8 Schritte zum verkannten Genie

Eine Anleitung für den unglücklichen Autor.

Nichts langweilt mehr als Glück und Erfolg. Eine zufriedene, ausgeglichene Persönlichkeit wird seit Jahren als Lebensideal verklärt. Dabei weiß jedes Kind: Echte Kunst entsteht nur aus Leid!

Werden Sie nicht ein weiterer gähnend öder Bestsellerautor – werden Sie lieber ein verkanntes Genie! Treten Sie zurück von der Klippe der Durchschnittlichkeit und wagen den Sprung in den Abgrund. Lernen auch Sie, wie Sie in nur 8 Schritten unbekannt, unglücklich und chronisch unterschätzt werden können. Für die Kunst!

1. Hören Sie auf zu lernen

„Jeder kann schreiben!“ – diesen Nonsens pfeifen die Spatzen seit einer gefühlten Ewigkeit von den Dächern. Eine Flut aus Schreibratgebern will uns weismachen, in jedem schlummere ein Romancier. Plötzlich veröffentlichen Hinz und Kunz einen Vampirliebesroman nach dem anderen.

Sie sehen ja, wohin das geführt hat.

Dabei kann man Schreiben nicht einfach lernen – Talent wird einem in die Wiege gelegt! Entweder man hat es, oder man beschränkt sein literarisches Schaffen auf das Schreiben von Einkaufszetteln.

Sie sind natürlich anders: In Ihnen lodert die Flamme der Genialität. Verabschieden Sie sich deshalb als Erstes von der Vorstellung, sich handwerkliches Grundlagenwissen aneignen zu müssen. Das haben Sie nicht nötig. Kurse, Seminare oder Workshops zum kreativen Schreiben sind unter Ihrem Niveau; Sie haben schon alles, was Sie für die Kunst brauchen. Diagnostizieren Sie pauschal jeden Ratschlag und jede Kritik als krankhaftes Symptom eines neiderfüllten Geistes und Sie werden sehen, wie gut es sich anfühlt, ein Genie zu sein.

2. Lassen Sie es fließen

Das oberste Gebot der Schöpfung lautet: Erzwingen Sie nichts! Die Muse ist ein wankelmütiges Weib und kann es nicht leiden, herumkommandiert zu werden. Mal vergewaltigt sie einen regelrecht, dann lässt sie sich über Monate nicht blicken. Lassen Sie sich von dem weißen Papier aber nicht verunsichern: Genauso soll es sein! Die Schreibblockade ist der natürliche Begleiter des brillanten Geistes – wäre Kunst einfach zu produzieren, bräuchte man auch kein Genie für den Job!

Schmeißen Sie Ihre Konzepte und Stufendiagramme aus dem Fenster. Verbrennen Sie jeden Plan, jedes Exposé und jede Skizze die Sie notiert haben und setzen sich mit leeren Händen an den Schreibtisch. Warten Sie geduldig auf das Gewitter, aber unterstehen Sie sich, den Blitz mit einer geregelten Schreibroutine oder Kreativitätstechniken erzwingen zu wollen! Die Muse wird Ihr Vorhaben durchschauen und mit Mittelmäßigkeit bestrafen.

Wenn die Schleusen der Kreativität sich öffnen, seien Sie bereit: Hämmern Sie wie besessen jeden Gedanken in die Tasten, bis Sie vor Erschöpfung zusammenbrechen. Kommen Sie nicht eher aus Ihrem Kellergewölbe gekrochen, bis nicht auch der letzte Tropfen Gold aus Ihren Fingerspitzen geflossen ist. Kunst entsteht organisch: Wenn Ihnen Ihre Geschichten nicht in aller Vollständigkeit im Schlaf erschienen sind, träumen Sie falsch!

3. Erweitern Sie Ihr Bewusstsein

Ihr Verstand ist gefangen zwischen den Schranken der Vernunft. Befreien Sie ihn! Lassen Sie sich von literarischen Größen inspirieren und begeben Sie sich auf die spannende Suche nach Ihrem persönlichen psychoaktiven Benzin. Bukowski hatte Schnaps, Leary hatte LSD – was wird Ihr Steckenpferd werden? Probieren Sie es aus!

Alkohol ist billig und leicht zu haben. Wahre Größe hingegen erfordert mehr Experimentierfreudigkeit und Risikobereitschaft. Lassen Sie sich aber nicht von den Nebenwirkungen abschrecken: Ein ausgedehnter Aufenthalt in der Entzugsklinik darf heutzutage in keiner gescheiten Autorenbiografie fehlen. Machen Sie sich lieber die nützlichen Veränderungen der Lebensrealität einer Drogensucht bewusst und bedenken bei der Wahl Ihres Giftes, was für eine Goldgrube an spannendem Material Ihnen z.B. ein Leben als Junkie an der Bahnhofsecke bietet. Seien Sie sicher, dass Sie nichts verpassen!

4. Leiden Sie

Echte Kunst entsteht aus Schmerz – als Autor ist es Ihre Pflicht, so viel wie möglich davon zu sammeln. Opfern Sie deshalb bereitwillig Ihr Lebensglück auf dem Altar des Tiefgangs und zerstören systematisch alles, was Sie amüsiert. Suchen Sie nach Gründen, warum es Ihnen schlecht geht und schreiben Sie sie auf! Jede Negativerfahrung ist ein weiterer Baustein in Ihrem Lebenswerk!

Trennen Sie sich wenn nötig von Ihrem Partner und kündigen Ihren Job. Stabile Beziehungen sind der Feind des Genies und für ehrliche Arbeit sind Sie ohnehin überqualifiziert. Suchen Sie die Einsamkeit! Erst wenn Sie verlassen von der Welt, mit knurrendem Magen in einem Kellerloch hausen, haben Sie eine adäquate Umgebung für Ihren begnadeten Geist geschaffen.

5. Ignorieren Sie Ihre Leser

Moderne Literatur wird dominiert von Spannung und Entertainment. Die ungewaschenen Massen verlangen danach, unterhalten zu werden. Gönnen Sie ihnen nicht diese Befriedigung! Sie stehen über den Prinzipien emotionaler Genugtuung.

Brechen Sie die Regeln des „guten Schreibens“. Wenn Sie Punkt 1 beherzigt haben, haben Sie sie gar nicht erst gelernt! Gut strukturierte und wohldurchdachte Texte gibt es wie Sand am Meer – suchen Sie hingegen nach dem unförmigen Goldklumpen an den Klippen! Vermeiden Sie jede Form von Spannung und szenischem Schreiben – füllen Sie Ihre Seiten lieber mit ausschweifenden Erläuterungen über das Seelenleben Ihres Protagonisten. Nutzen Sie versteckte Symbole, um Tiefgang zu erzeugen – aber erklären Sie nichts! Die Aufgabe des Verstehens liegt immer aufseiten des Lesers.

6. Seien Sie perfekt

Früher oder später wird jemand versuchen Ihnen zu erzählen, Perfektion sei nicht möglich. Was für ein Unsinn! Sie.Sind.Ein.Genie. – Perfektion ist Ihr Beruf!

Hören Sie nicht auf Autoren, die sich damit brüsten, 500, 1000 oder mehr Wörter am Tag zu Blatt zu bringen. NaNoWriMo? Lächerlich! Lassen Sie sich beim Schreiben Ihres Meisterwerks Zeit und drehen jeden Satz mehrmals um, bis Sie absolut sicher sind, dass man ihn nicht besser formulieren kann. Falls Sie unsicher sind, fangen Sie noch mal von vorne an und hinterfragen das Konzept von Sprache allgemein! Legen Sie ein Stück Kohle auf Ihren Schreibtischstuhl und stehen erst wieder auf, wenn ein Diamant Sie am Hintern kitzelt!

Die Königsdisziplin der Literatur ist das fragmentarische Werk: Wenn es sich einrichten lässt, schieben Sie die Vollendung Ihres Epos auf nach Ihrem Tod. Wahre Giganten werden nur auf Friedhöfen geboren.

7. Operieren Sie nicht Ihre Babys

Würden Sie einem frischgeborenen Säugling einen Zeh abschneiden? Einen Finger, oder sogar einen Arm?

Eben!

Lassen Sie sich also nicht sagen Ihr Werk „bräuchte noch Arbeit“. Meiden Sie Verbesserungsvorschläge und jagen Sie Lektoren mit Fackeln und Mistgabeln davon! Texte überarbeiten bedeutet, an der göttlichen Inspiration herumzudoktern. Seien Sie nicht der Dr. Mengele der Literatur und versuchen, die Schöpfung zu manipulieren – genießen Sie lieber den Rausch der Kreation und erfreuen sich am Anblick Ihres perfekten Werkes.

8. Seien Sie schüchtern

Nun ist Ihr Magnum Opus also fertig. Bravo! Gönnen Sie sich einen Augenblick der Ruhe, lehnen sich zurück und genießen den Moment des Triumphs – dann nehmen Sie Ihr Manuskript und verstecken es auf dem Dachboden! Ihre Arbeit ist getan. Es ist Aufgabe Ihrer Nachkommen, Ihr Vermächtnis zu entdecken und in der Welt zu verbreiten.

Sie wollen trotzdem mit Ihrem Genie an die Öffentlichkeit? Dann seien Sie wenigstens diskret. Meiden Sie Verlage wie die Pest. Sie werden Sie dressieren und Ihren Epos wie eine Hecke beschneiden wollen. Scheuen Sie auch Internetforen, Blogs und dergleichen Plagiatsmaschinen: Jemand wird Ihr Werk stehlen und es als seines verkaufen.

Verstecken Sie stattdessen einen Ausdruck Ihres Manuskripts zwischen den Regalen öffentlicher Bibliotheken. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein glücklicher Auserwählter Ihr Machwerk entdeckt und – inspiriert von Ihrer Genialität – Sie aufsuchen wird, um sich bei Ihnen zu bedanken. Lassen Sie ihn oder sie arbeiten für Ihr Glück und vermeiden Sie auf Ihrem Manuskript jeden Hinweis auf Ihre Identität oder Adresse. Sollte doch mal jemand bei Ihnen klingeln, öffnen Sie nicht die Tür. Kunst braucht schließlich Einsamkeit.

Und vergessen Sie nie: Sie.Sind.Ein.Genie. – also leiden Sie auch dafür.

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