Spinne

Ich bin eine Spinne
meine acht Arme greifen in das Netz
und ich spüre jede Vibration
die euer Zwitschern hinterlässt

Ich bin eine Spinne
ich brauche nicht zu fahnden
du schreibst selber einen Steckbrief
und alle können ihn runterladen

Ich bin eine Spinne
ich sehe, wo du überall gewesen bist
notiere deine Interessen
und weiß, du findest dumme Menschen ekelig

Ich bin eine Spinne
du zeigst mir wie du deine Welt siehst
ich surfe auf die Fanpage deiner
Naivität und klicke dort gefällt mir

Ich bin eine Spinne
ich weiß du kennst die Geschichten
doch du liest selten Bücher
es sei denn sie handeln von Gesichtern

 

© Gregor Fischer / 2012

 

Und in manchen Nächten denke ich…

Und in manchen Nächten denke ich, ich sei doch ein Mensch /
auch wenn ich durch die Gegend schleiche wie ein Schlossgespenst /
Im Angesicht des Regens halt' ich demütig den Kopf gesenkt /
und hoffe dass mein Weg mich irgendwann ins Trockene lenkt /

Ich spuke durch das selbe Zimmer wie im letzten Jahr /
Ich werde niemals fliehen denn meine Fesseln sind aus Stahl /
Mein Leben zu verändern hab' ich leider nicht die Wahl /
denn bisher hat mir dieser Ehrgeiz stets nur Pech gebracht /

Doch der Zeiger dreht sich weiter und ich rechne ab /
die letzten Jahren waren ein konstanter schlechter Tag /
Ich befürchte meine Mama hat schon immer recht gehabt /
Ich brauche einen Plan damit es letzten Endes klappt /

Am Horizont dort glitzern keine lieben Silberstreifen /
das sind die Träume aus den Gräbern vieler Kinderleichen /
sich selber zu verbessern klingt im Grunde ziemlich einfach /
doch was soll man machen wenn man dazu keine Zeit hat?

Relativ einsam

Ich bin relativ einsam mit mir selbst
weil absolut ungeeignet für andere.

Wozu sich zwängen in eine Plätzchenform
wenn man viel lieber Kuchen bäckt?

Man kann sehr wohl als Insel überleben
wenn man sich vom Festland fernhält.

Doch verfehlen Dominosteine ihren Zweck
wenn sie nie in Reih und Glied standen?

Ohne die Reflektion im geselligen Kreis
bin ich im Spiegel alleine zum Quadrat.

Entweder mit Partyhüten am Bahnhof stehen
oder auf dem Abstellgleis im Zimmer sitzen?

Die Quelle der Freundschaftsanfragen versiegt
wenn man im Facebook zu tief nach Wasser gräbt.

Wie sollen jemals echte Funken fliegen
wenn ich Angst hab, dass der Wald abbrennt?

Vielleicht bin ich wie Pistolen für Pazifisten
aber bevor ich sterbe, geb ich mir endlich die Kugel.

Falten meines Hirns

Jedes blutige Wort
das du mir sagst
tätowiere ich mit
einer kalten Nadel
in die Falten meines Hirns

dort reifen deine Sprüche
wie ein guter Wein
solange, bis der Tag kommt
an dem ich dir besoffen
vor die Füße kotze.

© Gregor Fischer

Was passiert um 5 nach 12?

Die Uhr steht 10 vor 12.
Du liegst am Boden.
Die Papiere sind weg.
Der Agent ist geflohen.
Die Mauer steht noch
und er ist auf der anderen Seite.
Zurück bleibst nur du
blutend
und allein. 

Die Uhr steht 5 vor 12.
Du rappelst dich auf.
Kriechst über das Pflaster.
Hinter dir eine Blutspur.
Du gibst nicht auf, denn
du willst auf die andere Seite.
Zurück bleibst nur du
keuchend
und allein. 

Die Uhr steht auf 12.
Du lehnst an der Mauer.
Der Stein ist kalt und hoch.
Unüberwindbar die Höhe.
Das ist nicht zu schaffen und
langsam sinkst du auf die Knie.
Zurück bleibst nur du
besiegt
und allein. 

Was passiert um 5 nach 12?
Die Lichter  brennen noch.
Auf der andere Seite ist
noch jemand zuhause.
Das Bajonett steckt
tief in deiner Seite.
Mit voller Gewalt hat
der Agent es dort platziert.
Zieh es heraus und
die Wunde schmerzt wie verrückt.
Lass es stecken und
du verreckst voller Qualen.
Die Mauer ist hoch.
Was passiert um 5 nach 12?

Das Leben ist schön

Leicht
wie eine Feder
(einer magersüchtigen Gans)

Duftend
wie eine Rose
(die letzte ihrer Art)

Zart
wie ein Schnurren
(einer sterbenden Katze)

Leuchtend
wie die Sonne
(bevor sie erlischt)

Duftend
wie ein Neugeborenes
(ausgesetzt von den Eltern)

Gigantisch
wie ein Berg
(aus Schulden)

Grün
wie ein Wald
(der abgeholzt wird)

Ich liebe das Leben. 
(das Leben ist schön)

der Blaster

flash
Mein dampfender Körper liegt im Staub.
Kleine Rauchschwaden kräuseln sich da
wo mich der Blaster in die Brust getroffen hat.
Ich bin unbesiegbar, 
in diesem Moment

bang

Ich bleibe links liegen, um rechts zu überholen,
steige abwärts und komme in voller Fahrt hoch.
Ich denke neu, ich atme neu, ich lebe neu
Ich bin unbesiegbar, 
für einen Moment

boom

Ich stehe wieder auf, geschafft und erholt.
Mein Verstand ist ein blitz, jetzt
wo mich der Blaster in die Brust getroffen hat.
Ich bin unbesiegbar, 
seit diesem Moment


Und ich verlasse den Himmel in der Gewissheit, dass für eine Sekunde Gott mit mir gesprochen hat. 
Er hat mir ein Stück von sich gezeigt. Es hat geglänzt wie ein Blitz aus einer Pistole, 
die mich mitten in der Brust trifft und für einen Wimpernschlag wie ein Stern hinter meiner Stirn leuchtet. 
Und ich sah, dass es gut war.

Meine Zeit

Meine Zeit ist
keine Zeit
Der Zeiger dreht sich
falsch herum
Die Vögel zwitschern
Dämmerung
Scheiße, Alter
nicht schon wieder

Meine Zeit ist
keine Zeit
Die Sanduhr, sie
versandet nur
Buch und Heft und
Laptop an
Scheiße, Alter
selber schuld

Meine Zeit ist
keine Zeit
Der Wecker klingelt
gleich schon wieder
Der Fahrplan, er
erkennt mich nicht
Scheiße, Alter
wie geht's weiter?

Meine Zeit ist
keine Zeit
Die Kirchturmuhr, sie
schlägt die Stunden
Die Geschäfte
sind geschlossen
Scheiße, Alter
ich hab Hunger

Meine Zeit ist
keine Zeit
Es kommt das Grauen
vor dem Morgen
Die Menschen laufen
tags umher
doch scheiße, Alter
ich bin müde

Ein paar Zeilen…

(Hier einmal die Ergebnisse einer kleinen Schreibübung, die ich gemacht habe. Es sind drei ‘Gedichte’, wobei es sich eigentlich nur um ein paar dahingeworfene Zeilen handelt. Als ich sie nochmal gelesen hab, haben sie mir aber ganz gut gefallen – gut genug für einen eigenen Post.)

Nr. 1

Ich bin es leid alles verstehen zu müssen, alles zu hinterfragen, zu tolerieren und durch fremde Augen zu schauen, um die Wahrheit in allem zu erkennen, aber doch selbst nicht auf einen grünen Zweig zu kommen.

Ich bin es leid mich zu quälen, mich zu wälzen und zu drehen, mir die Meinungen durch den Kopf zu jagen, damit ich dann sagen kann „Ja, ich verstehe“.

Ich bin es leid zu tolerieren, zu akzeptieren, zu hinterfragen und nachzudenken, damit ich besser bin.

Ich bin es leid durch fremde Augen zu blicken, Standtpunkte nachzuvollziehen, die Wahrheit in allem erkennen zu müssen, mich damit zu quälen, ohne selbst etwas zu haben.

Ich bin es leid, es leid zu sein, zu ertragen, es über mich ergehen zu lassen, hinzunehmen, wegzustecken, anzuerkennen, zu nicken, zuzustimmen, einzuräumen, zu diskutieren, zu verifzieren, Recht zu geben, die Perspektive zu wechseln, ohne selber eine haben zu dürfen.

Nr. 2

Es ist eine Nachtigal, ein Mondschein, eine Obsession in dieser Sommernacht, in der Wärme der Abendstunde, die mir den Atem raubt.

Es ist eine Schande, ein Verbrechen, eine Untat, ein Vergehen, das zum Himmel stinkt.

Es ist ganz, ein Hauch von Erregung in ihr, der meine Fantasie beflügelt.

Es ist eine offene Wunde, ein Kopfschuss, eineschrei, der meinen Schmerz lindert.

Es ist ein Nichts, Leere, ein gähnender Abgrund, die kalte Unendlichkeit des Werieren lässt.

Nr. 3

Ich habe Talent, aber wenig Disziplin, Ruhm, aber keinen Gesang, Menschen, aber keine Menschlichkeit. Ich habe einen Kopf, aber keinen Verstand, Gedanken, aber keine Ideenber keine Potenz.

Ich habe Glück, aber keinen Verstand, Geld, aber keine Freunde, mich, aber niemanden sonst.

Totgesagt

 Totgesagte 
leben länger,
das Niemandsland
ohne Grenzen
nur Regale,
Staub und Dreck.
Wir können nichts wegwerfen,
nicht älter als zehn Jahre,
trotzdem danke Totgesagte
schlafen länger,
hohe Hallen
tief darunter
ein Grab
Wissen,
weise und schön.
Der Pharao schläft,
kommen sie doch später wieder
trotzdem danke Totgesagte
leben schöner,
die Skelette
schleppen Bücher
grausame Herren,
Peitsche,
Portmonnaie und Brot.
Warum kostet das denn jetzt?
So sind die Bedingungen
trotzdem danke Totgesagte
schlafen nicht,
an Vollmond
kommt der Werwolf
Streuner,
Verrückte und Despoten
Sie pilgern zu uns,
schreien sie bitte nicht so
trotzdem danke Totgesagte
bleiben tot
aber niemals so
wie man es denkt
besuchen sie ihre örtliche Bibliothek
wir beißen nicht