verändert damit was ich schreibe. Außerdem kann ich mich nicht richtig konzentrieren.

Mittlerweile bin ich da anderer Meinung und schreibe meistens mit dem Kopfhörer auf den Ohren. Angefangen hat es, weil mich plötzlich die Lust zum Schreiben übermannt hat und ich erst später gemerkt habe, dass die ganze Zeit Musik lief – jetzt nutze ich Musik bewusst um mich in Schreiblaune zu versetzen und mich in meine „Zone“ zu bringen.

Spaßeshalber habe ich mal ein paar der Songs aufgelistet, die regelmäßig das Klackern meiner Tastatur begleiten.

Daftpunkt – Harder Better Faster Stronger

Karl Jenkins – Palladio

The King’s Speech OST – Speaking Unto Nations (Beethoven 7te Symphony)

Mirrors OST – Main Theme

The Uninvited – Theme (Glass Act)

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Druck, besser zu werden

Ich bin ein wahrer Meister darin, mich selbst unter Druck zu setzen. Ich finde stets Mittel und Wege, mir selbst das Gefühl zu geben, dass ich, wenn ich nicht weiter an mir selbst arbeite, roste und irgendwann still stehe. Ich schöpfe aus diesem Antrieb viel Kraft um vorwärts zu kommen – aber er hat auch seine Schattenseiten.

Das Schreiben ist ein Handwerk, das man zu einem gewissen Grad erlernen und perfektionieren kann. Talent spielt – wenn überhaupt! – eine untergeordnete Rolle. Wer sich ernsthaft damit beschäftigt, entwickelt bald ein Auge für die Stärken und Schwächen von Literatur. Man merkt, was der Autor gut gemacht hat und was er hätte besser machen können – nur, um es für sich selbst zu übernehmen und daraus zu lernen. Das ist auch gut so – es sei denn, man übertreibt es.

Wahrscheinlich liegt es an meiner überkritischen Persönlichkeit, dass ich die Tipps und Tricks, die man in jedem Schreibratgeber findet, nicht als Anregung für meine Arbeit, sondern als Vorwurf verstehe: „Prämisse? Du hast dir keine Prämisse überlegt? Ja, wie soll die Geschichte dann ÜBERHAUPT noch was werden?“ „Überleg dir gefälligst einen passenden Höhepunkt für die Szene! Da musst du noch mal nachbessern!“. So, oder so ähnlich spielt es sich bei mir ab. Meine Haare werden grau, während mein Perfektionismus mich in den Wahnsinn treibt. Der Spaß schwindet. Warum weiter machen, wenn das Hobby einem nur Stress macht?

Wenn Spaß und Bedürfnis zu Anstrengung und Plackerei werden, dann läuft etwas schief. Sich Ziele setzen, besser werden und an sich arbeiten sind alles löbliche Ziele – man darf nur nicht vergessen, weshalb man überhaupt damit angefangen hat. Ich spüre, wie der Kritiker in mir hinter mir im Schatten auftaucht, die Peitsche in der Hand und mich antreiben will, zu üben, zu machen, noch mal von vorne anzufangen. Ich weiß nicht, ob es sonst noch jemandem so geht, ob es andere gibt, denen ihr Ehrgeiz und Perfektionssinn so zu schaffen machen. Die Frage ist: Wie bekommt man den Kritiker mit der Peitsche in den Griff?

Meine Lösung klingt plump, profan und proletenhaft: Ich scheiße drauf. Besser kann ich’s nicht formulieren. Ich bringe mich dazu, dass mir das Schreiben egal wird. Glücklicherweise bin ich kein Autor – nicht mal ein selbsternannter! – und muss vom Schreiben meinen Lebensunterhalt verdienen. Es ist gerade mal ein Jahr her, dass ich beschlossen habe, Geschichten und Schreiben zu meinem hauptsächlichen Hobby zu machen und dafür bin ich ganz gut dabei. Ich mache das immer noch zum Spaß und weil ich das Bedürfnis habe, etwas zu „schaffen“. Aber ich kann nichts „schaffen“, wenn ich jedes Projekt ein dutzendmal überarbeite, weil mir wieder irgendeine Macke auffällt. Ich bin außerdem überzeugt, dass man mehr lernt, wenn man ein Projekt mit Macken abschließt, als wenn man unendlich daran herum feilt. Aber bleibt der Kritiker dadurch ruhig?

Das tut er natürlich nicht. Aber ich leiste ihm keine Folge mehr. Jetzt gerade versucht er mich dazu zu bringen, mir regelmäßig „Writing Excuses“ und andere Podcasts anzuhören – damit ich etwas „lerne“. An und für sich hat er auch recht, denn nach jeder Folge „Writing Excuses“ habe ich etwas gelernt. Aber ich musste auch fast jedes mal mit meinen Geschichten neu anfangen, weil mir wieder ein Fehler aufgefallen war, oder etwas, das man hätte besser machen können. Das ist ganz schön, bringt mich meinen Ziel aber nicht weiter. Deshalb: Funkstille. Das gleiche gilt für Schreibratgeber, Blogs und sonstige Quellen für Tipps und Tricks zum Schreiben (ein paar übliche Verdächtige bleiben aber). Meist hört man eh nur alten Wein in neuen Schläuchen – also was soll’s?

Vielleicht sähe die Sache ja anders aus, wenn ich hauptberuflich schreiben würde. Den ganzen Tag nichts anderes tun, als an seinem Handwerk zu feilen, klingt schon verlockend. Aber ich denke, dass ich sehr schnell sehr wahnsinnig werden würde. Jeder muss mit seinem ‚Inneren Kritiker‘ selbst zurecht kommen. Er ist halt ein kleiner Tyrann, dem man nur in den richtigen Momenten Aufmerksamkeit schenken darf. Sonst übernimmt er ganz schnell den Laden.

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Schreib, bevor du denkst

Eins habe ich über das Discovery-Writing gelernt: Schreib, bevor du denkst. Denn wer denkt, verheddert sich in seinen Überlegungen.

Discovery-Writing bedeutet für mich, aus dem Bauch zu schreiben. Alles nötige ergibt sich beim Überarbeiten, wenn es wichtig ist. Als Discovery-Writer schreibt man viele Neuentwürfe: Die Geschichte, an der ich aktuell sitze, habe ich auf unterschiedliche Art und Weise sechs mal neu begonnen. Sie ist jedes Mal gewachsen. Ich bete, dass diese Version die letzte sein wird. Blöd nur, dass einem als Discovery Writer keiner helfen kann.

So wie ich das sehe, sind Discovery Writer eher die Minderheit. Der Rest der Autoren fällt eher in die Sparte der “Outliner”, oder “Plotter”, die wie Architekten ihre Geschichten planen. Die Schreibratgeber und Bücher über die Kunst des Erzählens, wie z.B. James N. Freys “Wie man einen verdammt guten Roman schreibt”, enthalten zwar alle sehr wichtige Tipps – nur sind sie, glaube ich, allesamt von Outlinern für ihres gleichen geschrieben worden. Keine der Techniken war bisher so richtig kompatibel mit meiner Arbeitsweise. Ich habe zwar immer wieder ein paar Anregungen mitgenommen – aber bisher konnte mir keiner wirklich dabei helfen, meinen Weg zu finden. Das musste ich schon selber tun. Den bisher besten Tipp habe ich jetzt neulich bei Writing Excuses gehört.

In der Folge “Discovery Writing” erzählt Dan Wells von „False Starts“ – man fängt an zu schreiben, nur um zu merken, dass man nicht weiter kommt oder die Geschichte ins Nichts führt. Das kenne ich zur Genüge. Dan Wells macht es deshalb so, dass er diese Blindstarts mit einkalkuliert und bewusst seine Charaktere erst einmal in kleinen Szenen und Dialogen antreten lässt, um sie besser kennen zu lernen. Das ist eine hervorragende Idee. Ich habe festgestellt, dass ich ohne es zu wollen schon die ganze Zeit genauso arbeite und meine Geschichten mit jedem vermeintlichen Fehlstart etwas an Fleisch gewinnen. Um aber überhaupt erst soweit zu kommen, musste ich allerdings den wichtigsten Ratschlage beherzigen, den man einem Autor geben kann: Weitermachen.

Ich schreibe jetzt gerade mal seit etwas mehr als einem Jahr; Sinnkrisen und Selbstzweifel habe ich beinahe alle zwei Wochen. Wenn ich mich nicht immer wieder am Riemen reißen würde, hätte ich wahrscheinlich nicht mal diese mickrigen zwölf Monate hinter mich gebracht. Es ist ein ständiges Auf und Ab, ich zerbreche mir ständig den Kopf, wie ich weiter komme. Aber genau hier kommt mein eigener Rat wieder ins Spiel: Schreib, bevor du denkst – wer denkt, verheddert sich in seinen Überlegungen und kommt gar nicht weiter.

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Letters of Note

www.lettersofnote.com

Warnung! Wer auf diese Seite klickt, sollte viel Zeit mitbringen. Denn wer einmal anfängt, kommt so schnell nicht von “Letters of Note” los. Der Blog präsentiert,wie der Untertitel schon ankündigt, Briefe, die eine breitere Öffentlichkeit verdienen. Ich selbst habe die Warnung in den Wind geschlagen und bin am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit, weil ich die ganze Nacht fasziniert vor dieser Seite saß.

Trotz der Gefahr für Leben und Freizeit, kann ich einen Besuch nur empfehlen.

Editieren (This Week In Wortsteinschwalbe 26.02.2012)

Zurzeit stecke ich in der Phase meines Arbeitsprozesses, die ich am meisten hasse: Das Editieren.

Drei fertige Manuskripte für Kurzgeschichten liegen auf meinem Schreibtisch, in direkter Nachbarschaft zu zwei Entwürfen für neue Projekte. Über Ideenmangel und Langeweile kann ich mich nicht beklagen: Mir jucken die Finger, ich will das Neue und Unbekannte, das in den Entwürfen schlummert, entdecken. Doch was mache ich mit den fertigen Manuskripten?

Gute Frage. Ich habe keine Ahnung. In meiner recht kurzen „Karriere“ (haha) als „Autor“ (ahem) habe ich bisher hauptsächlich damit gekämpft, zu einem akzeptablen ersten Entwurf zu kommen und die mir ureigene Arbeitsweise zu entdecken – mit dem Teil danach musste ich mich eher selten beschäftigen. Jetzt, wo ich halbwegs verlässlich einen Erstentwürfe produzieren kann, stehe ich leicht ratlos vor der Aufgabe, aus der Scheiße Gold zu machen. Wie gehe ich am besten vor? Was ergibt Sinn für mich? Wie zu fast jedem Thema des Kreativen Schreibens, findet man auch auf diese Fragen in schlauen Büchern und im Internet Ratschläge und Tipps. Nur funktionieren wie üblich die Hälfte davon nicht für mich.

Die wichtigste Lektion, die ich bisher gelernt habe, lautet „Abstand gewinnen“. Man kann eigentlich gar nicht genug Gras über seinen Entwurf wachsen lassen, bevor man sich ihm wieder widmet. Wenn man ihn dann wieder liest, fallen einem die Ungereimtheiten und mühsamen Formulierungen fast wie von selbst auf. Nebenher nutze ich auch die Anleitung von Andreas Eschbach, um einen Text zu überarbeiten – sehr zu empfehlen! Ich experimentiere außerdem damit, meine Texte auf Band zu sprechen.

Was mir am meisten fehlt, ist jedoch eine Schreibgruppe. James Frey empfiehlt eine möglichst destruktive Gruppe, die die Manuskripte schön auseinander nimmt. Ich halte das für etwas übertrieben, denn Lob für das Gelungene ist meiner Meinung nach fast wichtiger als Kritik für das Fehlgeschlagene – aber im Prinzip hat Frey recht. Nur: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Bisher habe ich noch keine adäquate Gruppe in meiner Nähe gefunden.

Die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung, Freunde und Verwandte, geben sich derweil liebevoll Mühe, mich zu unterstützten und mich zu kritisieren. Um ihnen dabei unter die Arme zu greifen, werde ich meinen Manuskripten ab sofort einen „Überprüfungsbogen“ – auch ein Tipp von Frey – beilegen: Die Beta-Leser sollen den Text in Kategorien wie Plot, Charakter, Spannung, Sprache, Ende, etc. mit Schulnoten bewerten. So bekomme ich vielleicht einen besseren Überblick über meine Stärken und Schwächen.

Wer derweil Lust bekommt, mir den Reich-Ranicki zu machen, darf sich gerne melden.

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Falten meines Hirns

Jedes blutige Wort
das du mir sagst
tätowiere ich mit
einer kalten Nadel
in die Falten meines Hirns

dort reifen deine Sprüche
wie ein guter Wein
solange, bis der Tag kommt
an dem ich dir besoffen
vor die Füße kotze.

© Gregor Fischer

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