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„Schmeckt dir das Steak? Es ist blutig.“
Lara nickte. Ihr Lächeln erinnerte an ein schüchternes Lamm. In dem Kerzenlicht, welches das Speisezimmer in zwielichtiges Halbdunkel tauchte, schimmerten ihre Locken wie Kastanien zu Weihnachten. Man fürchtete, sie zu berühren, aus Angst, ihr Glanz könne verblassen; zur selben Zeit sehnte man sich nach dem seidigen Streicheln auf der Haut.
Vincent beobachtete Lara vom anderen Ende des Tischs. Er sog ihren Anblick in sich auf, wie ein Verdurstender an einem feuchten Tuch. Seinen Teller rührte er kaum an. Er schob die Erbsen mit der Gabel im Kreis, bis er das Fleisch von der Beilage getrennt hatte. Sein Blick haftete magisch auf seinem Gast.
Sie ist perfekt, dachte er. Makellos schön und vollkommen.
Ein Gaumenschmauß.
Gewürze, deren Namen nur ein Sternekoch auszusprechen wüsste, erfüllten das Esszimmer mit einem exotischen Duft. Unsichtbar schwebten die Dämpfe von den Tellern empor, um der Nase zu schmeicheln. Vincent achtete penibel auf die Erlesenheit der von ihm servierten Speisen. Sie komplimentierten gekonnt das Ambiente seiner Wohnung, seines Refugiums. Ein wahrer Genussmensch achtete auf Wert und Wertigkeit.
Das Wohnzimmer glich einer Galerie. Die Schwarzweißfotografien an den Wänden ließen keine Zweifel über den erlesenen Geschmack ihres Besitzers aufkommen. Frauenkörper in erotischen Posen – stets nur Andeutungen, die Raum für die Fantasie des Betrachters schafften. Vincent hatte sie selbst fotografiert. Sein stolzester Besitz ruhte über der Couch unter einem Halogenstrahler. Er nannte es „die Venus“. Der Name des Modells entfiel ihm in diesem Moment. Er konnte sich nicht erinnern.
Das brauchte er auch nicht.
Noch immer schlummerten Teile von ihr zwischen den Eiswürfeln im Gefrierschrank.

„Pinot Rosso aus der Toskana. Jahrgang 1963. Der Winzer ist ein persönlicher Freund von mir. Er schenkte mir diese Flasche für einen besonderen Abend. Ich denke, heute könnte sie ihrem Sinn gerecht werden, meinst du nicht auch?“
Lara senkte den Kopf, versuchte mit einem Seitenblick ihre errötenden Wangen zu verstecken.
„Du hinterlässt auch so einen bleibenden Eindruck, du brauchst mich nicht beschwippst machen.“
„Rotwein ist gut für die Gesundheit“, bemerkte Vincent und öffnete die Flasche. „Und warte mit deinem Eindruck ab, bis du mich näher kennengelernt hast.“
Die Gläser trafen sich zwischen den Kerzen.
Ihr klingender Glockenton verebbte und Lara fixierte ihren Gastgeber mit einem Lächeln.
„Ich möchte dich etwas Indiskretes fragen“, sagte sie nach dem ersten Schluck.
„Entpuppst du dich etwa als Steuerfahnderin?“ scherzte Vincent. „Zur Finanzierung meines Domizils kann ich nämlich keine ehrliche Auskunft erteilen!“
„Nichts so Gemeines. Mich interessiert nur, ob du schon viel Erfahrung hast mit der Art, wie wir uns getroffen haben?“
Seufzend hob Vincent das Glas. „Sie ist schon etwas ungewöhnlich, nicht? Die meisten Gutbürger würden uns für verrückt erklären.
„Du machst dir keine Vorstellung, wie meine Freundinnen mich angesehen haben“, verdrehte Lara die Augen. „Als müsse man mich in eine Zwangsjacke stecken.“ Das Lächeln kehrte zurück. „Also?“
„Erfahrung kann man es nicht nennen“, gestand Vincent. „Eher Ernüchterung. Moderne Zeiten, einsame Seelen – man findet so viel Elend in den Weiten des Internets.“
„Du fühlst dich unwohl?“
„Im Gegenteil.“
„Stört es dich denn nicht?“
Vincent beugte sich vor wie ein Gepard an einem Wasserloch und sah ihr tief in die Augen.
Eine angenehme Gänsehaut legte sich auf Laras Arme.
„Wenn das Kerzenlicht in dein Gesicht scheint“, flüsterte Vincent, „glitzern deine Augen wie Sterne, Cherie. Es spielt keine Rolle, wo ich dich gefunden habe – du bist da, das ist alles was zählt.“
Ein Seitenblick reichte nicht länger um ihre Röte zu verbergen. Lara strich eine Locke hinter das Ohr – es verbarg nicht das Grinsen in ihrem Gesicht.
„Du bist ein Charmeur“, sagte sie verlegen.
„Oh, ich bin so viel mehr als das“, erwiderte Vincent und zählte in Gedanken die Minuten, bis das Kodein seine Wirkung entfalten würde.

Echte Hedonisten scheuten sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Die saftigsten Früchte wurden nicht von Feiglingen gepflückt – wahrer Genuss war ein Privileg der Mutigen. Wenn dabei Äste abbrachen, versicherte ihr Knacken nur, dass man sich auf dem richtigen Weg befand.
Dinge gingen kaputt. Vincent war sicher, dass Lara das verstehen würde.
Er hatte sein Leben dem absoluten Genuss verschrieben. Ein gut gepolstertes Bankkonto mit mehr Stellen, als es ihn kümmerte zu zählen, entband Vincents Sucht jeglicher Schranken. Es erlaubte ihm, sich in immer düstere Ecken des Menschseins zu verirren. Jedes Jahr wuchs die Liste seiner begangenen Abscheulichkeiten um einen neuen Eintrag. Vincent bevorzugte das Junggesellendasein aus präzise diesem Grund. Seine Jagd nach Gaumenfreuden hatte ihn auf interessante Pfade geführt.
Noch immer staunte er, was man im Internet alles entdecken konnte.
Unter dem Vorwand nach dem Dessert zu sehen, entschuldigte sich Vincent und stand vom Tisch auf. Er tupfte seine Lippen mit der Serviette ab, lächelte und verschwand durch eine massive Eichentür in die Küche.
Ein Topf mit geschmolzener Schokolade köchelte auf dem Herd. Der Duft von Zartbitter und Muskat passte nicht zur klinischen Kälte der Einrichtung. Eine Arbeitsplatte aus blank poliertem Edelstahl erstreckte sich von einer Wand zur anderen. Sie bot genügend Platz für ein halbes Dutzend messerschwingender Köche mit weißen Mützen, nur stellte man sie sich unweigerlich mehr wie Chirurgen vor. Die Klingen der Messer, die entlang der Fliesen hingen, gemahnten eher an Skalpelle, denn an Kochutensilien. Vincent nahm eines von ihnen aus der Halterung und prüfte die Schneide.
Nicht scharf genug, urteilte er. Es muss perfekt sein.
Mit dem Finger fuhr er die Reihe entlang und wählte ein anderes, kleineres Messer aus. Es war spitzer und leichter, genügte aber nicht seinen Ansprüchen.
Es muss zu ihr passen.
Beiläufig rührte er den Topf um, als eine Klinge am Ende der Reihe seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Da. Er hatte sie gefunden. So trivial es auch war, es passte perfekt zu seiner Vorstellung – ein klassisches Küchenmesser, groß aber elegant. Wie in den Filmen. Er blickte mit zugekniffenem Auge die Klinge herab, wie durch ein Zielfernrohr.
„Hat dich das Dessert verschluckt?“ drang Laras Stimme durch die Tür.
„Einen Moment noch, Cherie“, antwortete Vincent. „Es soll alles perfekt für dich sein.“
Echte Hedonisten mussten Opfer bringen. Ein Steak schmeckte am besten, wenn es blutig war. Vincent spürte, dass Lara es verstehen würde. Sie war so klug; ihr Geist so aufgeschlossen – sobald er es ihr erklärte, würden ihre wunderschönen braunen Augen aufflammen mit Erkenntnis. Leider nicht für lange.
Fast zu schade, dachte er. Er konnte sie gut leiden.
Eine Frau nach meinem Geschmack.
Der Kühlschrank am Ende der Arbeitsplatte strömte Kälte in den Raum. Wie ein Eisblock schmiegte er sich an die Fliesen und schien jede Bewegung zu beobachten. Vincent legte das Messer zurück und öffnete das Gefrierfach. Unter Brocken weißen Eises lagerten Schichten von Plastiktüten mit Gemüse, gefrorenen Kräutern, Steaks und Hühnerbeinen. Jeder Beutel war mit einem Etikett beklebt, das von Eiskristallen umrahmt über den Inhalt informierte. Vincent besaß nicht die Absicht, noch einen weiteren Gang zu zaubern. Vorsichtig hob er die obersten Schichten heraus. Darunter kamen weiße Plastikboxen zum Vorschein. Auch sie hatten Etiketten.
„Guten Abend, meine Damen“, flüsterte er und öffnete sie.
Ein Paar tiefgefrorener Augen starrte ihn an.
„Ich hoffe, ihr fühlt euch wohl. Habt ihr noch Platz für einen Neuzugang?“
Eine der Boxen war leer. Das Etikett trug keine Aufschrift. Vincent öffnete sie und prüfte den Platz. Dann nahm er einen Stift und beschriftete sie.
In kleinen, schwarzen Buchstaben schrieb er ‘Lara’ auf das Etikett.
„Gut Ding will Weile haben“, erklärte Vincent, als er aus der Küche zurückkehrte. „Das Mousse braucht noch ein paar Minuten zum Ziehen. Wie ich sehe, hast du die Zeit genutzt und uns noch mal nachgeschenkt?“
„Ich möchte anstoßen“, verkündete Lara mit einem Lächeln. „Auf uns.“
„Hört, hört!“
„Ich gestehe, dass ich meine Zweifel hatte. Aber ich bin froh, dass ich gekommen bin.“
Sie stießen an und tranken den Wein. Vincent entdeckte verwundert, dass Lara ihn tatsächlich um fast eine Handbreit überragte.
Sie lächelte ihn an. Etwas kam ihm merkwürdig vor.
„Spürst du schon etwas?“ fragte sie.
„Meinst du den Wein? Nein, Alkohol steigt mir nicht so schnell zu Kopf.“
„Den meinte ich auch nicht.“
Der zarte Ausdruck der Nichtverstehens auf Vincents Gesicht blühte auf, als er merkte, dass seine Zunge nicht mehr länger seinen Befehlen folgte.
Ihm wurde schwarz vor Augen.
Er fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Lara Kellermann besaß keine besonders hohe Meinung von der männlichen Spezies. Männer jeden Alters hatten versucht, sie zu erobern – nach den ersten Nächten jedoch kehrten die meisten ihr frustriert den Rücken zu. Nicht selten vermuteten sie eine unterdrückte lesbische Neigung als Grund für ihre distanzierte Art und den Ekel, mit dem sie ihnen begegnete. Doch das war nicht der Fall. Lara verspürte Erleichterung, wenn die Männer endlich flüchteten.
Ihr Gestank schnürte ihr die Kehle zu.
Männlicher Körpergeruch verstörte sie. Ihr Schweiß trieb Lara in den Wahnsinn. Eine Berührung im Vorbeigehen reichte aus, – der Geruch setzte sich fest, kletterte an ihr empor und ergriff Besitz von ihr. Verzweifelt hatte sie Nächte unter der Dusche verbracht und versucht den Gestank mit Bleiche abzuwaschen. Es dauerte Ewigkeiten, bis sie wieder Luft bekam. Wenige Tage später spendierte der nächste Charmeur am Tresen ihr einen Drink und die Odyssee begann von Neuem.
Lara wollte nichts mehr, als sich vom Ekel zu befreien.
Erst spät hatte sie einen Weg gefunden, ihre Abneigung zu überwinden.
Eine Seite im Internet hatte sie auf die Idee gebracht.
Wie taff und abgebrüht sie sich auch gaben, den meisten Kerlen huschte ein beunruhgtier Schatten über das Gesicht, wenn Lara aus ihrer Handtasche das Messer nahm. Die Klinge blitzte auf. Ab da brauchte es nicht viel, bis sie ihr wahres, weniger hartes Gesicht zeigten. Den Gestank von Urin ertrug sie besser.
„Hast du gut geschlafen, kleiner Prinz?“
Lara begutachtete die schwarzweißen Fotografien an den Wänden, als jemand hinter ihr plötzlich stöhnte und sie sich zu Vincent umdrehte. Er saß mit Klebeband gefesselt auf einem Stuhl. Ein Knebel steckte in seinem Mund.
Den Stuhl hatte sie vor der Fotografie der Venus platziert. Es schien ihr passend zu sein. Der Halogenstrahler setzte Vincent in ein Spotlight, wie auf einer Theaterbühne. Schweißtropfen perlten von seiner Stirn, verklebten ihm das dunkle Haar.
Lara rümpfte die Nase. Trotzdem lächelte sie.
„Weißt du, was Rohypnol ist? Unglaublich vielseitig. Ich trage stets ein Fläschchen bei mir. Man kann nie wissen, wen man unterwegs trifft. Geht es dir gut?“
Vincent hob den Kopf und zuckte zusammen, weil das Licht ihn blendete. Durch den Knebel verkam sein Protest zu einem dumpfen Gemurmel. Mittlerweile interessierte Lara sich nicht mehr für die Gelübde und Entschuldigungen ihrer Dates zu diesem Zeitpunkt. Sie langweilten sie. Auch wenn Vincent trotz allem sehr gefasst wirkte. Er schien etwas wichtiges sagen zu wollen.
„Von allen meinen Eroberungen bist du bisher die wohlriechendste, mein Süßer. Die Gegenwart von Männern ertrage ich sonst nur schwer; dich finde ich fast tolerabel. Du musst ein sehr reinlicher Mensch sein, schätze ich.“ Lara lächelte; dann zuckte sie die Schultern. „Aber das wird dir auch nicht helfen.“
Sie wartete einen Augenblick lang die Wirkung ihrer Worte ab. Aber Vincent zuckte nicht mal mit der Wimper. Seine Augen hatten sich an die Helligkeiten gewöhnt und nun sah er ihr direkt in die Augen. Er blinzelte nicht mal.
Das machte Lara sehr wütend.
„Ich weiß ja nicht wofür du dich hältst“, fauchte sie und griff nach ihrer Handtasche, „aber deine Machotour bringt nichts! Ich will Blut sehen!“ Plötzlich hielt sie das Messer in der Hand, presste es gegen Vincents Kehle. Die Spitze drückte die Haut ein, grub sich in den Adamsapfel, bis jede Sekunde das Blut über die Klinge sprudeln würde.
Aber das Drecksschwein gab sich weiter unbeeindruckt.
Arroganter Schnösel, dachte Lara. Dir werde ich noch Manieren beibringen.
Sie setzte ihr tödliches Lächeln auf.
„Du bist zugegeben meine erste Eroberung aus dem Internet. Das übliche Spiel ist mir zu aufwendig geworden. Heutzutage darf man in den Kneipen ja nicht mal mehr rauchen. Weißt du, wie sehr es da nach Schweiß stinkt? Jede Sekunde muss ich mich zusammenreißen, um mich nicht auf den Schuhen eines armen Kerls zu erbrechen. Es ist widerlich.“ Sie machte eine Pause. „Ich bin immer wieder erstaunt, was man so im Internet alles finden kann. Du scheinst mir gar kein so übler Kerl zu sein, auf den ersten Blick. Vielleicht lohnt sich der Account bei Friendscout ja doch.“
Allmählich würde er mürbe werden. Manchmal brauchte die Panik einen Moment, bis sie die Seele umklammerte. Erst kam die Furcht; dann die Verzweifelung und die Tränen. Schließlich brachen sie alle; man konnte die Hoffnung förmlich bersten hören. Erst dann wusste Lara, dass es Zeit war, den abscheulichen Gestank ihres Opfers durch seine Venen abzulassen.
Stattdessen schüttelte Vincent sich. Seine Brust hob und senkte sich in rapiden Stößen. Es wirkte fast so, als würde er…
„Lachst du etwa?“ Lara drückte das Messer wieder gegen seinen Hals. „Du hättest Galgenhumor zu den Stärken in dein Profil schreiben sollen! Was ist denn so verdammt lustig?“
Das Geräusch wurde durch den Knebel gedämpft. Es war aber unverkennbar, dass sich Vincent köstlich über etwas amüsierte.
Wütend riss Lara ihm das Klebeband vom Mund und rupfte Teile seines Bartes gleich mit.
„Spuck es schon aus, du Drecksschwein!“
„Es ist nichts“, sagte Vincent, immer noch kichernd. „Ich bin einfach nur glücklich.“
„Du scheinst den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Ich werde dich schneiden!“
„Das ist mir schon klar“, erwiderte Vincent. „Ich hätte es einfach nur nie für möglich gehalten.“
„Was für möglich gehalten?“
Vincent grinste. „Dass ich mal im Internet meine Traumfrau treffen würde.“
Laras Gesichtszüge versteinerten sich. Sie wusste nicht, ob sie wütend oder überrascht sein sollte. Was für ein Spiel er mit ihr auch zu spielen versuchte, Vincent schien von der Situation völlig unberührt.
Er bemerkte ihre Verunsicherung.
„Ich habe eine kleine Überraschung für dich“, erklärte er väterlich. „Schau mal in den Kühlschrank.“
Lara zögerte. Langsam ließ sie die Klinge sinken. Es war, als zuckte sie innerlich mit den Schultern und ging dann in die Küche.
Vincent blieb nichts andere übrig, als im Stuhl sitzen zu bleiben. Grinsend starrte er ins Leere.
Ein wohliges Gefühl durchströmte ihn, als er das Gelächter in der Küche hörte.

„Wie schmeckt Euch das Steak? Es ist etwas blutig.“
Jack und Miriam, die beiden Amerikaner, die mit Lara am Tisch saßen, signalisierten ihre Zustimmung mit erhobenen Daumen.
„Exzellent“, sagte Jack mit texanischem Akzent. „Fast so gut wie zuhause bei Mum.“
„Fantastic“, stimmte Miriam zu. Ihr Mund hatte Mühe mit ihrem Appetit mitzuhalten. „Was ist das für Fleisch?“
„Eine Spezialität meines Freundes.“
„Er ist ein Genie. Ich habe noch nie so zartes Steak gegessen. Wo bleibt er?“
„Die Arbeit hat ihn aufgehalten. Er sollte aber bald zu uns stoßen. Mehr Wein?“ Jack und Miriam nickten und Lara füllte die Gläser nach. „Wie lange, sagtet ihr gleich, seid ihr noch in der Stadt?“
„Morgen reisen wir ab“, erklärte Jack und nickte zu den Wanderrucksäcken, die im Flur an der Wand lehnten. „Die Berge der Toskana warten auf uns.“
„Wir hatten so ein Glück, über die Anzeige im Web zu stolpern“, freute sich Miriam. „Es ist wirklich ein herrlicher Abend, Lara.“
„Und er hat gerade erst begonnen. Aber du hast recht. Es ist erstaunlich, was man alles so im Internet entdecken kann. Tatsächlich hat mein Freund das Rezept für den Braten in einem Forum entdeckt. Er verbringt dort seine ganze Zeit. Ach, würdet ihr mich kurz entschuldigen? Ich muss nach dem Nachtisch sehen.“
„Natürlich. Wir bedienen uns solange noch an dem Wein.“
Lara lächelte und stand vom Tisch auf. Sie verschwand in der Küche.
„Und?“ fragte Vincent und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Wie sieht es aus?“
Lara hob mahnend einen Finger. Sie lauschte.
Durch die Holztür hörte man gedämpft das Gespräch der beiden Touristen.
Plötzlich hörte es auf. Wenig später schepperten die Teller.
„Faszinierend“, sagte Lara beim Anblick der auf den Tisch herabgesunkenen Köpfe. „Wen man im Internet alles kennenlernt…“

Das Mädchen und der Oger

In den nördlichen Ruinen bekam man auf den Sklavenmärkten für einen strammen Burschen einen ganzen Sack Münzen. Die Viehtreiber aus Meatmarket verheizten ihre Arbeiter schneller, als die Sklavenjäger sich die Hände reiben konnten. Auch im großen Schlachthaus passierten genug Unfälle, dass immer Bedarf nach Männern mit Muskeln und starkem Magen bestand. Selbst die Alten, die Lesen und Schreiben konnten, taugten noch als Schreiber oder Buchhalter.
Mädchen dagegen brauchte man im Norden nur für einen Zweck.

Quaid hatte die Kapuze gegen den Regen hochgezogen und betrachtete die Käfige, in denen die Sklaven angebunden waren. Die Fackel knisterte, das Licht glitzerte schwarz in ihren Augen. Man spürte ihre Angst. In der Miene des Jägers spiegelten sich allerlei Gefühle, von Ekel, Widerwillen bis hin zu Mitleid, doch das prägnanteste unter ihnen war ein nagendes Gewissen.
„Das ist der Verräter“, flüsterte eine Frau aus der Masse angklagend.
Von Norden her zog ein Gewitter auf und ein Blitz zuckte in der Ferne durch den bleiernen Horizont. Er kam näher und die Gefangenen zuckten zusammen. Sie wichen vor ihm zurück, wie Kakerlaken vor einer Laterne. Sie erinnerten sich an sein Gesicht, knöchrig wie eine Eiche, das vor zwei Tagen in ihr Dorf geschneit war. Der graue Zopf, die hagere Statur – er wirkte wie ein alter Wolf auf der Suche nach der Heimat.
Es war stets eine ähnliche Routine.
Er fragte höflich nach dem Weg und erzählte von einer beschwerlichen Reise durch ein nahgelegenes Sperrgebiet, um etwas Tand und Glitzerkram gegen frisches Wasser aus den Brunnen tauschen zu dürfen. Abends, kurz bevor er wieder aufbrach, spendierte er den Wachen an den Toren und Zäunen immer noch eine Runde, dass sie ja die Augen aufhielten.
Dann verschwand er wieder so lautlos, wie er gekommen war.
Kurz darauf kamen der Oger und seine Treiber.
Ich habe ihnen nur den Weg gezeigt, hörte Quaid sich denken, sonst habe ich doch nichts getan?
„Glotzt mich nicht so an“, schnauzte er, „ich tue euch nichts. Nichts, verstanden? Seht ihr das Messer hier?“ Er zückte das kleine Wildmesser aus der Lederscheide an seinem Gürtel. „Es ist sehr scharf, also seid vorsichtig. Ich vergrabe es hier vor dem Käfig im Schlamm, habt ihr verstanden? Wenn ich wieder weg bin, könnt ihr es ausbuddeln. Der Käfig ist aus Holz, die Seile sind nicht dick. Nehmt es um euch zu befreien. Aber egal was passiert, haltet euch vom Treibstofflager fern, hört ihr?“
Die Gefangenen glotzten ihn versteinert an, wie Holzpuppen. Er warf das Messer in den Matsch, schaufelte es mit dem Stiefel zu, nicht sicher für wen er das tat – sie, oder sein Gewissen.
Was kümmerte es mich?
Die Freiheit liegt ihnen vor den Füßen, dachte er, zugreifen müssen sie selbst. Mehr kann ich nicht tun.
„Was ist mit dem Mädchen?“
Eine Frau drängte sich nach vorne an das hölzerne Gitter, ihr Gesicht war verklebt von Ruß und getrockneten Tränen. Den Lumpen, die sie trug, haftete ein Gestank wie von einem Benzinfass an. Sie musste nur knapp dem Feuertod entgangen sein.
„Ich weiß nicht, von welchem Mädchen du sprichst.“
„Der kleine Mann hat sie geholt, mit der Narbe auf der Glatze.“
„Du meinst Taggard.“
„Er hat ihr einen Eisenkragen umgelegt und mitgenommen. Dort hinüber, in das große Zelt hat er sie gebracht.“
Er brauchte dem Fingerzeig des dürren Weibs nicht zu folgen, er wusste auch so, auf welches Zelt sie zeigte. Es war das größte von ihnen. Wegen des Stallgeruchs bauten die Männer ihre Lager immer im größtmöglichen Abstand zum Zelt des Ogers.
„Hör mir zu, damit habe ich nichts zu schaffen.“
„Aber was wird mit ihr passieren?“ wollte die Frau erfahren und griff nach Quaids Arm. „Was hat er mit ihr vor?“
„Er ist ein Mutant, verdammt. Du kannst es dir doch bestimmt denken.“
„Lass sie nicht alleine dort zurück!“
„Warum sollte mich das Gör kümmern?“
„Aus dem selben Grund, aus dem du gerade das Messer im Dreck vergraben hast.“
Quaid setzte zu einer Antwort an, als eines der Zelte sich öffnete und ein bärtiger Kerl daraus hervorkroch. Er ächzte und streckte knackend die Glieder.
„Was guckst du denn so bedröppelt, alte Schlampe?“ Er baute sich vor dem Käfig auf und öffnete den Reißverschluss. „Hast wohl noch nie eine Anaconda gesehen, was?“
Lachend pisste er den Gefangenen auf die Füße, während hinter ihm der Jäger in den Schatten verschwand.

Er tauchte zwischen den Zelten ab und drückte sich wie ein Schatten durch den engen Kanal der Nylonwände. Am anderen Ende tauchte er auf und schlenderte plötzlich harmlos in Richtung der großen Feuerstelle. Drei Plastikstühle knackten und ebenso viele Männer reckten ihre Hälse, um zu sehen, wer dort aus der Dunkelheit kam.
„Sag bloß, es ist wieder soweit, Quaid. Schleichst du herum und suchst nach einem Fleckchen, von dem aus du den Mond anheulen kannst?“
Die Männer lachten und im nahenden Frost warf ihr Gelächter Wolken. Um ihre Schultern hatten sie schwere Decken geschlungen. Vom Feuer und vom Schnaps leuchteten ihre Visagen rot wie Pavianärsche. Der Witzbold in der Mitte war Taggard, der Sklavenmeister. Er war außerdem die rechte Hand des Ogers. Über seinen Schädel zog sich eine Narbe wie eine Furche im Acker.
„Halt dich an der Flasche fest, Taggard“, erwiderte Quaid im Vorbeigehen, die Hände in den Manteltaschen „sonst kippst du noch aus dem Stuhl. Ich vertrete mir nur die Beine.“
„Bist du dir zu gut, dich hinzusetzen und mit uns einen Schluck gegen die Kälte zu nehmen?“
„Heute nicht, ich bin müde. Ist der Oger noch auf der Jagd?“
„Das ist er. Aber er wird sich beeilen, wieder nachhause zu kommen, wenn das Essen wartet.“
Taggard lachte und entblösste dabei die Lücken und fauligen Stümpfe, die ihm noch als Zähne geblieben waren. Seine zwei fies aussehenden Kumpanen in den Plastikstühlen stimmten mit ein, wobei einer fast betrunken hinten überfiel.
Quaid guckte irritiert.
„Irgendetwas, das ich wissen sollte, Taggard?“
„Hast du die Kleine nicht gesehen, Wolfsmann? Es ist wieder so weit.“
„Wen zum Teufel meinst du?“
„Sie werden von Mal zu Mal jünger, Quaid. Die Neue ist gerade mal elf. Nicht mehr lange, und wir rauben Kinderkrippen für ihn aus. Er ist ein Mutant, verdammt. Ich weiß nicht, was er in seinem Zelt da mit ihnen treibt. Aber wenn er keine bekommt, wird er unruhig und verliert die Kontrolle. Es ist für uns alle besser, wenn wir zusehen, dass er Nachschub kriegt.“ Taggard nahm einen Schluck aus der Flasche, spuckte aus. „Dabei ist die Kleine echt hübsch, verdammt. Augen wie Kastanien. Wenn sie noch Jungfrau ist, kenne ich in Meatmarket ein, zwei Züchter, die sich die Finger nach ihr lecken würden.“
„Ich bin mir sicher, du würdest einen Spitzenpreis aushandeln.“
„Da kannst du Gift drauf nehmen“, zischte Taggard und gab die Flasche weiter. „Morgen knöpfen wir uns das Dorf oben am Ende des Flusses vor, sagt der Boss. Hübsche Mädchen hocken da auf ihren zarten Jungfernhäutchen, Wolfsmann. Sieh zu, dass du schlafen gehst. Du musst fit sein. Müde bist du nur totes Fleisch.“
Quaid nickte und überließ mit ernster Miene Taggard und die Söldner wieder dem Schnaps.

Er ging an den Zelten vorbei in Richtung der Uferböschung, wo man ihn öfters um diese Zeit antreffen konnte. Der Regen tropfte von seiner Kapuze, er fror, als er ein Geräusch hörte und widerwillig seinen Schritt anhielt. Niemand beobachtete ihn, dessen versicherte er sich mit einem Schulterblick. Dann lauschte er.
Es klang wie das gedämpfte Winseln einer Hündin, die im hohen Gras ihre Jungen auspresst. Das Schluchzen war erbärmlich. Quaid ahnte, wer dort weinte.
„Dafür habe ich keine Zeit“, knurrte der Jäger nervös und schielte zum Treibstoffdepot. Er wollte weitergehen und das Geräusch einfach ignorieren, als sich etwas im Zelt bewegte und sich die dünne Nylonplane wölbte. Das Muster einer Hand zeichnete sich ab und fuhr von innen über den Stoff.
Eine rostige Metallschere schnitt ihm ins Gedärm, zerteilte genüsslich seine Eingeweide.
So fühlte es sich zumindest an, denn er erinnerte sich an das erste Kind, das im Zelt des Ogers verschwunden war. Nie hatte Quaid soviel gesoffen, wie in dieser Nacht, als die Schreie aus dem Zelt durch das Lager gehallt waren.
Grimmig warf er einen Blick über die Schulter zum Feuer, wo Taggard und die Anderen lachten.
Dann verschwand er lautlos hinter dem Vorhang in das Zelt.

Im Inneren des Zelts fühlte Quaid sich, als hätte er einen Schweinestall betreten. Die Luft war stickig, klebte ihm im Gesicht und zwischen den Fingern. Stroh lag auf dem Boden verstreut, durcheinander als hätte eine Familie Ferkel sich darin gewälzt. Licht gab es keins. Quaid glaubte nicht an die Gerüchte, nach denen der Oger im Dunkeln sehen konnte – er hatte vielmehr eine feine Nase, mit der er seine Beute erschnüffelte. Wie er jedoch den Gestank in seinem Quartier aushalten konnte, war Quaid schleierhaft.
Seine Pupillen nahmen sich ihre liebe Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber Quaid brauchte auch nicht lange. Das raschelnde Stroh war nicht zu überhören. Außerdem gab es in einem fünf mal fünf Schritt großen Zelt nicht viel Gelegenheit, sich zu verstecken. In der rechten hinteren Ecke bewegte sich ein kleiner dunkler Fleck und Quaid trat näher, um nachzusehen. Sofort stieg ihm der scharfe Ton frischen Urins in die Nase und der Jäger machte einen Schritt über die Pfütze hinweg, wo das Mädchen sich gezwungenermaßen entleert hatte. Als seine Augen sich endlich angepasst hatten, brach ihm der Anblick fast das Herz.
Die Kleine konnte kaum älter sein als zehn oder elf Jahre. So ein junges Ding, dachte Quaid, und unterdrückte eine überraschend aufkommende Übelkeit. Was hat er nur mit ihr vor?
Von ihrem dünnen Hals baumelte ein Eisenkragen, den man sonst für einen Bullen gebraucht hätte. Die Kette verschwand an eine Karabiner im Boden, sodass dem Mädchen nur ein kleiner Radius blieb, in dem sie wie ein Hund kriechen konnte. Dass sie stand, war nicht vorgesehen. Ihr Gesicht wirkte nicht nur aufgrund des schlechten Lichts schwarz; Dreck und Schmutz verklebten ihre Haare, setzten sich unter den Fingernägeln fest und machten aus ihrem sonst süßen Gesicht das Antlitz eines Flüchtlings. Sie trug keine Kleidung, nur einen alten Kartoffelsack um ihre Schultern.
Quaid schaute sie lange an. Ich habe keine Zeit, dachte er wieder. Ich hab getan, was ich konnte. Jetzt muss ich an mich denken. Der Oger zieht mir die Haut ab. Zum Teufel mit diesem Mädchen, sie sitzt ja nicht in meinem Zelt!
Da meldete sich in Quaids Eingeweiden das selbe Ziehen wieder zu Wort, das ihn bereits ins Zelt geführt hatte. Er wusste, dass er keine Wahl hatte. Die Augen des Mädchens flackerten wässrig. Sie zuckte wie eine verängstigte Ratte, als Quaid seine Hand nach ihrem Hals ausstreckte.
„Wehe, du beißt mich“, knurrte er und machte sich an dem Schloss zu schaffen. Es klimperte kurz, er nahm seinen Schlüssel vom Gürtel, dann machte es ‘Klick!’. Er hob den Kragen von den Schultern des Mädchens und legte ihn leise ins Heu.
„Komm“, sagte er knapp und reichte ihr die Hand. Der apathische Blick der Kleinen wanderte von den knorrigen Falten auf Quaids Gesicht zu seiner Pranke. Wahrscheinlich merkte sie selbst nicht, wie sehr sie zitterte. Sie starrte nur auf das Angebot des Jägers, als verstünde sie die Sprache nicht, während unbemerkt eine Träne aus ihrem Auge floss. „Komm schon“, wiederholte Quaid drängender, aber die Gefangenen zeigte keine Reaktion. Ich habe keine Zeit dafür, dachte er wieder und stand auf. Es fühlte sich kaum anders an als geschossenes Reh zu tragen, als er das Mädchen vom Boden aufhob und unter seinem Mantel versteckt nach draußen in den Regen trug.

„Macht die Käfige auf, ihr müden Penner! Frischfleisch im Anmarsch!“ Taggard war auf einmal wieder auf Hochtouren, seine Wangen glühten rot wie die Kohlen im Feuer. Trotz seines gehörigen Pegels hielt er sich stramm, als durch Regen und am Horizont grollenden Donner in das Lager drei Reiter geritten kamen. Schlamm spritzte, die Tiere scharrten unruhig mit den Hufen; man hörte das Klirren der Ketten, wie sie von den Sätteln gelöst wurden. Zwei der Reiter stiegen ab, der Regen tropfte ihnen von den Bärten. Sie sahen ebenso müde aus, wie ihre Gefährten, die eilig aus den Zelten krochen und Fackeln brachten. Am Ende der Ketten hingen die Hälse von zwölf bemitleidenswerten Männern und Frauen. Mit den Knien im Schlamm ertrugen sie den herab prasselnden Regen, spürten die Tropfen auf ihren Köpfen und fühlten sich wie begossene Pudel. Sie waren vor dem Heuschreckenangriff des Ogers geflohen. Offenbar nicht weit genug. Der Oger hatte sie im Unterholz aufgespürt. Und er mochte es nicht, wenn er Flüchtlingen folgen musste.
„Da hat sich der Aufwand ja gelohnt“, stellte Taggard fachmännisch fest, während er dem ersten Gefangenen das Maul aufriss und die Kiefer inspizierte. Der Mann, der vor ihm kniete, hatte sehnige Muskeln, wirkte vital und gesund, ein Bauer mit Hang zur körperlichen Arbeit. „Dem hier“, bemerkte er beim nächsten in der Reihe, „müssen wir aber ein paar Zähne ziehen, sonst faulen sie ihm weg. Nicht, dass sich die Viehtreiber im Norden große Sorgen um die Hygiene ihrer Feldarbeiter machen, aber schlechte Zähne hinterlassen einen schlechten Eindruck beim Einkauf, verstehst du, Boss?“
Der dritte Reiter an der Spitze blieb auf seiner pechschwarzen Stute sitzen und sah zu, wie die Männer die eingefangenen Sklaven vor ihm aufreihten. Die Dämmerung hatte sich zur Nacht gewandelt, und abseits das Fackelscheins war von ihm nicht mehr zu erkennen, als eine gigantische Silhouette. Er lauerte am Rand des Geschehens, wie eine teerfarbene Bestie. Das Tier unter ihm schnaubte verächtlich, stampfte mit den Hufen auf. Ungeduldig wartete es auf ein Zeichen.
„Sperr sie in die Käfige“, hörte man den Schatten auf der Stute mehr bellen als sprechen, denn seine Stimme klang unmenschlich, fast wie von einem Tier. „Schaff Platz, wenn du musst und sortier die Kranken aus. Bind ihnen Steine an die Füße und versenk sie im Fluss. Der bissigen Schlampe da“ – sein Arm hob sich und deutete auf eine Frau an der Kette, die Flüche in Richtung der Sklavenjäger spie – „ihr rupfst du die Zähne. Bis zum letzten Stumpf. Die stören nur bei der Arbeit, die sie künftig leisten wird.“
Das Lager quittierte den Befehl mit einem boshaften Lachen.
„Jawohl Boss, mit Vergnügen“, rieb sich Taggard die Hände.
„Ist sie da?“
„Es ist angerichtet, Boss. In deinem Zelt.“
„Wie sieht sie aus?“
„Ein Engel, Boss.“
„Ich will nicht gestört werden.“
„Wirst du nicht, Boss. Viel Spaß.“
Die pechschwarze Stute des Ogers wieherte, als er sie herumriss und in Richtung der Ställe führte. Für Quaid war dies der Moment, sich endgültig zum Flussufer zu orientieren. Das Mädchen unter seinem Mantel bibberte und schielte apathisch in die sie umgebende Dunkelheit. Der Jäger fragte sich, ob der Weg mit der Kleinen überhaupt zu schaffen war. Schattengleich tauchte er zwischen den Zelten ab. Hinter ihnen hörte man den Tumult der Gefangenen, die stolz oder dumm genug waren, sich zu wehren und nun die Peitsche zu spüren bekamen. Das bissige Weib schrie und spuckte, versuchte ihre Peiniger zu treten. Taggards dreckige Lache verhöhnte sie. Da hörte man das Klatschen ihres Speichels, wie es den Sklavenmeister ins Gesicht traf. Die Lache verstummte. Kurz darauf klimperten rostige Zangen; Quaid drückte das Mädchen fester an sich, in der Hoffnung sein Herzschlag übertöne die Schreie des bissigen Weibs.

Die Lagergrenze lag direkt vor ihnen. Das feuchte Gras duftete nach Freiheit. Ein Lurch floh vor Quaids Sohlen und sprang in eine Pfütze, als der Jäger abrupt Halt machte und stehen blieb. Das Mädchen an seiner Brust spürte, wie sein Herz eine Sekunde aussetzte. Es war merkwürdig, denn auf einmal entspannte er sich, richtete sich auf und reckte die Schultern. Er ließ demonstrativ seine Nackenwirbel knacken, als mache er sich bereits ins Bett zu gehen.. Geräuschvoll zog er die Nase hoch, spuckte den Rotz wie ein gewöhnlicher Bauer mit Schmackes über das Ufer in den Fluss. Das Mädchen hatte er auf die Beine gesetzt – aber vorsichtig. Sie war aus seiner Umarmung geglitten, ihre nackten Füße quetschten sich in den Schlamm, aber er hielt sie mit einer Hand fest. Sie reckte fragend ihren Hals nach oben und er blickte ernst zu ihr herab.
„So spät noch auf den Beinen, alter Wolf?“ knurrte hinter ihnen eine Stimme wie tausend aneinander reibende Knochen. „Willst du uns verlassen?“
„Du bist zurück“, tat Quaid überrascht und drehte sich um, wobei er das kleine Mädchen so gut es ging versuchte zu verdecken. Sie duckte sich ins hohe Gras und biss sich auf die Lippe.
„War die Jagd erfolgreich?“
Das Grunzen aus der Schnauze des Ogers klang bedrohlich und boshaft. Der Regen prasselte schwer auf ihn nieder, doch es scherte ihn nicht. Das Wasser lief in Strömen an ihm herab, wie an einer grotesk entstellten Statue. Es glitzerte auf seiner schwarzen Haut, rann entlang seiner Nase und tropfte vom vorgeschobenem Unterkiefer, aus dem die Zähne eines prähistorischen Dämons ragten. Er kam näher und Quaid ballte unwillkürlich die Fäuste. Bei jedem Schritt klimperten die Knochen an seiner Lederjacke. Er hatte sie eigenhändig für seine gigantische Größe zusammen genäht, aus Fetzen und Flicken. Statt Knöpfen hatte er Hühnerknochen gebraucht. Wenn er lief, schlugen sie aneinander und verursachten ein gespenstisches Klickern.
„Siehst du das?“ knurrte er, und hob etwas, das von seiner Faust baumelte. Quaid brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, dass es ein Strauß abgeschlagener Köpfe war. „Das sind die, die versucht haben zu fliehen. Ich werde sie den Maden im Käfig zeigen. Sie sollen sehen, was passiert, wenn sie wegrennen wollen. Was tust du hier draußen?“
„Gerade noch habe ich versucht, einen Strahl Wasser im Fluss zu versenken.“
„Taggard gefällt nicht, wie du durch die Dunkelheit pirschst.“
„Ich denke, genau dafür bezahlt ihr mich?“
Es klang beinahe so, als lache der Oger.
„Der kleine Glatzkopf kann dich nicht leiden, Quaid.“
„Ich komme drüber hinweg.“
„Freu dich zu hören, dass ich hingegen dich leiden kann.“
„Ist das so?“
Die Regentropfen hämmerten mit Gewalt auf die Zeltplanen, doch trotzdem konnte Quaid die Knochen in der Faust des Ogers knacken hören.
„Du bist das Gewicht deiner dürren Knochen in Gold wert, alter Wolf“, erklärte der Oger. „Die Dörfer, die du uns zeigst, sind wie reife Früchte, die nur darauf warten gepflückt zu werden.“
„Vielleicht wird es Zeit für eine Gehaltserhöhung.“
„Ha ha, ja. Du hast recht. Ich sollte dir mehr zahlen. Geh rüber zu den Käfigen. Such dir ein Mädchen aus. Es gehört dir für die Nacht. Aber sieh zu, dass sie dich nicht zu lange wach hält. Ich brauche dich morgen früh.“
„Danke“, sagte er. „Das werde ich tun.“
Quaid fühlte einen Zirkus aus Adrenalin durch seinen Körper springen, die Elefantenschau stampfte durch seine Schläfen. Er spürte jeden Herzschlag in den Adern pumpen. Ein Moment verstrich, zäh wie geschmolzenes Gummi, in dem sie sich durch den Regen hinweg anstarrten, ihre Blicke aufeinander trafen, als versuchten sie gegenseitig ihre Gedanken zu lesen. Quaid konnte nicht einfach einknicken und gehen. Hinter ihm hockte das Mädchen zitternd im Gras und drohte zu erfrieren. Wenn er sich weg bewegte, würde der Oger sie sehen. Dicke Tropfen klatschten auf die Schnauze des Mutanten, sie zuckte. Er versucht zu schnüffeln, dachte der Jäger, doch der Regen macht es ihm schwer. Ich stinke nach Stall, wie sein Zelt, aber der Regen spült mich ab. Jetzt dreh dich um und geh. Verschwinde. Du weißt es nicht, aber jede Sekunde ist hier der Teufel los.
Der Oger hob seine Nase, wie ein schrecklicher Hund, plötzlich in die Luft und drehte sich um.
„Was ist das?“ grollte er. „Was riecht hier so?“
„Ich weiß nicht, was du meinst …“
„Riechst du das nicht?“
„Nein …“
„Es stinkt nach Benzin … und Rauch!“
Ganz gleich, wie schwarz der Nachthimmel war, alle konnten die kleine Rauchfahne im nördlichen Teil des Lagers erkennen. Ein schneidender Gestank, eine Mischung aus Benzin und Schwefel, kniff plötzlich allen in der Nase. Die Männer im Lager waren gerade mit den Gefangenen beschäftigt, als sie den Rauch bemerkten.
Da war es auch schon zu spät.
Sie blickten auf, hörten den gellenden Schrei des Ogers und das Treibstofflager ging in Flammen auf.
Über dem Lager schoss ein gelber Feuerball empor.
Taggard brüllte Befehle. Zwei Männer rannten mit Eimern zum Fluss, zwei andere schlugen mit Decken auf einen brennden Kameraden ein. Die restlichen Sklavenjäger griffen ihre Gewehre und schwärmten aus durch das Lager. Es gab einen Angriff, oder einen Saboteur, auf jeden Fall mussten die Gefangenen bewacht werden.
Bei alle dem stand der Oger nur da, starrte auf die Flammen. Dann brüllte er wie ein Orkan.
„Schnapp dir einen Eimer, Quaid, zur Not piss das Feuer aus!“
Aber der Jäger antwortete nicht. Der Oger drehte sich um und dort wo eben noch Quaid ins hohe Gras gepinkelt hatte, waren nur noch ein paar zerknickte Halme zu sehen.
In der Dunkelheit raschelten derweil durch die Uferböschung zwei Schatten auf dem Weg in Richtung Waldrand.

Quaid rannte. Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Das Gestrüpp verfing sich in seinen Haaren, an seinem Mantel, zog und zerrte an ihm, aber er rannte weiter. Er war wie ihm Rausch, die Nacht flog an ihm vorbei. Bevor er es bemerkte, hatte er das offene Feld schon hinter sie gebracht und unter seinen Stiefeln knackten die ersten Äste. Seine Beine fühlten sich nicht länger als Teil seines Körpers; sie waren dumpfe Stelzen, und er atmete heißes Blei.
Das Kind klammerte sich an seine Brust und er presste das Bündel fest an sich. So war das alles nicht geplant gewesen, dachte er, das war nicht so gedacht. Haben die Sklaven das Messer ausgegraben? Wo sind sie hin? Was passiert mit ihnen?
Sind wir jetzt quitt?
Eine zweite Explosion donnerte in der Ferne. Die Nacht strahlte für eine Sekunde lang gelb auf. Quaid blieb stehen, beobachtete das Spektakel durch die Baumwipfel. Das war der Jeep, überlegte er, schwer atmend an einen Baum gestützt. Jetzt sitzen sie fest. Na, wenigstens eine gute Nachricht.
Das Mädchen hatte er abgesetzt. Barfuß stand sie auf dem feuchten Teppich aus Laub und Tannenzapfen. Sie kräuselte die Zehen vor Kälte, ihr Atem gefror in der Luft. Ihr zitternder kleiner Leib hing erbärmlich in dem Kartoffelsack. Doch sie selbst schien die Minusgrade nicht zu bemerken. Während Quaid sich die Arme rieb, beobachtete sie ausdruckslos, wie ein brauner Käfer über ihre Füße krabbelte.
„Bist du in Ordnung?“ fragte Quaid skeptisch und hob ihr kleines Kinn. Er wischte mit dem Daumen etwas Dreck von ihrer Wange, da schaute sie ihn an. Ihre Augen glitzerten schwarz und leer.
„Man nennt mich Quaid. Einem hübschen Ding wie dir werden sie doch bestimmt auch einen Namen gegeben haben, oder?“
Es kam kein Ton aus ihrem Mund. Sie schwieg und blickte wieder zu dem Käfer auf ihren Füßen.
Ich habe einen Fehler gemacht, dachte Quaid. Immer noch keuchend beobachtete er den leeren Blick in ihren Augen. Das Kind ist ausgebrannt. Manchmal passiert das, wenn man den Eltern entrissen und mit einem Haufen wimmernder Gestalten in einen Käfig gesperrt wird. Kaum zu ahnen, was Taggard mit den Gefangenen angestellt hat, was sie alles mit ansehen musste. Ihr Besuch beim Oger wäre nur das Finale der Tortur geworden. Vielleicht wäre es für sie sogar besser, wenn alles ein Ende hätte.
Und wer ist an all dem schuld?
Zwischen den Baumwipfeln sah man den Mond hinter den Wolken schimmern. Wenn sie vorbei zogen, erhellte ein surrealer Silberglanz den Wald. Äste knackten in der Dunkelheit, etwas tummelte sich zwischen den Büschen. Die Tiere horchten aufmerksam auf die beiden Gestalten in ihrem Revier. Als Jäger kannte Quaid sich aus, er brauchte nicht mehr als den Mondschein um seinen Weg zu finden. Er fragte sich nur, was er mit dem Mädchen machen sollte; ob es überhaupt etwas gab, was er tun konnte.
Das geringste, beschloss er, war ihr Wärme zu spenden. Also nahm er seinen Mantel und wollte ihn ihr um die Schultern wickeln, als sie den Kopf hob und ihn wieder direkt in die Augen sah.
„Ich heiße Lee“, sagte sie plötzlich.
Dann schwieg sie wieder.

Quaid kannte den Wald sehr gut. Es waren zwar schon einige Winter ins Land gezogen, seitdem er das letzte Mal ein Reh zwischen diesen Bäumen geschossen hatte. Doch er erinnerte sich noch sehr genau an die verschiedenen Landmarken und Wege durch das Unterholz. Ihre Position las er wie aus einem Buch vom Nachthimmel ab. Er führte sie nach Osten. Dort, direkt hinter dem Waldrand, lief der alte Highway Richtung Norden, zur Enklave Meatmarket. Natürlich war das ein Risiko, denn auch der Oger würde sie auf der Straße suchen. Aber mit etwas Glück würden sie schon am ersten Tag auf eine Karawane treffen. Jetzt ließ der Winter langsam die Felder frieren und das war traditionell die Zeit, in der sich die Viehzüchter von den Treks nach Süden wieder auf den Heimweg machten. Ein freundliches Lächeln und ein paar Münzen, schon waren sie in die Zivilisation unterwegs.
So lautete zumindest der Plan für einen einsamen Wolf. Begleitung hatte er nicht bedacht, wie sollte er auch. Jetzt war er mit einem kleinen Mädchen unterwegs, das barfuß durch den Wald stapfte und am ganzen Leib erbärmlich zitterte. Den Mantel hatte sie wie eine Decke um die Schultern geschlungen, aber dadurch lief sie nicht schneller. Ihre Schritte hatten nicht die selbe Spannweite, sie brauchte immer wieder Hilfe, um über umgestürzte Baumstämme zu klettern, die Quaid mit einem Satz überspringen konnte. Außerdem fror nun Quaid, dem nur ein alter löchriger Pullover gegen die Kälte geblieben war. Seine Zähne klapperten wie ein hungriges Skelett. Er rieb sich die Arme warm, doch damit hielt er gerade mal seine Kohlen am glühen. Er brauchte dringend einen neuen Plan, in dem – ob er es wollte oder nicht – auch ein kleines Sklavenmädchen Platz hatte.
„Wir ändern den Kurs, Kleine“, teilte er bibbernd mit. „Nur ein kleiner Umweg. Dafür verspreche ich, wird es bald warm, hörst du?“
Lee antwortete nicht. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Weg vor ihren Füßen und sie folgte einfach Quaids Spuren auf dem Waldboden, als der seine Route leicht in Richtung Süden korrigierte.

Taggard stieß den reglosen Körper mit der Stiefelspitze an. Er drehte ihn herum und weit aufgerissene Augen schauten ihn an. Der Tote war mit dem Gesicht im Schlamm ertrunken. Aus seinen Nasenlöchern tropfte der Dreck. Eine beschissene Art draufzugehen, dachte Taggard. Aber immer noch besser, als wenn einem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wird. Denn das blühte dem Mistkerl, der das Feuer gelegt und seine Sklaven befreit hatte. Der Sklavenmeister ließ den toten Söldner im Schlamm liegen und überblickte die qualmende Schweinerei, die von seinem Lager übrig geblieben war.
Aus den Schatten zwischen den Zelten hinter seinem Rücken grollte ein Knurren.
„Wie viele?“
„Nur eine Handvoll, Boss“, erwiderte Taggard, ohne sich umzudrehen. „Die fangen wir wieder ein. Dumme Idioten, rennen wie ein paar kopflose Hühner nach Norden, weil sie glauben in Meatmarket hilft ihnen jemand. Gib mir drei Männer mit Pferden und ich wette, wir sammeln sie auf dem Highway wieder auf, wo sie der nächstbesten Karawane die Füße küssen, sie aufzusammeln.“
„Kein Sklave überlebt die Flucht aus meinem Käfig, hast du verstanden?“
„Alles klar, Boss. In ein paar Stunden kannst du ihre Köpfe an deinen Gürtel binden, versprochen.“
„Was ist mit der anderen Sache?“
„Karl hier“ – er nickte zu dem bulligen Leichnam vor ihnen im Schlamm – „dürfte es nicht gewesen sein. Keiner ist so blöd, Feuer zu legen und sich dann von einem durchgehenden Pferd niedertrampeln zu lassen, nur um einer Pfütze zu ersaufen. Nein, Karl war das nicht.“
„Wer fehlt sonst?“
„Mace ist so gut wie hinüber, sein halbes Gesicht ist verbrannt, als der Jeep explodiert ist. Wenn er das Feuer gelegt haben sollte, hat er seien Quittung jetzt bekommen, wenn du mich fragst. Er wird die Nacht nicht überleben und das wird keine schöne Nacht für ihn.“
„Jemand wie Mace ist nicht schlau genug für so etwas. Wer fehlt noch?“
„Niemand …“
„Keiner?“
„Außer Quaid.“
„Quaid …“
Der Oger trat aus dem Schatten und das Licht des brennenden Lagers glitzerte auf seiner schwarzen, ledrigen Haut. Taggard musste seinen Kopf nach oben neigen, wenn er mit ihm sprach.
„Willst du, dass ich jemanden hinter ihm her schicke?“
„Nein“, grollte der Mutant wie ein drohendes Gewitter. „Das mache ich selbst.“

Gegen Mitternacht näherten sich von Norden her zwei Gestalten der kleinen Lichtung. Ihre Ankunft wurde durch raschelndes Laub angekündigt. Die Tiere in der Umgebung spitzten die Ohren; ein Fuchs flüchtete ins Dickicht, suchte das Weite zwischen den Bäumen. Die ansässige Fauna blieb auf Abstand zu dem alten Jäger und dem schweigsamen Kind an seiner Seite, als müssten sie mit Vorsicht begutachtet werden. Wer weiß, welchen Ärger sie mit sich brachten.
Am Rand der Lichtung kniete sich Quaid neben einen Baum und berührte die Rinde. Seine Knochen knackten, er fühlte sich alt. Wie es seine Marotte war, streichelte er über das zarte Moos und schnupperte danach an seinen Fingern. Er nahm sich einen langen, schweigsamem Moment Zeit, das Areal genau beobachten. Sein Blick war finster.
In der Mitte der Lichtung stand ein Haus. In den Fenstern spiegelte sich der Vollmond. Gitterstäbe waren sowohl an den Fenstern, als auch an der Haustür angebracht, wie bei einem Gefängnis. Entlang der Außenfassade schlängelte sich wie ein grüner Teppich wildwuchernder Efeu, der bis hinauf zum Dach kletterte und mit festem Griff den Schornstein umklammert hielt. Trotz kleinerer Löcher im Holz wirkte das Haus stabil, beinahe schon massiv und unbeweglich. Der Vollmond entblösste zwar einige Lecks im Strohdach, dennoch machte es den Eindruck einer gemütlichen Behausung. Schon der Anblick wärmte einem das Herz mit der Erwartung eines warmen Betts und eines knisternden Kamins.
Im Hof dagegen standen Kreuze aus Knochen und Totenschädeln.
„Lass dich nicht einschüchtern“, erklärte Quaid mit einem gedehnten Seufzen, als er sah, wie sich Lees Augen ängstlich weiteten. „Das soll nur die Feiglinge auf Distanz halten.“
Im Mondlicht strahlten die Knochen kalkweiß wie Gespenster. Es waren Dutzende von Kreuzen aus Oberschenkeln, Arm- und Beckenknochen, die als makabere Totems im Hof aufgereiht waren. Von jedem grinste boshaft ein Totenschädel. Kränze aus Fingern baumelten an ihnen herab und klimperten leise in der Nacht. Wollte man zur Veranda, musste man zwischen den Kreuzen entlang gehen, als besuche man einen skelettierten Friedhof.
„Siehst du Gitterstäbe vor den Fenstern? Das ist kein Gefängnis. Früher gehörte das Haus einer Familie aus den südlichen Enklaven, du weißt schon, da wo sie Hunde und Katzen essen. Im Winter sind sie geflüchtet, vor der Gewalt und dem Chaos da drüben. Mit zwei kleinen Kindern sind sie durch den Schnee gewandert, immer Richtung Norden, bis sie den großen Highway hier am Waldrand entdeckt haben. Dann sind sie über Lichtung gestolpert und dachten sich wohl, hier sind wir sicher. Von der Straße aus sieht man jedenfalls nichts. Sie haben das Haus gebaut, und nur für den Fall die Gitterstäbe vor die Fenster und Türen gemacht.“
Lee schien ihn nicht zu hören. Sie hockte barfuß im kalten Laub, die Arme um die Knie geschlungen wie eine frierende Ratte im Abwasserkanal. Wortlos starrte sie die Hütte an.
Quaid fragte sich, ob sie noch bei Verstand war.
„Keiner weiß so genau, was aus der Familie geworden ist“, fuhr er fort, „aber man erzählt sich, dass eines Tages eine Rotte Marodeure bei ihnen vor der Tür stand. Ihr Anführer war dieser wahnsinnig gewordene Schamane, mit einem Tumor so groß wie meine Faust, der behauptete, die Geister hätten ihn zu diesem Ort geführt. Er ließ ihnen die Wahl: Entweder sie kamen raus, oder er würde das Haus niederbrennen. Die Familie hat sich gegen das Feuer entschieden. Niemand weiß so recht, ob einige der Knochen hier ihre sind. Aber seitdem steht das Haus leer. Banditen und Schmuggler haben diese Totems zur Abschreckung aufgestellt, um ungestört unter sich zu bleiben. Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Aber bevor wir da hinein spazieren, will ich mich erst umsehen. Du wartest so lange hier zwischen den Büschen, verstanden? Hörst du mir überhaupt zu?“
Quaid wartete vergebens auf eine Reaktion, bevor er beschloss, dass es vergeudete Liebesmühe war. Mit ernster Miene löste er sich von seinem Baum. Etwas stimmte mit dem Kind nicht und das bereitete ihm Sorgen.
Er näherte sich der Westseite des Hauses mit geduckten Schritten. Von hinten führte eine mit Eisenmanschetten verstärkte Holztür in die Küche. Quaid achtete darauf wo er hintrat, denn im Gras spiegelte sich das Mondlicht. Überall lagen Scherben verstreut. Im Erdgeschoss und dem ersten Stock fehlten hinter den Gittern einige Fenster. Quaid kniete sich nieder, hob vorsichtig einen Splitter auf und wunderte sich.
Scharf und klar funkelte die Glaskante im Mondlicht. Lange konnte sich noch nicht hier liegen.
Wie es seine Methode war, streckte Quaid die Fingerspitzen aus. Er fuhr sachte mit der Hand über das Gras, spürte es auf der Haut kitzeln, fühlte die vom Regen feuchte Erde.
Er fand was er suchte.
Es war als glühten die Fußspuren vor seinen Augen in der Nacht auf. Sie führten geradewegs zur Hintertür. Doch sie waren schief, wie von einem Klumpfuß. Quaid richtete sich wieder auf, mit knackenden Knochen und schielte zu Lee, die zitternd am Rand der Lichtung kauerte. Dann schritt er zur Tür und drückte die Klinke.
Die Scharniere schoben sich mit einem erbärmlichen Quietschen aneinander. Staub kitzelte ihn plötzlich in der Nase. Schwanger vom alten Holz schlug ihm der trockener Geruch verbrauchter Zeit entgegen. Die Küche gähnte in dunkel an.
Zwischen den Gitterstäben fiel Mondlicht durch die Fenster und ließ den Staub ein silbriges Ballet vollführen. Alles war noch so,wie Quaid es in Erinnerung hatte. Ein schwerer Holztisch stand in der Mitte des Raums, wo er selbst einst einen Hirsch ausgenommen ahtte. In einem alten Fischernetz darüber gammelte ein Haufen zerbeulter Töpfe und Pfannen. Die Schubladen und Schränken der Anrichte versteckten Teller, etwas Geschirr und Besteck, aber kein Essen, nicht einmal eine alte Konserve. Hinter einem abgerissenen Vorhang lag eine leergeräumte Abstellkammer, die er schon beim letzten Mal vergebens auf den Kopf gestellt hatte.
Neu waren lediglich die Fußabdrücke.
Quaid folgte ihnen in den Flur. Rechts ab führte der Korridor zum Eingang. Nägel ragten aus den Wänden, wo schon lange keine Bilder mehr hingen. Jenseits der Tür lag die Veranda; die Tür selbst war massiv, aber zusätzlich noch mit Eisenstreben verstärkt. Eine Treppe mit eher zweckmäßigen Geländer führte in den ersten Stock, wo die Schlafzimmer lagen. Der Mond schien von der Ostseite im schrägen Winkel am Ende der Stufen durch ein Fester. In seinem scharfgestellten Blick schimmerten die stiefelförmigen Flecken im Staubteppich in alle Richtung, sowohl zum Eingang, als auch die Stufen nach oben. Als Erstes folgte er ihnen jedoch in die Kaminstube.
In dem großen Zimmer fehlte das Mobiliar, seit der letzten Stippvisite des Jägers hatte sich offenbar jemand an der Einrichtung vergriffen. Zum Glück haben sie den Kamin da gelassen, dachte Quaid, da muss man ja fast schon dankbar sein. Die gemauerte Feuerstelle war kalt und klamm, es lag noch etwas Asche darin. Hier hatte sich kürzlich niemand aufgewärmt, bemerkte Quaid, aber was bedeutete dann diese Spuren hier?
Die Fußabdrücke liefen in chaotischen Kreisen von einem Ende des Raums zum anderen. Breite Schlieren durchzogen die Staubschicht auf den Dielen, als hätte jemand etwas über den Boden gezerrt. Bei näherer Betrachtung kam dem Jäger der Eindruck, ein Rumpelstilzchen hätte hier einen kleinen Tanz gehalten. Er fand einen halbverdunsteten Fleck, einen Sprenkel einer Flüssigkeit und probierte ihn mit seinem Finger, als in der Küche quietschend die Tür in den Angeln schepperte.
Lee stand wie ein Flüchtling in der Küche und beobachtete ihn.
„Du solltest doch draußen warten, nicht? Ist was passiert?“
Das Mädchen zeigte wieder keine Reaktion. Langsam kochte in Quaid der Ärger hoch. Wenn sie wenigstens mal den Mund aufmachen würde, dachte er, dann wüsste ich vielleicht, ob sie noch gesund im Kopf ist.
„Bleib hier unten, hörst du?“, sagte er schließlich und stieg die Treppe hoch. „Ich schaue mich oben um.“
Das Mädchen blinzelte nicht mal. Ihr Blick klebte an ihm wie an frischem Teer, sie verzog die Oberlippe leicht, aber das Schimmern ihrer Augen war stumpf und hohl. Quaid ließ sie nur ungern zurück, doch er musste nach dem Rechten sehen.
Oben fand er das, was er erwartet hatte, mehr geplünderte Leere. Die Kammern waren nackt und kahl, nur ein zerbrochenes Bettgestell und ein Schrank waren vom Beutezug noch übrig. Pflichtbewusst prüfte Quaid jeden Winkel, selbst in der Toilette sah er sich um, denn auch die Fußspuren hatten kein Zimmer ausgelassen. Holzwürmer nagten in den Wänden. Im Schlafzimmer grub er eine mottenzerfressene Decke unter dem Schrank hervor und steckte sie dankbar ein. Gegenüber im Kinderzimmer, unter einer Schräge versteckt, stand ein kleines Puppenhaus. Der Jäger betrachtete es und dachte an das Mädchen in der Küche. Eine Spur aus feuchten Flecken führte zu dem Miniaturhaus, auf dem Dach glänzte es matt und Quaid klappte die Scharniere auf, um hineinzusehen. Im Wohnzimmer der Puppen lag ein zerbeulter Flachmann und verströmte einen stechenden, beißenden Geruch nach Schnaps, da schepperte es im Erdgeschoss.
Quaid hetzte wie vom Teufel getrieben die Treppe hinab. Er sprang über drei Stufen gleichzeitig, bereit sich allem zu stellen. Lee erwartete ihn schon in der Küche, sie hielt ein Messer in der Hand, neben ihr auf dem Boden eine Schublade um die verstreut ein Chaos aus Messern, Gabeln und Löffeln lag.
„Alles in Ordnung, was ist passiert?“
Sein Blick tastete die Schatten nach Angreifern ab. Es dauerte einen Moment, bis er bemerkte, wie krampfhaft Lee das Messer umklammert hielt und ihn fixierte. Ihr Gesicht war eine Maske aus Zorn.
„Bist du verletzt?“
Lee antwortete nicht, sondern sprang mit einen Satz auf ihn los, die Messerspitze voran. Die Klinge blitzte zwei, drei Mal im Mondlicht und rotes Blut spritzte auf den Boden. Quaid taumelte rückwärts. Er sah einen dicken Schnitt in seiner Hand klaffen, aus dem es tropfte, doch er hatte keine Gelegenheit etwas zu tun. Lee setzte ihm hinterher, schrie wie am Spieß und er musste ausweichen.
„Was zum Teufel ist in dich gefahren?“, fluchte er und machte einen Satz nach hinten in den Flur. Jetzt hat sie endgültig den Verstand verloren, dachte er, da hielt das Mädchen keuchend inne.
„Lass mich in Ruhe!“ brüllte sie unter Tränen, „lass mich in Ruhe, oder ich schneide dich auf!“
„Dafür ist es zu spät, ich blute wie ein Schwein.“
„Recht so, du Mörder!“
„Beruhig dich, leg das Messer weg.“
„Nein! Lass mich in Ruhe, nimm deine Hände weg!“
Sie fuchtelte mit der Klinge, als er versuchte sich zu nähern. Aus den Augen funkelnd wie ein tollwütiges Reh stand sie im Durchgang zur Küche, ihre kleine Brust hob und senkte sich hektisch. Der Jäger atmete tief durch und presste die blutende Hand an den Pullover, ertränkte seinerseits die aufkeimende Wut und beruhigte sich.
„Es ist alles in Ordnung, du bleibst da, ich bleibe hier. Jetzt sag mir, was ist los?“
„Du gehörst dem Oger!“, platzte sie hervor und drohte mit dem Messer. „Du hast mich ihm gestohlen und jetzt ist er hinter dir her! Er schneidet dir den Kopf ab, wenn er dich findet!“
„Da wirst du recht haben, aber mit dem Rest liegst du falsch, Mädchen. Ich gehöre niemanden, dem Oger am allerwenigsten.“
„Verschwinde von hier! Lass mich in Ruhe und verschwinde, ich brauche dich nicht!“
„Ich seh’ schon, du kannst auf dich selbst aufpassen. Aber ich kann dich nicht alleine lassen, in den Wäldern bist du verloren. Und hier bist du auch nicht sicher. Wir müssen nur die Nacht überstehen, dann treffen wir eine Karawane, versprochen. Du wirst sehen, im Handumdrehen sind wir auf dem Weg nach Meatmarket.“
„Und dann kannst du mich an den Höchstbietenden verkaufen, wie?“
„Glaubst du etwa, deshalb habe ich dich aus dem Zelt geholt?“
„Du lügst! Ich hab gehört, was der Glatzkopf gesagt hat!“
„Meinst du etwa Taggard, den alten Holzkopf?“
„Man bekommt im Norden viel Geld für kleine Mädchen! Besonders für Jungfrauen!“
„Geld interessiert mich nicht!“
„Lügner!“
Sie stürmte wieder vorwärts, doch diesmal war Quaid vorbereitet und machte rechtzeitig einen Schritt zur Seite. Lee schlitzte mit der Klinge die Luft auf, wobei sie kaum etwas sah, durch den Vorhang aus Tränen, der ihr die Sicht verschleierte. Sie schluchzte und heulte und ihr Arm wurde lahm. Ihre Hand zitterte wie Espenlaub, ihr ganzer Körper schien zu beben und schließlich gab sie es auf, nach den Schatten zu stechen. Quaid wagte es noch nicht, ihr zu nahe zu kommen, doch in diesem Moment blutete außer seiner Hand auch noch sein Herz.
„Ich habe Pipi ins Stroh gemacht“, stammelte das Mädchen unter Tränen. „Es war so kalt in dem Zelt. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte.“
„Du bist jetzt in Sicherheit, Kleines. Der Oger ist weg.“
„Warum war ich in dem Zelt? Was hat er von mir gewollt? Ich bin doch noch ein Kind …“
Quaid musste schlucken.
„Er ist … ein Mutant. Er ist anders, nicht menschlich. Ich weiß nicht, was er tut. Aber denk nicht darüber nach. Wichtig ist, dass wir weit weg von ihm sind. Und glaub mir, ich tue dir nichts. Ich habe genau so viel Angst wie du“
Der letzte Satz war nicht einmal gelogen oder erfunden; Quaid fühlte tatsächlich das dumpfe Schneiden in den Eingeweiden, ein Pressen und Ziehen, die aufsteigende kalte Angst bei der Frage, wie es nun weitergehen sollte. Das Kind ist ein Wrack, dachte er, sie fürchtet sich vor ihrem eigenen Schatten. Was zur Hölle mache ich jetzt?
Er sah, wie Lee mit hängendem Kopf da stand, die eigenen Tränen tropften ihr vor die Füße, und er konnte nicht anders. Der Jäger beugte sich zu dem Kind herab und schloss es in die Arme, wog es vor und zurück und strich ihr sachte über das Haar. Ein lang vergessener Instinkt flackerte in ihm wieder auf, er erinnerte sich an etwas.
„Alles wird gut, Schätzchen. Papa passt auf dich auf.“
Es war ein merkwürdiger Augenblick in diesem verlassenen Haus, wie das Kind das verheulte Gesicht in der Brust des Jägers vergrub und der Jäger sie an sich presste, als könnte sie verloren gehen. Minuten verstrichen, in denen nichts anderes zu hören war, als das Pfeifen des Windes vor der Tür, die bohrenden Würmer im Gebälk und ein unterdrücktes Schluchzen. Und ein Knarzen, das aus dem Rahmen fiel.
Langsam, wie eine Schnecke, öffnete sich eine gut geölte Geheimtür unterhalb der Treppe. Aus der Finsternis dahinter kroch ein Schatten hervor. Vorsichtig verschloss er die Tür wieder, sodass sie unsichtbar in der Wand verschwand, und begutachtete das rührselige Schauspiel. Der Schatten unterdrückte ein Kichern. Er tastete sich ab, schien etwas zu suchen und nicht zu finden und ärgerte sich, als er sich erinnerte, wo er es gelassen hatte. Dann eben ohne, beschloss er, und holte das andere Ding hervor.
Ein prägnantes Klicken unterbrach den Moment.
Quaid hatte dieses Geräusch in seiner Zeit nur zu gut kennengelernt und rührte deshalb keinen Muskel. Lee hob ihr Gesicht von seinem Pullover, auf dem ihre Tränen einen feuchten Fleck zurückließen und sah Quaid an. Sie verstand erst, was passierte, als sich der Schatten hinter ihr erhob. Das silberne Blitzen einer Revolverspitze ließ ihren Atem stocken.
„He he, heuta muss Hanks Glückstag sein, issa nech? Erst machta das Geschäft sein’s Lebens mit na Tonne Stoff vom besten Schlach, und dann stolperta übers Rotkäppchen und’n bösen Wolf, inna engen Umarmung, wie am’n ersten Date, wa? Los, Pfoten hoch, Hank jucktas inna Finger!“
Der Befehl war an Quaid gerichtet. Der Jäger baute sich auf und seine Knochen knackten, doch er stürzte sich nicht wie erwartet auf den Schatten. Vorsichtig hob er die Hände. Lee begriff nicht, da wurde sie gepackt und ins Dunkel gezogen. Der Schatten kicherte. Widerstrebend hielt Quaid sich zurück. Ein Röcheln wie aus einem verstopften Abfluss war zu hören, als aus den Schatten ein verhutzelter Gnom hervorkam.
Er sabberte wie ein Schwein. Aus dem schiefen Mundwinkel troff ihm der Speichel auf sein Lumpengewand, auf den Boden, tropfte auf die Hand, in der er den Revolver hielt. Ein Grinsen klebte ihm in der Visage. Seine Augen funkelten gierig. Er hatte getankt, daran ließ sein Atem kein Zweifel, doch das machte ihn nur unberechenbarer.
„Deine Spuren habe ich durch’s ganze Haus verfolgt“, gestand Quaid anerkennend, „du hast dich gut versteckt.“
„Hank weissa, wie er zu verschwind’n hat inna Dunkelheit, wa? Nix gibt’s, wo Hank sich nicht versteck’n könnta, das’s ma’ sicha!“
„Wenn du die Kleine einfach loslässt, tu ich so, als wäre nichts passiert.“
„Ha! Da sprichta große böse Wolf, als hätta selbst ne Knarre inna Hand, wa? Mussa wohl’n Knick inna Optik hab’n, denn Hank siehta bei ihm nur leere Pfoten! Oder will das Wölfchen etwa beißen, hm? Mit seinen Zähnchen?“
„Du tust dir keinen Gefallen damit.“
„Schnauze, Wolfsmann. Hank hatta genug von deinen Worten. Und schön die Pfoten hoch, hörsta?“
„Als wäre das Eisen überhaupt geladen.“
„Glaubta, Hank macht Scherze?“ Ein Donnerschlag knallte und Quaid zog den Kopf ein. Lee zuckte in der Umklammerung des Gnoms und stieß einen unterdrückten Schrei aus. Da, wo der Jäger eben noch seinen Kopf gehabt hatte, klaffte im Türrahmen ein faustgroßes Loch. Holzspäne rieselten herab. Der Geruch von Schießpulver machte sich breit.
„Gut, ich glaube dir.“ Quaid holte Luft. „Aber du tust dir keinen Gefallen, wenn du sie jetzt einfach mitnimmst.“
„Hank siehta nix falsches daran, dassa jetzt nen neues Spielzeug hat.“
„Hat Hank denn schon mal einen Oger gesehen?“
„Langsam gehta böse Wolf mit seinen Fragen Hank auffe Nerven!“
„Hank sollte mal gut nachdenken, woher sein neues Spielzeug kommt. Kleine Mädchen wachsen nämlich nicht auf Bäumen. Sie ist eine Sklavin und weggelaufen. Ein ganzer Haufen Halsabschneider sucht sie, an ihrer Spitze ein Mutant. Den wird es nicht viel kümmern, was Hank vorhat. Das Spielzeug gehört schon jemandem, verstehst du?“
Der Gnom schien einen Moment über die Worte des Jägers zu grübeln. Er kratzte sich mit dem Revolverlauf über die dreckige Stirn und entblößte dabei eine auf den Handrücken tätowierte schwarze Spinne. Sie bewegte sich widerwärtig mit den Sehen seiner Hand.
„Netter Versuch, Wolfsmann“, grinste er und bleckte eine Reihe blutigen Zahnfleisch, „aber Hank fürchteta sich vor niemandem. Hank hat Freunde, und wenn hier irgendwelche Ogers kommen, issa schon längst über alle Berge. Dann liegt hier nur noch eine Leiche im Staub.“
Er verlieh seinem Satz Nachdruck, indem er den Hahn spannte. Lee stöhnte. Hanks Ellbogen schnürte ihr den Hals zu. Hinter verschlossenen Lippen presste Quaid die Kiefer aufeinander. Noch hat er es nicht bemerkt, dachte er.
„Erschieß mich ruhig, Hank“, sagte er. „Aber selbst wenn du es hier weg schaffst, wirst du an der Kleinen nicht viel Freude haben.“
„Die Uhr für Worte ist abgelaufen, Wolfsmann!“
„Denkst du etwa, du bist der erste, dem beim Anblick der Kleinen das Wasser im Mund zusammenläuft? Jung mag sie ja sein. Aber auf Jungfrau würde ich kein Geld setzen. So, wie sie dir auf die Füße tropft.“
Der Gnom lehnte sich vor.
„Na und, das Blag pissta sich ein! Soll’se nur!“
„Der Oger hatte sie die ganze Nacht über im Zelt. Wer weiß, was er mit ihr angestellt hat. Du bist doch kein Dummkopf. Wäre doch unangenehm, wenn Hank die Kleine im Norden verschachern will und sich rausstellt, dass die Leitungen nicht mehr richtig funktionieren, oder?“
„Argh“, machte Hank, „das lässt sich aber rausfinden! Los, kleines Fötzchen, schieb den Rock hoch. Lass ma sehen, wie du verkabelt bist!“
Gierig schmatzend beugte er sich über Lees Schulter und schob mit dem Revolverlauf den Kartoffelsack nach oben. Kaltes Metall traf auf nacktes Fleisch, und sie bekam eine Gänsehaut. Die kleine Inspektion kam ihm gerade recht. Er leckte sich die Finger nach der Göre. So lange es ging, kostete er den Augenblick aus, in dem sie unter seiner Liebkosung zitterte, wie ein berstender Vulkan. Sie wollte es doch. Sobald er mit ihr ungestört war, gab es kein Halten mehr und er würde ihr zeigen, was Hank für ein Mann war. Aus welchem Holz er geschnitzt war. Langsam tastete sich seine Hand zu ihren Schenkeln vor, strich über die kleinen Härchen an ihren Beinen, da zuckte ein silberner Blitz in seinem Augenwinkel auf.
Hank stieß das Kind sofort von sich weg und schoss. Das Mädchen schrie, der Jäger stürmte mit gefletschten Zähnen vor wie ein Wolf. Der Schuss knallte durch das Haus, Hank duckte sich und das Küchenmesser verfehlte ihn knapp. Er schlug mit dem Revolverknauf nach Quaid und traf ihn am Kinn. Der Alte taumelte. Er holte mit dem Messer aus und die Klinge schnitt durch die Luft. Hank sprang in den Flur, doch etwas hielt ihn fest. Das kleine Miststück hatte seine Lumpen gepackt. Er verpasste ihr einen Tritt in den Bauch, sie fiel keuchend um und blieb liegen. Er drehte sich um, da machte es ein schmatzendes Geräusch und ein teuflischer Schmerz lähmte seine Schulter. Der Jäger zog die Klinge heraus und Blut sprudelte aus einem Loch zwischen Hanks Schlüsselbein. Der Gnom hieb mit dem Eisen nach Quaid, doch der packte seinen Arm und verdrehte ihm das Handgelenk. Er schrie auf, der Revolver fiel auf die Dielen. Hank versuchte nach ihm zu treten und kassierte einen Faustschlag auf die krumme Nase.
Sterne tanzten vor seinen Augen. Er wollte noch nicht aufgeben. Er hatte noch ein Ass im Ärmel. Winselnd warf er sich zu Boden, heulte laut auf, rutschte zur Tür. Quaid betrachtete ihn scheel. Versteckt tastete Hank nach der Rasierklinge in seinem Stiefel. Der Jäger näherte sich und Hank wartete auf den passenden Moment. Gerade schien er gekommen, als er wieder ein schmatzendes Geräusch vernahm. Plötzlich bekam er keine Luft mehr.
Er spürte, wie sich seine Lungen mit Flüssigkeit füllten. Er hustete und spuckte rote Farbkleckse auf das Holz. Aus seinem schiefen Mundwinkel rann ein dunkles Bächlein und so wie er gelebt hatte, starb Hank sabbernd wie ein abgestochenes Schwein.
„Geht es dir gut? Bist du verletzt?“
Bevor der Gnom seinen letzten Atem ausgehaucht hatte, packte Quaid das Mädchen und untersuchte sie gründlich.
„Mir geht es gut … glaube ich.“
„Du blutest.“
„Ich spüre aber nichts.“
„Meine Hände sind ganz rot.“
„Das … bin nicht ich.“
Quaid sah an sich herab und auf einmal packte ihn eine Schwärze, und zog ihn herab.

Alles drehte sich in der Dunkelheit. Für eine Ewigkeit waren die Himmelsrichtungen vertauscht, Oben war nicht länger das Gegenteil von Unten. Die Welt war kalt geworden, in tiefe Finsternis gehüllt, und aus ihrem Zentrum wimmelte ein Haufen Maden. Quaid hing regungslos in der Leere. Der Wunsch zu Sterben, endlich loslassen zu können, hallte wie ein Echo durch das Nichts. Stundenlang schien er in einem Albtraum vor sich hinzuvegetieren, nur wachgehalten von der Kälte und dem Schmerz.
Bis er eine Stimme hörte.
„Warum hast du mich gerettet?“
Er schaffte es tatsächlich, seine Augen einen Spalt zu öffnen. An Orientierung war nicht zu denken. Sein Herz pumpte in den Schläfen, bis ihn eine Ahnung überkam, wo er sich befand. Schmerzen schwemmten in Wellen von seinem Nabel aus durch seinen Körper. Der Wunsch, Loszulassen, drohte ihn erneut zu überwältigen. Da spürte er die Wärme, die sich wohltuend an seine Wange schmiegte.
Im Kamin knisterte ein Feuer.
Lee stand in der Stube, barfuß wie zuvor, die Hände zu den Flammen ausgestreckt und wärmte sich. Draußen vor dem Fenster klebte eine geradezu stoffliche Dunkelheit, die nichts zu durchdringen schien. Quaid lag an die Wand gelehnt, die mottenzerfressene Decke über den Schultern. Vorsichtig fühlte er nach seinem Bauch. Er berührte etwas Feuchtes und schlug die Decke beiseite, um nachzusehen.
„Wo hast du gelernt, aus einem Hemdsärmel einen Verband zu machen?“
„Mama hat es mir gezeigt.“ Lee drehte sich zu ihm um. „Sie war die Krankenschwester in unserem Dorf. Eines Tages sollte ich ihr bei der Arbeit helfen. Dann kam der Oger und hat das Dorf niedergebrannt.“
Quaid wusste darauf nichts zu antworten.
„Bald wird jemand kommen und uns mitnehmen. Es wird nicht lange dauern.“
„Es tut mir leid, das mit dem Messer.“
„Angst macht komische Dinge mit einem.“
Lee schwieg. „Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet.“
„Ich weiß es selbst nicht, Kleines.“
„Wenn der Oger dich findet, wird er dich töten.“
„Wahrscheinlich.“
„Hast du keine Angst?“
„Vor anderen Dingen habe ich mehr Angst.“
Lee kam zu ihm, setzte sich neben ihn hin und lehnte sich an seine Schulter. Ein leichter Schmerz durchzuckte ihn, aber er ließ es sie nicht spüren.
„Mir ist kalt“, sagte sie leise.
„Kuschel dich an mich.“
So saßen sie eine ganze Zeit nebeneinander. Sie sprachen nicht. Das Feuer knisterte, die Flammen knackten, aber beide sagten nichts. Nach eine Weile des Schweigen drehte Quaid den Kopf zu ihr herüber, wunderte sich, ob sie schlief.
Da bemerkte er, dass sie die ganze Zeit mit offenen Augen in den Kamin starrte.
„Ich frage mich, wo mein Bruder ist“, flüsterte sie. „Er ist drei. Ich habe ihn gebadet, als der Oger kam.“
„Er wird bei deiner Mutter sein. Sie trennen Eltern und Kinder nicht. Zumindest nicht gleich.“
„Sag mir, leben sie noch? Geht es ihnen gut?“
„Ein kranker Sklave ist ein schlechter Sklave, habe ich gelernt. Sie werden nicht verwöhnt, aber es geht ihnen gut.“
„Warum hilfst du dem Oger?“
„Das ist eine traurige Geschichte.“
„Erzähl sie mir. Ich will es wissen.“
Quaid seufzte und richtete sich etwas auf. Das Sprechen bereitete ihm Schmerzen im Bauch. Aber als er einmal anfing, merkte er, dass es ihm schwer fiel,wieder aufzuhören.
„Ich habe mit meiner Frau zusammen gelebt, auf einem Hof im Westen. Wir hatten ein Kind, eine kleine süße Tochter. Ihr Name war Tara. Sie hatte die Augen ihrer Mutter, das sah man sofort. Außerdem hatte sie ein Talent für die Jagd. Immer, wenn ich auf die Pirsch gegangen bin, wollte sie mich begleiten. Ihrer Mutter gefiel das gar nicht. Aber jedes Mal hat sie sich raus geschlichen und ist mir gefolgt. Ihr erstes Wild hat sie erlegt, da konnte sie kaum ein Gewehr richtig halten.“
„Wie alt war sie?“
„So alt wie du jetzt bist, ungefähr. Eines Tages sind wir gemeinsam auf die Pirsch gegangen. Es gab dort diesen riesigen Hirsch, den wir tags zuvor in unserem Wald entdeckt hatten. Tara hatte ihr Gewehr dabei und wir schlichen durch das Unterholz. Tatsächlich haben wir ihn irgendwann auch entdeckt, mitten auf einer Lichtung. Ein echtes Prachtexemplar. Tara wollte ihn schießen, aber ich habe sie nicht gelassen. Das musste ihr Vater machen. Also habe ich die Patrone in den Lauf gelegt, angelegt und gezielt. Der Hirsch hat den Kopf gehoben, als hätte er uns bemerkt. Ich hab die Luft gehalten, mich keinen Millimeter gerührt. Er hat geglotzt, mit den Ohren gewackelt, als wäre irgendwas im Busch. Irgendwie war es komisch. Erst später habe ich verstanden, dass er nicht wegen uns aufmerksam geworden ist.“
„Was ist dann passiert?“
„Ich habe abgedrückt. Daneben. Der Hirsch ist weggerannt und im Wald verschwunden. Ich hab ihn nie wieder gesehen.“
Quaid machte eine Pause. Auf einmal wirkte er uralt, wie eine graue Eiche.
„War etwas mit Tara?“
„Es war, als hätte die Erde sie verschluckt. Von einem Augenblick auf den anderen war sie verschwunden. Der Hirsch muss sie gesehen haben; muss gesehen haben, wohin sie gegangen ist. Vielleicht war sie wütend, dass ich sie nicht habe schießen lassen. Ich weiß es nicht.“
„Aber du hast sie wiedergefunden, ja?“
„Wenn dem so wäre, wäre es ja keine traurige Geschichte, oder?“
Die kleine Lee schaute den alten Jäger lange an. Jetzt war es an ihm, reglos in den Kamin zu blicken.
„Wie ging es weiter?“
„Ich habe sie wochenlang gesucht. Monate. Bestimmt ein halbes Jahr lang bin ich jeden Tag in den Wald hinaus, habe nach ihr gerufen. Nachts habe ich eine Laterne vor dem Hof entzündet, damit sie uns wiederfinden kann. Ich habe draußen, damit ich wach werde, wenn sie kommt. Aber sie kam nicht.“
„Was war mit deiner Frau?“
„Sie hat es nicht ausgehalten. Sie hat nie etwas gesagt, aber ich wusste auch so, dass es meine Schuld war. Ich hätte auf Tara aufpassen müssen. Die meiste Zeit war ich auf der Suche nach ihr und habe viel zu spät bemerkt, dass der Husten, den sie hatte, einfach nicht aufhören wollte. Sie ist krank geworden. Die meiste Zeit lag sie im Bett, starrte regungslos aus dem Fenster, hustete. Eines Tages kam ich wieder, und sie starrte immer noch aus dem Fenster. Nur hustete sie nicht mehr.“
„Du hast auch noch deine Frau verloren.“
„Weißt du, wie es ist, wenn man aufwacht und keine Luft mehr bekommt, weil man merkt, dass man plötzlich alleine auf der Welt ist?“
„…ja.“
„Ich habe meine Sachen gepackt und den Hof niedergebrannt. Ich bin nach Osten gezogen, hab mich von der aufgehenden Sonne blenden lassen, bis ich irgendwann in den Ruinen eine Enklave gefunden habe. Alles, was ich besaß, habe ich für Schnaps eingetauscht. Ich war fest entschlossen solange zu trinken, bis entweder ich tot, oder meine Frau und mein Kind wieder lebendig waren. Was an diesem Abend geschehen ist, daran erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich muss mich mit einigen finsteren Kerlen eingelassen haben. Denn am nächsten Tag nahm ich an einem Raubüberfall auf dem Highway teil. Offenbar hatte mich jemand für das Spurenlesen bezahlt.“
„Du warst bei Banditen?“
„Der Kugelhagel kommt mir gerade recht, dachte ich. Mache ich mir so eben ein Ende. Hauptsache, ich kann endlich loslassen. Also habe ich stillgesessen und gewartet, bis die Schießerei losging.“
„Es gab keine Schießerei, richtig?“
„Die Banditen waren gut. Professionell. Alles ging reibungslos über die Bühne. Obwohl ich sturzbetrunken gewesen sein musste, waren sie so zufrieden mit meiner Arbeit, dass sie mich für noch einen Überfall angeheuert haben. Aus irgendeinem Grund habe ich ja gesagt. Den Lohn habe ich für Schnaps ausgegeben. Plötzlich war ich Teil einer Bande. Gut ein Dutzend Überfälle haben wir zusammen gemacht.“
„Hast du jemals jemanden getötet?“
„Sagen wir so. Ich habe viele Dinge getan, an die ich mich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern konnte. Dafür bin ich dankbar – denn auf die, an die ich mich erinnern kann, bin ich nicht stolz.“
„Wie bist du dann zum Oger gekommen?“
„Er tauchte einfach irgendwann auf. Er kam aus dem Westen, sagte man, aus der selben Richtung wie ich. Sogar fast zur gleichen Zeit. Eigentlich hätten wir uns begegnen müssen. Wir hatten Gerüchte über einen Mutanten gehört, sie aber nicht geglaubt. Bis er plötzlich vor uns stand. Eines kam zum Anderen und wir wurden Teil seiner Rotte. Von meiner alten Bande ist keiner mehr am Leben. Er hat sie Stück für Stück über die Klinge springen lassen, nachdem sie für ihn nutzlos geworden waren. Mich hat er behalten. Ich bin ihm ans Herz gewachsen.“
Eine kleine Ewigkeit lang starrten sie nun beide ins Feuer. Das Licht spiegelte sich in ihren Augen, tanzte auf ihren Pupillen wie eine Illusion vergangener Zeiten. Jeder sah etwas Anderes; vielleicht aber sahen sie auch beide das Gleiche.
„Ich bin nicht deine Tochter, Quaid. Sicher wärest du ein guter Vater, aber ich bin es nicht.“
„Ich weiß“, antwortete der Jäger, „halt mich nicht für naiv.“
„Das meine ich nicht.“
„Was dann?“
„Ich wollte sagen, dass ich dankbar bin. Dass du mich gerettet hast. Ich kann dir Tara nicht zurückbringen.“
„Das kann niemand.“
„Aber ich kann dir helfen, wieder gut zu machen, was falsch gelaufen ist. Bring mich nachhause und vielleicht schaffst du es, dir selbst zu vergeben.“
Quaid sah das kleine Mädchen an und für nur einen winzigen Moment glitzerten ihre Augen im Kaminfeuer wie damals die Augen seiner Tochter.
„Das werde ich, Kleines. Ich verspreche es.“
Dann glitt Quaid zurück in die Bewusstlosigkeit.

Früh am Morgen zog sich der Nebel in kalten Schleiern zwischen den Bäumen entlang. Taggard hatte nicht geschlafen, seine Knochen schmerzten und nun kletterte ihm auch noch der Winter unter die Jacke. Der Wald war nie der richtige Ort für ihn gewesen. Er bevorzugte die alten Highways, die Ruinen, wo die Beute lag, und die Spelunken in den Enklaven, wo man sie wieder ausgeben konnte. Daher fiel es ihm gleich doppelt schwer, sich für die Suche nach dem Mädchen zu begeistern.
Er fragte sich, wie der alte Quaid das immer machte. In dem Unterholz zu seinen Füßen sah er Äste, halb gefrorene Tannenzapfen und morsche Erde, die klammer wurde, je tiefer er seinen Finger hineinsteckte. Er hatte einmal gesehen, wie der Jäger das ebenfalls getan hatte. Doch Taggard konnte seinen Finger so oft er wollte in den Boden stecken. Eine Spur fand er nicht.
Nur ein Fuchs, der ihn seit geraumer Zeit beobachtete, schien zunehmend blöder zu glotzen.
Ein hölzernes Klimpern näherte sich von hinten. In dieser gottverlassenen Wildnis hörte es sich an, wie die Sporen eines apokalyptischen Reiters. Ein langer Schatten überkam Taggard, baute sich hinter ihm auf.
Der Oger schnaubte.
„Sag mir, wohin sie sind, oder ich behalte deinen Sold ein, bis du sie findest.“
„Quaid war unser Fährtenleser, Boss, dafür haben wir ihn bezahlt! Ich kann nichts dafür, dass er weg ist!“
„Es waren deine Sklaven, Taggard, die geflohen sind. Finde sie wieder.“
Taggard verkniff es sich, allzu deutlich mit den Augen zu rollen.
„Was ist so besonders an diesem Mädchen, dass du sie unbedingt haben musst? Können wir dir nicht einfach ein anderes besorgen?“
„Du verstehst nicht, Taggard. Es sind ihre Augen.“
„Was ist damit?“
„Sie hat mich gesehen. Sie hat mich angeguckt…mit ihren Augen. Jetzt muss ich sie haben.“
Der Sklavenmeister betrachtete erst wieder seine Fingerlöcher in der Erde, dann den Oger, der stumm seine Kiefer wie zwei Mühlsteine aneinander rieb. Gerade war nicht der Zeitpunkt, ihm zu erklären, dass er keine Ahnung hatte, wohin Quaid und das Mädchen verschwunden waren. Er schaute um sich, suchte nach irgendeinem Hinweis, den er dem Oger präsentieren konnte. Da breitete sich plötzlich ein Grinsen in seinem Gesicht aus.
„Vielleicht wissen die ja, wo es lang geht, Boss.“
Der Oger folgte dem Fingerzeig seines Sklavenmeisters und entdeckte im Nebel zwischen den Bäumen einen Planwangen, hinter den gespannt ein halbes Dutzend zotteliger Büffel durch den Wald trottete.

Das Krächzen eines Raben holte Quaid zurück. Blinzelnd wurde er wach, ein Sonnenstrahl schien ihm warm ins Gesicht. Zwischen den Vorhängen schummelte sich das Licht durchs Fenster, ließ den Staub über die Holzplanken tanzen. Quaid lehnte an der Wand, die Decke über die Schultern gezogen. Das Feuer im Kamin war erloschen, nur ein paar verkohlte Äste blieben übrig. Der Geruch von Feuer und Asche lag schwer in der Luft. Er schmeckte ihn im Mund. Einen Moment lang blickte er verstört um sich, dachte, er wäre zurück im Sklavenlager zwischen den brennenden Zelten. Dann fing er sich, seine Sicht klärte sich.
Lee war nirgendwo zu sehen.
Quaid richtete sich auf, da schoss ein Schmerz durch seinen Bauch und drückte ihn zu Boden. Er tastete unter die Decke und fühlte etwas Feuchtes. Blut klebte an seiner Hand. Er schlug die Decke weg und sah den notdürftigen Verband, den Lee ihm aus seinem Hemdsärmel gemacht hatte. Draußen krächzte wieder der Rabe. Die Erinnerung kehrte zurück, an den Gnom, an den Revolver, das Messer und das Blut. Mühsam drückte sich Quaid an der Wand hoch, von der die weiße Farbe abblätterte, und ging in den Flur.
Lee war nirgendwo zu sehen.
Dafür lag dort die Leiche.
Das Mädchen hatten den Anblick offenbar nicht ertragen. Über dem Gesicht des Gnoms war eine Geschirrtuch drapiert, das die leblosen und glasigen Augen verbarg, nicht jedoch das Blut. Eine dunkelrote Lache erstreckte sich von der Leiche aus hin zur Eingangstür, versickerte zwischen den Dielen. In diesem See lag der Revolver. Das Schmuckstück glänzte im Sonnenlicht, und Quaid nahm es auf und prüfte die Kammern. Leer. Trotzdem steckte der Jäger sich das Eisen in den Hosenbund, wer wusste, wozu man es gebrauchen konnte.
„Lee?“ Auf seinen Ruf antwortete nur Stille. Er schleppte sich in die Küche, schaute unter den Tisch und in die Abstellkammer, doch das Kind war nirgends zu finden. Die Hintertür war geschlossen.
Er ging nach oben, suchte im ersten Stock nach ihr. Vielleicht hat sie das alte Puppenhaus gefunden, dachte er. Doch das Häuschen wartete noch immer verstaubt in der Ecke auf jemanden zum Spielen.
„Du kannst rauskommen, Lee, es ist alles in Ordnung!“
Wo hat sie sich versteckt, wo ist sie hin? Und wo kam dieser Gnom her? Quaid humpelte durch die Zimmer, als wieder der Rabe auf dem Dachgiebel zu krächzen begann. Diesmal lauter. Etwas passierte, er fühlte es trotz des blutigen Verbands, trotz der Wunde in seinem Bauch murmeln. Er eilte zum Fenster, meinte, etwas zu hören, schaute hinaus und duckte sich sofort in die Ecke.
Drei Männer kletterten zwischen den Knochenkreuzen und Totems aus einem Wagen, hinter den ein Dutzend hungrig aussehender Büffel gespannt war.
„Beim Arsch meiner Ex-Frau, Luke, zu was für einem gruseligen Friedhof hat man uns hier gelotst? Sieht aus, als kämen Alpträume hier zum Sterben her. Hol das Gepäck aus dem Wagen, wir haben wenig Zeit. Simon, füttere die Tiere! Sie sollen schön fett sein, wenn es ins Schlachthaus geht.“
Quaid drückte sich an die Wand und spähte hinter dem Vorhang nach draußen. Der morgendliche Tau tropfte noch von makaberen Möbeln im Hof, doch die zotteligen Viecher scharrten schon ungeduldig mit den Hufen. Ein Kind, ein Junge von etwa dreizehn Jahren, der einen zu groß geratenen Cowboyhut trug, füllte einen Eimer mit Hafer. Er fütterte die Tiere und gierig fraßen sie ihm aus der Hand.
Der, dessen Stimme über die Lichtung gerufen hatte, beobachtete ihn skeptisch. Plump wie ein Walross stand er da, schlug den Mantel zurück und klemmte die Daumen in den Gürtel unter seinem Wanst. Sein Schnauzer zuckte jedes Mal, wenn er unzufrieden eine Bemerkung machte. Auch er trug einen Hut, dessen Form und bräunliche Tönung ihn beinahe schon verräterisch als Rinderzüchter aus Meatmarket identifizierten.
Der, der gesprochen hatte, beobachtete ihn skeptisch. Plump wie ein Walross stand er da, in einen dicken Ledermantel gehüllt und zwirbelte seinen Schnauzer. Er trug ebenfalls einen Hut. Form und Farbe waren typisch für die Viehzüchter aus dem Norden.
Hinten aus dem Planwagen kletterte sein Gehilfe, mit Rucksäcken beladen. Er wirkte wie ein stacheliges Gerippe, mit Armen dünn wie Äste im Herbst und einem ausdruckslosen Blick in den Augen. Ein Gewehr hing über seiner Schulter und Quaid hatte den Eindruck, als wüsste er es zu benutzen.
Vielleicht waren es die Schusswunde und der Blutverlust, die das flaue Gefühl in seinem Magen beim Anblick der Drei betäubten. Aber Quaid richtete sich auf, öffnete das Fenster und winkte ihnen zu.
„He, ihr da!“ rief er, gegen die Sonne blinzelnd die über die Spitzen des Tannenwalds schien. „Ihr seht mir aus wie Viehhändler!“
„Viehzüchter, um genau zu sein, mein Freund“, antwortete das Walross und winkte zurück. „Und womit verdienst du dein Auskommen?“
„Ich gehe auf die Pirsch. Ich bin Jäger.“
„Da ergänzen wir uns doch hervorragend!“
„Wartet, ich komme runter.“
Quaid eilte so schnell ihn seine Bauchwunde ließ die Stufen herab. Er stieg wieder über die Leiche des Gnoms. Lee musste die Drei kommen gesehen haben und versteckte sich irgendwo. Er fragte sich, wo das sein konnte, da war er schon an der Tür.
Quaid öffnete sie und trat hinaus auf die Veranda ins Licht.
Die Sonne blendete ihn.
Ein Gewehr wurde entsichert.
„Nimm das gefälligst wieder runter, Luke“, hörte Quaid das Walross schimpfen. „Du siehst doch, dass er verletzt ist!“
Er schirmte mit der Hand seine Augen ab und die drei schwarzen Schatten, die wie Geister auf der Lichtung versammelt standen, nahmen langsam Gestalt an. Luke, der Gehilfe, senkte missmutig wieder sein Gewehr.. Der kleine Junge stand nah bei ihm und musterte Quaid unsicher. Sein Gesicht war gesprenkelt mit Sommersprossen.
„Simon, hol den Verbandskasten und wechsele die blutigen Fetzen dieses Mannes aus, ja? Du hast doch ein Händchen dafür.“
„Mir geht es gut“, ächzte Quaid, während der Junge hinten in den Wagen sprang und prompt mit einem Verbandskasten zurückkehrte. „Ihr seid mir nichts schuldig.“
„Ich sehe schon, du lässt dir nichts schenken. Das gefällt mir. Aber sieh es als Investition für unseren Heimweg an. Ein fähiger Jäger kommt uns nämlich gerade gelegen.“
Luke, der skeletthafte Gehilfe, grunzte missbilligend, spuckte auf den Boden. Das Walross ignorierte ihn. Derweil kniete der Junge sich neben Quaid und begann mit seinen flinken Fingern den durchgebluteten Hemdsärmel mit einem richtigen Verband zu ersetzen. Der Stoff aus dem Kasten mit dem Kreuz vorne drauf war weiß wie Schnee.
„Ihr seid auf dem Weg nach Meatmarket, nehm ich an?“, fragte Quaid. „Auf dem Heimweg vom Herbstverkauf, bevor der Winter einbricht?“
„Du kennst dich aus, mein Freund. Wir sind aber ein wenig spät dran. Die Viecher hinter uns sind die Überreste von der Tour. Die müssen wir nun ans Schlachthaus verhökern. Langsam geht uns das Futter für sie aus und deshalb kommt uns ein Jäger gerade recht, der unseren Weg ein wenig abkürzen kann. Was meinst du?“
„Klingt gut“, erwiderte Quaid und war froh. Besser hätten sie es gar nicht treffen können.
„Hast du dich auf der Pirsch verletzt?“
„Sozusagen…“, zögerte Quaid mit der Antwort. „Ich bin mit meiner Tochter unterwegs. Wir sind auf einen Banditen getroffen, der etwas unhöflich wurde.“
Das Walross und sein Gehilfe wechselten einen Blick.
„Eine Tochter, sagst du? Wie alt denn?“
„Elf.“
„Hm.“ Das Walross kratzte sich am Kopf. „Mein Name ist übrigens Brocker“, sagte er. „Das sind Luke, mein Gehilfe, und Simon, mein Junge.“
„Ich bin Quaid.“
„Schön dich kennenzulernen, Quaid.“
Brocker reichte ihm die Hand. Quaid schüttelte sie. Der Viehzüchter hatte einen festen Händedruck und seine Finger fühlten sich rau an, von Schwielen die von harter Arbeit zeugten. Er war Quaid sofort sympathisch. Unter anderen Umständen hatte er ihn wohl gemocht.
Doch der Handschlag änderte alles.
„Oh, lass dich von der Tätowierung nicht abschrecken“, sagte Brocker etwas entschuldigend, als Quaid die Spinne entdeckte, die über seine Hand zu krabbeln schien. „Das ist ein Relikt aus vergangenen Tagen. Eine Jugendsünde, als ich noch auf der falschen Seite des Gesetzes stand. Mein Bruder hat auch so eine.“
Quaid schluckte.
„Da wir gerade von meinem Bruder sprechen“, fuhr Brocker fort, sichtlich nervös, „habt ihr hier in der Hütte zufällig jemand anderen getroffen?“
Quaid schüttelte den Kopf.
„Das ist merkwürdig. Wir sind hier, um ihn abzuholen. Auf dem Hinweg haben wir ihn abgesetzt, sollten ihn einen Monat später dann hier an der Hütte treffen. Er meinte, er wüsste wie man einen Jahresvorrat Hochprozentigen rankäme. Ich hab’s ihm nicht geglaubt. Um ehrlich zu sein, er ist so was wie das schwarze Schaf der Familie, immer hinter dem schnellen Geld her. “
„Außerdem trinkt er das Zeug lieber selbst“, fügte Luke voller Verachtung hinzu, „und hat eine Schwäche für kleine Mädchen.“
„Als du gesagt hast, dass ein Bandit dich verletzt hat und du dann auch noch von deiner Tochter erzählt hast, hab ich schon das Schlimmste befürchtet. Hank kann etwas unüberlegt sein.“
„Uns ist niemand über den Weg gelaufen“, sagte Quaid. Der kleine Simon hatte seine Arbeit beendet und ein neuer, frischer Verband drückte den Bauschuss ab.„Wahrscheinlich habt ihr euch verpasst. Ein paar Meilen von hier ist eine Siedlung, euer Bruder wird bestimmt dahin unterwegs sein. Ich kann euch den Weg zeigen, dann dauert es nicht lange. Macht euch schon mal fertig. Ich hole nur schnell meine Tochter.“
Quaid zog sich am Stützbalken des Verandadachs hoch. Dabei rutschte aus seinem Hosenbund der silbern glänzende Revolver. Er fiel auf die Stufen, direkt vor Simons Füße.
Der Junge hob ihn auf.
In seinen kleinen Händen wirkte er wie eine silberne Cobra.
„Hat Onkel Hank nicht auch so einen, Dad?“
Quaid sah Brocker an. Der starrte die Waffe in den Händen seines Sohnes an. Sein Schnauzer zuckte angespannt.
Luke sah erst zu seinem Chef, die Hand am Gewehr. Dann blickte er zu Quaid.
Der beobachtete weiter Brocker.
„Es ist nicht so, wie du vielleicht denkst“, versuchte er zu erklären. In seinem Augenwinkel raschelten die Büsche am Waldrand.
Luke hob das Gewehr und legte auf Quaid an.
Sein Kopf wurde in Fetzen gerissen.

Ein Kind schrie laut auf. Quaid dachte im ersten Moment, es wäre Lee. Doch es war der Junge. Simon sah mit an, wie Luke mit dem Gesicht vorwärts ins Gras fiel und nur noch eine Höhle klaffte, wo sein Ohr gewesen war. Seine Sommersprossen strahlten plötzlich nicht mehr, er würde den Anblick seinen Lebtag nicht vergessen.
Dann wurde er von einer Kugel zerrissen.
Quaid taumelte hinter den Verandapfeiler.
Der Kugelhagel kam aus den Büschen am Waldrand. Simon zappelte röchelnd am Boden, fasste sich an den Hals. Blut quoll über seine Lippen.
Brocker stürzte zu seinem Sohn und drückte mit seinen Wurstfingern auf die Wunde. Er suchte auf der Lichtung fieberhaft nach den Attentätern, brüllte etwas, das Quaid nicht verstand. Mit der freien Hand zückte er einen Revolver aus dem Mantel, wollte schießen. Doch plötzlich tauchte ein fingergroßes Leck in seiner Brust auf. Ein Rinnsal roter Farbe lief über sein Hemd. Der gewaltige Schnauzer zuckte hektisch und Brocker sank auf die Knie. Er kippte um wie eine gefällte Eiche, das Gesicht in den Dreck, dazu gezwungen seinen erstickenden Sohn anzustarren.

„Du solltest dein Gesicht sehen, Quaid“, höhnte eine Stimme aus den Büschen. Es raschelte, Äste knackten, doch statt einem Fuchs oder Hirsch kroch aus dem Gestrüpp der glatzköpfige Taggard. „Guckst, als hätte dir jemand gerade den Eimer unterm Arsch weggezogen.“
Quaid wollte in das Haus flüchten, aber Taggard ließ ihn nicht. Mit einem abschätzigen Schnalzen der Zunge wedelte er mit dem Lauf seiner Flinte, spannte genüsslich den Hahn.
„Wenn dein Arsch auf Grundeis geht, hast du meine Erlaubnis zu zittern, Jäger. Mehr nicht. Du bleibst schön da, wo ich dich sehen kann. Meine Güte“, beschwerte er sich, als er über die Leichen stieg, „was hast du hier für eine Sauerei veranstaltet?“
„Dein Kerbholz, Taggard, nicht meins. “
„Haben wir dir gar nichts beigebracht? Du hast dich verarschen lassen, wie ein Mädchen mit der Milchkanne. Da musste ich eingreifen. Du hast mich quasi dazu gezwungen, könnte man sagen.“
„Fick dich, komm zum Punkt. Wo ist der Oger?“
„Hier.“
Das Geräusch glich dem eines umknickenden Baumes. Auf der gegenüberliegenden Seite wurden die Äste und Büsche einfach wie störende Vorhänge weggeschoben und der Oger trat auf die Lichtung. Der Wald hielt den Atem an. Quaid spannte seine Muskeln, seinen Kiefer, bereit den kommenden Schlag ins Gesicht einzustecken, da wurde er am Kragen gepackt und hochgehoben. Der Mutant ließ ihn wie ein Windspiel von seiner Faust baumeln.
„Ich hätte es wissen müssen“, knurrte der Mutant. „Männer wie du können ihr Gewissen nicht runterschlucken.“
Quaid fehlte die Luft, um zu antworten.
„Ich hoffe, du bist zufrieden mit dir selbst, alter Wolf. Fackeln und tollwütige Hunde. Davor flüchten deine Sklaven jetzt. Du hast sie befreit. Wegen dir werden sie sterben. Ich ziehe ihnen persönlich die Haut ab. Jeder soll sehen, was die Flucht bringt. Der Rest erfriert elendig im Unterholz. Was auch immer dein Gewissen quält. Diese kannst du nun mit dazurechnen.“
Die Pranke quetschte ihm den Hals zu, er konnte nur krächzen. Quaid spürte, wie die freie Hand des Ogers ihm über den Bauch strich, über den frischen Verband. Seine Finger tasteten sich wie Spinnenbeine vorwärts, bis sie die feuchte Stelle fanden.
„Da war jemand schneller als ich. Na gut. Sag mir“ – der Oger fletschte die Zähne und riss den Verband von Quaids Bauch ab – „wo du mein Mädchen versteckt hast. Dann erlöse ich dich von deinem Leiden. Wie fühlt sich das an?“
Schmatzend verschwand der Finger des Ogers in dem Loch, bohrte in der Wunde. Quaid fühlte, wie der Fingernagel des Mutanten in seinen Eingeweiden stocherte. Er riss die Augen zum Himmel und schrie wie ein Wahnsinniger. Am Rande seines Sichtfelds flimmerte die Ohnmacht. Er biss die Zähne zusammen, kämpfte mit aller Macht dagegen an.
Folter mich, dachte er, ich halte durch. Jede Sekunde, die ich die Zähne zusammenbeiße, verschafft ihr mehr Zeit. Ihre nackten Füße eilen über das Laub, sie rennt weit weg von hier. Ich muss nur durchhalten, dann ist sie in Sicherheit.
Daran glaube ich fest.
„Ich kenne deinen Sturkopf. Ich kann das den ganzen Tag tun. Ich werde nicht mal müde. Aber sag mir, wo sie ist. Sonst zünde ich einfach das Haus an. Dann wird sie schon von selbst raus kommen.“
Endlich lockerte der Riese den Griff. Der Jäger holte hektisch Luft.
Und nutzte sie, um zu lachen.
„Zünd besser gleich den ganzen Wald an. Du findest sie nicht.“
„Du bist dir deiner Sache sicher. Wo hast du sie versteckt?“
„Sie hat sich in Luft aufgelöst. Ich brauchte sie nicht mal zu verstecken.“
„Ist das so?“
„Selbst wenn ich wollte, könnte ich es dir nicht sagen, so gut ist sie.“
„Dann verschwende ich nur meine Zeit mit dir.“
„Geh zurück in dein La-“
Quaid brachte den Satz nicht zu Ende. Seine Augen weiteten sich plötzlich, sein Atem stockte, er wirkte aufgeregt. Mit leisem Knirschen knackte der eisenharte Griff des Ogers sein Genick und das Windspiel erschlaffte. Das Kinn des Jägers klappte auf seine Brust.
„Verschwenden wir keine Zeit“, befahl der Oger und warf den leblosen Körper beiseite, „das Gör ist hier noch. Bring sie mir.“
Taggard nickte und machte sich auf. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, dem toten Jäger noch einen Tritt zu verpassen. Kurz darauf hörte man erst knarzende Schritte auf der Treppe, und später über das Parkett im ersten Stock. Ein Rumpeln und Brechen kam dazu. Das Geräusch von brechendem und splitterndem Holz drang von oben herab. Unterbrochen wurde es von Schreien, böswilligen Flüchen und wutentbrannten Verwünschungen. Ein Fenster zerbrach und eine Puppenhaus wurde aus dem ersten Stock auf den Hof geschleudert, wo es zwischen den Leichen zerschellte.
Der Oger gönnte sich mehr Zeit. Gemessenen Schrittes duckte er sich durch den Hauseingang. Er lächelte boshaft, als er den toten Gnom sah. Dann verschwand er in der Küche.
Man hörte das Klappern der Schranktüren über und unter der Anrichte, als der Oger sie erst öffnete und dann wütend aus den Angeln riss. Geschirr klirrte, Teller zerbrachen. Der Messerblock landete scheppernd an der Wand. Dann pflückte der Oger das Netz mit den Töpfen und Pfannen von der Decke und schleuderte den Inhalt gegen das vergitterte Fenster. Er rüttelte am Knauf der Hintertür, doch die war fest verschlossen. Vor Wut brüllte der Oger wie ein Orkan.
All das ergab mit dem Lärm aus dem ersten Stock eine Kakophonie der Frustration. Hämmern, Scheppern, Bersten, Reißen, Rumpeln – Taggard und der Oger nahmen das kleine Haus nach Strich und Faden auseinander.
Dabei überhörten sie natürlich das zimperliche Quietschen einer gut geölten Geheimtür, die unterhalb der Treppe lag.

„Hast du sie gefunden, Taggard?!?“
„Ich kann sie nicht finden, Boss“, erklärte der Sklavenmeister, als sie sich wieder im Flur trafen. „Sie ist wie vom Erdboden verschluckt!“
„Das kann nicht sein!“
„Ganz ruhig, Boss. Wir besorgen dir einfach eine Neue. In den Dörfern in der Nähe gibt es genug kleine Mädchen.“
„Das reicht nicht. Ich will sie. Sofort.“
Der unheimliche Rhythmus, in dem sein Anführer seine Fäuste öffnete und schloss, bereitete Taggard Sorgen. Der Oger war krank. Irgendetwas an ihm war falsch. Das dumpfe Grollen aus seiner Kehle signalisierte nur, dass es mehr und mehr mit ihm zu Ende ging. Vielleicht war es nur gut so, dass sie das Mädchen nicht fanden.
„Riechst du das, Taggard?“
„Das bildest du dir ein, Boss“, antwortete er, einen vorsichtigen Schritt zurück machen, als der Oger seine Schnauze wie ein Hund in die Luft hob und schnupperte. „Du bist angespannt.“
„Nein…das ist…Rauch!“
Taggard sah sich um. Plötzlich fiel ihm auf, dass der Fußboden sich warm anfühlte.
„Du hast recht…“
Es tat ein lautes Knallen, als die Haustür zuschlug. Von draußen hörte man noch ein Kratzen, dann war ein Riegel vorgeschoben.
Die Sklavenhändler sprangen zur Tür, hämmerten dagegen.
Doch das Holz war überraschend stabil. Schließlich hatte man es gebaut, um selbst den härtesten Schlägen stand zu halten.
Die kleine Lee kniete auf der Veranda. Zu ihren Füßen lag der regungslose Körper des alten Wolfs, der sie beschützt hatte, der Hals unnatürlich verdreht. Die ganze Hütte schien unter den Schlägen und dem Gebrüll des Ogers zu erzittern. Erste Fahnen schwarzen Rauchs schlängelten sich unter dem Türschlitz hervor.
Lee fuhr Quaid durch das graue Haar.
„Ich hab im Keller die Sachen des Gnoms gefunden. Ganze Fässer voll mit dem Zeug, nach dem er gestunken hat. Ich glaube, du wärest stolz auf mich. Es brennt sehr gut. Aber es tut mir leid, dass du nicht weiter gekommen bist, als zu mir. Egal was du getan hast, es sei dir verziehen. Mach es gut, alter Wolf. Ich hoffe, du findest deine Tochter mit den Kastanienaugen.“
Zum Abschied schenkte sie ihm einen Kuss auf die erkaltende Schläfe. Im ersten Stock der Hütte wurden Fenster zerschlagen, die Scheiben rieselten auf das Verandadach.
„Hier oben sind sie auch vergittert!“ schrie der kleine Mann mit der Glatze, aufkeimende Panik in der Stimme.
Als wäre die brennende Hütte und die tosenden Gefangenen in ihrem Inneren Teil einer anderen Welt, zog die kleine Lee behutsam der Leiche zu ihren Füßen den Mantel aus und wickelte sich darin ein, wie in eine Decke. Ihre nackten Zehen kräuselten sich, als sie von der Veranda auf das blutdurchtränkte Gras trat.
Im Vorbeigehen verscheuchte sie eine Krähe von der Brust des walrosshaften Viehhändlers, die nach seinen Augen pickte. Krächzend flog der schwarze Vogel davon, drehte eine Kurve um die aufsteigende Rauchsäule aus dem Dach. Lee lief vorbei an den Leichen zum Planwagen, wo unbeeindruckt vom Massaker die Büffel warteten. Schnaubend machte einer von ihnen auf seinen leeren Eimer aufmerksam
„Ihr kommt mit“, flüsterte sie, hob den Hafersack auf und füllte nach.
Dann machte sie die Tiere am Wagen fest und kletterte auf den Kutschbock.
„Mach die Tür auf, du kleine Schlampe!“ brüllte der Oger durch die Gitterstäbe im Erdgeschoss. „Mach sie auf, oder ich schneide von deiner Fotze aufwärts dir den Hals auf, argh!“
„Mach doch“, flüsterte sie und versuchte den zwei störrischen Eseln vorne am Wagen mit der Weidenrute das Laufen beizubringen. „Ich gehe jetzt nachhause.“
Widerwillig setzten die Esel sich in Bewegung und verschwanden zwischen den Bäumen im Wald, gefolgt von einer kleinen Büffelherde.
Die Schreie aus der brennenden Hütte begleiteten sie.

Angel

Daniel stand mutterseelenallein in der U-Bahn und sah zu, wie vor den Fenstern der Tunnel in schwarzen Schlieren vorbei raste. Seine schweißnassen Finger krallten sich in die Haltestange und er versuchte sich zu erinnern, wann er jemals so nervös gewesen war.
Er betrachtete sein Spiegelbild im Fenster, doch was er sah, stimmte ihn nicht optimistisch für sein Date: Ein bleicher Streber mit schlechter Haut, dicker Brille und einer Frisur die verriet, dass er die meiste Zeit vor einem Bildschirm verbrachte. In seiner Hand hielt er eine Rose, frisch aus dem Blumenladen. Sie war in braunes Papier gewickelt und wirkte an ihm wie ein Fremdkörper; etwas Zufälliges, das nicht für ihn bestimmt war. Aber zu einem Date brachte man Rosen mit. Ganz besonders dann, wenn man eine Verabredung mit dem hübschesten Mädchen der Schule hatte.
Sie hatten alle dumm geglotzt, als Maria heute morgen zu ihm gekommen war. Bei den Garderoben auf dem Schulflur hatte sie ihn angesprochen: „Hast du heute Abend Zeit für mich?“ Natürlich hatte er das. Aber mehr als ein atemloses Nicken hatte er nicht zustande gebracht. Lächelnd schlug sie eine Uhrzeit vor und erklärte, wo sie sich treffen würden. Daniel hatte abermals genickt und schaute ihr hinterher, wie sie den Gang hinunter verschwand, wie eine gut gebaute Fata Morgana.

„Nächste Haltestelle, Hermannstraße.“ Der Lautsprecher krächzte und Daniel rechnete im Kopf aus, wie viele Stationen Gnadenfrist ihm noch blieben. Kalter Schweiß kroch ihm auf die Stirn. Er ließ sich auf der Sitzbank nieder und dachte angestrengt darüber nach, dass er sich eigentlich freuen sollte. Doch je näher er ihr kam, desto weniger konnte er sich erklären, womit gerade er Marias Gunst verdient hatte.
Er bemerkte nicht, wie die Neonlampe im Abteil zu Flackern begann. Daniel rieb sich die Augen, presste die Handballen vor das Gesicht, sodass seine Brille auf die Stirn rutschte. Geräuschvoll atmete er durch einen Spalt zwischen den Fingern. Die Lampe zitterte und sprang wie eine eingesperrte Fliege unter einem Glas. Dann schrumpfte das Licht auf Glühwürmchengröße, bevor es wieder kalt erstrahlte.
Daniel blickte auf, als er spürte, dass er nicht mehr alleine im Abteil war.
„Schwer am grübeln, Kid?“
Die Stimme gehörte zu einem Mann, der lässig an der Stange lehnte, an die Daniel sich eben noch geklammert hatte. Erschrocken schaute Daniel auf und rückte seine Brille gerade. Etwas an dem Fremden wirkte seltsam. Er sah aus wie ein Privatdetektiv, entflohen aus einem Film Noir, mit einem grauen Trenchcoat und einem Hut, den er tief ins Gesicht gezogen hatte. Der Geruch ungeleerter Aschenbecher stieg Daniel in die Nase. Er machte ihm das Atmen schwer. Da bemerkte er den Zigarettenstummel im Mund des Fremden und fragte sich, wie er ihn nicht hatte bemerken können. Der Mann schien seine Gedanken zu lesen. Er lächelte wie ein Kojote und plötzlich fühlte Daniel sich umzingelt.
„Entschuldigen Sie“, sagte er und lächelte beklommen. „Ich habe Sie gar nicht bemerkt.“
„Ist doch keiner gestorben, Kleiner, wozu entschuldigst du dich?“
„Sind Sie aus dem Nachbarabteil?“
„Ich bin vom Himmel gefallen.“
„Ich dachte, ich höre die Tür, wenn jemand reinkommt.“
„Soll das heißen, ich hätte mich angeschlichen?“
Der Fremde funkelte Daniel an. Er schnaubte Rauch durch die Nase, wie ein Ochse. Es dauerte einen Moment, bevor Daniel begriff, dass der Mann ihn bloß auf den Arm nahm. Er grinste und Daniel lachte nervös.
„Für wen ist denn das Gemüse da?“
„Ich bin verabredet“, erklärte Daniel und sah zur Rose.‚
„Ach, deshalb die Schweißflecken.“
„Sie ist sehr hübsch.“
„Dann wird’s Zeit, sich am Riemen zu reißen.“
„Ich versuche mein Bestes.“
Der Fremde nickte. „Ich bin übrigens Angel“, sagte er und reichte Daniel die Hand. Zögerlich nahm Daniel sie an, unsicher, was er davon halten sollte. Kalter Teer umschlang seine Finger.
„Ich bin Daniel.“
„Ich weiß. Zigarette?“
„Äh, wie…sie ‘wissen’?“
„Hat die Kleine auch einen Namen?“
„Entschuldigen Sie, aber das geht etwas zu weit, finden Sie nicht?“
„Bist du immer so ein Weichei?“
„Wie bitte?“
„Du entschuldigst dich am laufenden Band, das gehört sich nicht.“
„Tut mir leid, aber-“
Plötzlich klatschte es. Ein roter Striemen leuchtete auf Daniels Wange auf. Entgeistert schaute er zu, wie Angel sich die Hand rieb und zurück an die Stange lehnte. Dann erst bemerkte er den Schmerz.
„S-s-sind Sie noch ganz bei Trost? Sie haben mich geschlagen!“
„Eine Ohrfeige ist kein Schlagen, Kleiner.“
„I-ich gehe zum Schaffner!“
„Jetzt spann mich nicht auf die Folter, wie heißt die Kleine.“
„…Maria.“
„Ah, wie die Jungfrau. Herrlich unschuldig. Wie sieht sie aus?“
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!“
„Willst du es meiner Fantasie überlassen, sich ein Bild zu machen?“
Daniel verzog das Gesicht. „Sie hat blonde Locken bis zum Rücken und blaue Augen.“
„Da fehlen ein paar Details, Kleiner.“
„Ihr Parfum duftet nach Flieder und wenn sie läuft, wackelt ihr Rock, dass es aussieht, als würde sie tanzen, zufrieden?“
„Gratuliere, Partner. Das klingt nach einem echten Fang, den du da gemacht hast.“
„…danke.“
„Eine Frage musst du mir aber noch beantworten.“
„Und die wäre?“
Angel schnippte seine Zigarette auf den Boden. Von dem Stummel kräuselte sich ein blasses Rauchfähnchen empor. Er trat ihn aus, zerquetschte ihn unter seiner Sohle, bis nur noch ein schwarzer Fleck übrig war und lächelte heimtückisch zu Daniel. „Wie viel hast du der Kleinen für das Date zahlen müssen?“
„Wie bitte?“
„Oder hat sie eine Wette verloren?“
„Sie hat mich nach einem Date gefragt, nicht andersrum!“
„Macht dich das gar nicht stutzig?“
„Wovon reden Sie bitte?“
„Guck mal in den Spiegel, Kleiner. Schaut da ein Gorilla zurück? Eher nicht. Mädels wie Maria geben sich aber nicht mit Schimpansen ab, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Tut mir leid, aber das muss ich mir wirklich nicht gefallen lassen!“
Daniel bemerkte seinen Fehler zu spät. Noch bevor er ausweichen konnte, knallte die zweite Ohrfeige in sein Gesicht. Angel grinste.
„Ach, ich könnte das den ganzen Tag machen“, seufzte er, schüttelte die Hand aus und kramte in seiner Manteltasche. „Jetzt ‘ne Zigarette?“
Daniel sagte nichts. Wortlos griff er nach der Rose und stand auf. Er ging zur Tür und legte die Hand auf den Knauf des Hebels. Der Lautsprecher krächzte die nächste Haltestelle, das Schwarz vor den Fenstern brach auf und ein hell erleuchteter Bahnsteig rollte vorbei.
„Viel Glück bei deinem Date, Kleiner“, rief Angel ihm zu.
Der Zug hielt und Daniel stieg aus.

Daniel stampfte die Treppe nach oben, kochend vor Wut. Der ätzende Gestank von Urin schlug ihm entgegen. Er zitterte am ganzen Leib, als er den Bahnhofssaal betrat und geradewegs auf die gelben Informationstafeln zusteuerte. Die Halle war wie ausgestorben. Die Geschäfte hatten für heute längst die Lichter ausgemacht. Im Saal gähnte ihn eine Leere an, die hungrig auf die nächste Welle Pendler zu warten schien.
„Unfassbar“, murmelte er. „Der Typ hat sie doch nicht alle.“ Auf der Suche nach dem Gleis, auf dem er Maria treffen sollte, fuhr Daniel den Plan mit dem Finger ab. Er konnte sich kaum konzentrieren. Dauernd verrutschte er in der Zeile. Als er das Gleis endlich gefunden hatte, schaute er auf die Uhr; dann rannte er los. Vor Wut hätte er beinahe die Ankunft verpasst.
Über ihm dröhnte der Zug bei der Einfahrt. Das Echo seiner Schritte rannte mit ihm durch den Tunnel. Die Flut der Reisenden rollten ihm entgegen, als er die Treppe zum Gleis hoch eilte, beladen mit Koffern und Taschen, schlecht gelaunt und gehetzt. Oben angekommen lichtete sich bereits die Menge. Die Ströme aus den Wagen versiegten. Der Schaffner blies in seine Pfeife, gab das Signal und gemächlich setzte sich der Regionalexpress in Bewegung, rollte hinaus in die Nacht.
Außer Daniel blieb nur noch eine Person auf dem Bahnstein zurück.

Maria stand neben dem Süßigkeitenautomaten und telefonierte. Ihr schwarzer Rock wehte in der Abendluft, die über das Gleis strich. „Mach dir keine Sorgen“, säuselte sie in ihr Handy. „Ich melde mich, wenn wieder alles in Ordnung ist.“ Sie verabschiedete sich und steckte das Telefon in die Handtasche. Als sie Daniel bemerkte, wie er über den Bahnsteig, mit einem Lächeln auf sie zu stolperte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck für einen Moment. In ihrem makellosen Gesicht flackerte Erleichterung auf.
„Hallo“, sagte Daniel und schämte sich sofort dafür. Er hätte sich etwas Cooleres einfallen lassen sollen. Sein Herz pochte ihm gegen den Kehlkopf. Gleichzeitig lief das Grinsen in seinem Gesicht Amok.
„Schön, dass du gekommen bist“, sagte Maria und legte ein Lächeln auf. „Ist die für mich?“
„Ein kleines, äh, Geschenk zur Begrüßung, dachte ich“, sagte Daniel und überreichte ihr die Rose.
“Wie…lieb von dir.“
„Entschuldige, ich ein bisschen nervös. Worauf hast du Lust? Möchtest du ins Kino? Oder etwas essen? Wir können auch einfach spazieren gehen, wenn du magst.“
„Ehrlich gesagt, hab ich nicht viel Zeit.“
„Ach so. Wir können uns ja ein wenig unterhalten.“
„Das klingt toll. Aber ich hab ein kleines Problem. Kennst du dich mit Computern aus?“
„Ein bisschen…“
„Kannst du mir helfen? Gestern Abend hat er plötzlich seinen Geist aufgegeben, seitdem geht gar nichts mehr. Hier, guck mal.“
Neben Maria an der Bank lehnte eine schwarze Umhängetasche. Daniel bemerkte sie erst jetzt, wo Maria sie öffnete und einen klapprigen Laptop herauszog. Bunte Aufkleber mit Smileys prangten auf dem Gehäuse. Die besten Zeiten hatte das Ding schon hinter sich. Maria betätigte den Startknopf und drückte ihn Daniel in die Hände.
„Was…ist denn mit dem Date?“
„Ja, natürlich. Erzähl mir was von dir, ich höre dir zu.“ Sie lächelte. „Es kann nur sein, dass mein Freund gleich anruft.“
„D-du hast einen Freund?“
„Oh, ich dachte, das hätte ich erwähnt. Wir sind seit knapp einem Jahr zusammen.“
„Aber…aber warum hast du dich dann mit mir verabredet?“
„Ich hab keine hundert Euro, damit so ein schwitzender Streber auf einen Knopf drückt und plötzlich wieder alles funktioniert. Da dachte ich, ich tu dir einen Gefallen, und du hilfst mir ein bisschen mit dem Laptop.“ Sie kicherte.
„W-was für einen Gefallen?“
„Hast du’s nicht gemerkt? Die ganze Schule zerreißt sich das Maul, weil sie wissen will, warum wir miteinander ausgehen. Du bist mit einem Schlag beliebt!“
„A-aber…ich wollte doch gar nicht beliebt sein.“
„Auf der Mädchentoilette quasseln sie über nichts anderes mehr. Ab morgen wirst du dich vor Aufmerksamkeit kaum retten können, glaub mir. Aber keine Angst, das bleibt unser kleines Geheimnis.“ Maria schielte auf den Laptop. „Meinst du, du kannst dich ein bisschen beeilen?“
Daniel glotzte sprachlos den Bildschirm an. Blaues Licht leuchtete ihn an. Marias Handy klingelte und hastig kramte sie es aus der Handtasche. „Ja, Schatz, ich bin auf dem Weg“, versicherte sie eilig und ging ein paar Schritte. „Alles wird gut, er kümmert sich drum.“

Daniel sank schweigend auf die Bank neben dem Automaten. Der Laptop balancierte auf seinen Knien. Der Lüfter surrte laut auf und Fehlermeldungen sprangen ihn an – doch sein Blick war starr auf das Gleis gerichtet. Eine Eisdecke breitete sich in seinem Magen aus.
Er bemerkte nicht, wie sich der Bildschirm verzerrte und flackerte.
„Immerhin hat sie deine Rose genommen, das ist mehr als ich erwartet habe.“
Daniel sah die Bewegung aus dem Augenwinkel und fuhr herum. Angel stand auf einmal neben ihm, an eine Säule gelehnt. Der Qualm seiner Zigarette wehte durch die kühler werdende Abendluft, während er Maria hinterher sah, die telefonierend den Bahnsteig entlang schlenderte.
„Wo zum Teufel kommen Sie her?“
„Ich sag doch, ich bin vom Himmel gefallen. Dachte, ich schau mal nach dir.“
„Mir geht es prima…“
„Nennt man das heute so?“
Daniel antwortete nicht. Stattdessen begannen seine Finger über die Tastatur zu kriechen.
„Sie ist echt ‘n hübsches Ding“, bemerkte Angel und sog scharf Luft ein. „Wette, sie hält sich ganze Rudel von Typen wie dir.“
„Ich lege ein neues Benutzerkonto an und kopiere die Daten rüber. Dann sollte es wieder funktionieren.“
„Wie willst du morgen in den Spiegel gucken?“
„Ich bin selbst schuld.“
„Nur ein Heiliger hält auch die andere Wange hin, Kleiner.“
Daniel schwieg.
„Nicht mal deine Rose hat sie behalten.“
Angel nickte und Daniel reckte den Hals. Die Rose lag auf den Schienen. Der Wind pflückte die Blätter von ihrem Kopf und wehte sie fort.
„Und selbst ein Heiliger hat seine Grenzen.“

Der Lautsprecher knackte. „Auf Gleis 9, Vorsicht bei der Einfahrt.“ Scheinwerfer blitzten in der Dunkelheit auf und kündigten den Zug an.
„Langsam wird’s Zeit, Kleiner. Was wirst du tun?“
Daniel versuchte, sich auf den Bildschirm zu konzentrieren. Der Fehler war schnell behoben. Am liebsten wäre er so bald wie möglich im Boden versunken. Aber er spürte den Handabdruck auf seiner Wange brennen. Er ließ ihn nicht los.
Der Stromgeber auf dem Gleis zischte und Daniel blickte auf. Er sah Maria, die hinter der gelben Sicherheitslinie am Gleis schlenderte. Auf einmal hatte er einen Plan.
„Bist du so schnell fertig?“ fragte sie strahlend, doch Daniel sah hinter ihre klimpernden Augen. „Mein Freund hat angerufen, er sagt, ich soll den nächsten Zug nehmen.“
Daniel baute sich vor ihr auf. „Du kannst nicht einfach mit den Gefühlen anderer spielen, weißt du.“
„Du hast doch auch was davon, freu dich doch lieber. Funktioniert alles wieder?“
„Ja. Aber ich wäre vorsichtig, du stehst ganz schön nah am Gleis.“
„Gibst du mir den Laptop?“
„Hast du meine Rose noch? Ich hätte sie gern wieder.“
„Oh, die muss mir aus der Hand gefallen sein.“
„Dann hol sie wieder.“
„Spinnst du, der Zug überrollt mich!“
„Ich pass schon auf.“
Maria sah ihn an. Daniel genoss den Augenblick.
„W-was willst du von mir?“
„Ein Kuss wäre nicht schlecht…“
„D-das kann ich nicht tun. M-mein Freund…“
„Verstehe.“
„Darf ich den Laptop wieder haben? Mein Freund braucht ihn…“
„Dein Freund wird ganz andere Probleme haben…“
Daniel kam auf sie zu. Donnernd rollte der Zug vorbei. Die Bremsen kreischten auf. Maria kniff die Augen zusammen. Sie spürte eine Bewegung. Der ohrenbetäubende Lärm erstickte ihren spitzen Schrei.
Als sie vorsichtig die Augen wieder öffnete, sah sie Daniel. Etwas feuchtes spürte sie an der Wange. Er lächelte. Sie fühlte etwas feuchtes auf ihrer Wange. Er lächelte.
„W-wo ist der Laptop hin?“ fragte sie, als Daniels Kuss wegwischte.
„Der muss mir aus der Hand gefallen sein“, sagte er und ging in Richtung der Treppe.
Maria sah sich um und entdeckte kleine schwarze Splitter vor ihren Füßen. Zwischen den Rädern des Zuges lag ein Trümmerhaufen aus Plastikteilen. Ein zerfetzter Smiley lachte sie an.
„W-was hast du getan? Der Laptop! Mein Freund bringt mich um!“
„Sieh’s positiv. Heute wird der spannendste Tag deines Lebens.“

Zufrieden schlenderte Daniel die Treppe nach unten in den Tunnel. Am Ende der Stufen lehnte Angel am Geländer. Er rauchte.
„Entschuldige, wenn ich nicht applaudiere.“
„Steht das Angebot mit der Zigarette noch?“
„Greif zu.“
Daniel zog eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie mit dem Feuer an, das Angel ihm reichte. Er nahm einen tiefen Zug und brach prompt in einen Hustenanfall aus.
„Eins nach dem anderen, Kleiner“, sagte Angel lächelnd. „Du hast heute schon genug gehabt.“
„Wer“ – Daniel hustete – „bist du eigentlich wirklich?“
„Spielt das denn eine Rolle?“
„Ich wollte mich bedanken“, sagte Daniel.
„Ach, Kleiner, du stellst die falschen Fragen.“ Angel entblößte seine gelben Zähne. „Wer sagt denn, dass ich überhaupt echt bin?“

(© Gregor Fischer / 2012)

(Bild © Ciorian/pixelio.de)

Die letzte Beichte

Die Kirche war leer. Der Priester kniete vor dem Altar und faltete seine Hände zum Gebet. Er schielte hoch zum hölzernen Messias, der über ihm am Kreuz baumelte. Schweiß tropfte dem Priester von der Stirn und klatschte auf den Steinboden. Neben der halbleeren Flasche Bauernkorn an seiner Seite lag ein Revolver.

„Herr, der Du bist im Himmel. Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme. Vergib uns unsere Schuld und verzeih uns unsere Sünden. In der Beichte werden wir Eins mit Dir und Deiner Gnade. Amen.“

Die Kirchentür erzitterte unter einem heftigen Schlag. Das Schloss schepperte. Draußen hämmerten Fremde gegen das Portal. Der Querbalken wackelte, die Scharniere ächzten. Die Tür hielt.

Mit zitternder Hand griff der Priester nach dem Schnaps und nahm einen Schluck. Der Alkohol brannte in seiner Kehle. Er ließ den Revolver in seinem Gewand verschwinden. Dann wagte er einen Blick über die Schulter. Seine Nackenhaare stellten sich auf: Er konnte hören, wie sie mit Fingernägeln auf Holz kratzten.

Er wandte sich zum Kreuz und kniff die Augen zu. „Ich bin dir ein schlechter Diener gewesen, Herr“, jammerte er. „Ich habe meine Pflichten missachtet und meine Schäfchen verhöhnt. Aus Langeweile habe ich sie bei der Beichte sinnlos für die Buße beten lassen. In der Messe habe ich das Fegefeuer lässlicher Verfehlungen gepredigt und drakonische Strafen in Aussicht gestellt. Auf dem Beichtstuhl haben sie dann ihre Sünden gestanden und ich habe mir den Spaß erlaubt, sie auf Festen und Feiern mit kleinen Seitenhieben zu ärgern. Aber immer nur, um Gutes zu tun! Manchen von ihnen habe ich Hausaufgaben gegeben. Für ihr Techtelmechtel mit dem Bauern Henry durfte die alte Lady Ginster drei Wochen nicht sprechen. Später hat er sich deshalb von ihr getrennt. Das war für beide das beste.“

Holz splitterte. Eine Axt schlug durch die Tür. Späne rieselten zu Boden. Die Axt schnellte zurück und riss auf ihrem Weg ein Loch in die Tür, groß genug für einen Kopf. Licht strahlte durch die Öffnung. Dahinter bewegten sich Schatten. Der Priester zählte mindestens ein Dutzend Gestalten, die sich hinter der Tür tummelten. Ihr Stöhnen jagte dem Priester einen Schauer über den Rücken.

„Ok, Herr, ich gestehe“, sagte er. „Ich war bei den Messen nicht immer ganz nüchtern. Manchmal musste der Messwein gekostet werden, um die Haltbarkeit zu testen! Aber dazu reicht ein Schlückchen ja nicht. Die Messdiener haben was geahnt, deshalb habe ich ihr Taschengeld aufgebessert. Das war ein guter Zweck, wofür ist der Klingelbeutel also sonst da? Ich gebe zu, dass es etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Aber zu dem Pfadfinderstuhlkreis letzten Monat hätte ich auch nüchtern nichts beitragen können. Es macht also nichts, dass er ausgefallen ist. Ich bin jetzt auf Korn umgestiegen, der macht weniger Kopfschmerzen. Farmer Ellis lässt mir immer eine Flasche von seinem Schwarzgebrannten da, seitdem ich angedeutet hab, dass ich weiß, was er hinter seiner Scheune treibt.“

Es knackte und knirschte. Der Priester fuhr herum und sah gerade noch mit an, wie Hände und Arme Bretter aus der Tür rissen. Das Eichenportal wackelte in den Angeln, die Scharniere quietschten an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Mit jedem Stück gerupftem Holz flutete mehr Licht den Eingang. Davor zeichneten sich immer deutlicher die Umrisse der Eindringlinge ab.

„Vater, bitte hör mir zu!“, bettelte der Priester. „Es tut mir furchtbar leid! Der Teufel hat mich verführt, ich schwöre es! Der Alkohol ist an allem schuld!“ Er nahm den letzten Schluck aus der Flasche und schmiss sie gegen eine Säule, dass sie zerbrach. „Ich hab‘ mir ein paar schlimme Angewohnheiten zugelegt! Du weißt, wie einsam das Leben eines Priesters sein kann! Ich kann auch nichts dafür, dass die Tochter des Bürgermeisters immer kürzere Röcke trägt! Wie soll man da nicht hinterher gucken? Ich war wirklich unauffällig, wenn ich ihr durch die Stadt gefolgt bin. Als Mann kommt man eben auf Ideen, das ist doch ganz natürlich! Und allein in meiner Kammer nach der Messe habe ich dann ein bisschen nachgeholfen. Wo ist das Problem?“
Es knackte an der Tür. Der Priester fasste seinen ganzen Mut zusammen. „Ok, du hast recht, das war noch nicht alles. Letzten Sommer…“ – er schluckte – „mit der Bikini-Saison wurde der Druck dann zu groß. Draußen vor der Stadt, bei der Autobahn, gibt es diesen Parkplatz. Dort stehen ein paar Wohnwagen. Wenn sie Zeit haben, stellen die Frauen, die darin wohnen, rote Lichter in die Fenster. Es kostet gar nicht so viel, wie man denkt, Herr.“ Dem Priester versagte die Stimme. „Herr, ich habe das heilige Zölibat gebrochen“, quiekte er. „Mit zwei Frauen gleichzeitig.“
Auf einmal wurde es still. Die Schläge gegen die Tür verstummten. Der Priester horchte. Er hörte nichts außer dem eigenen Pulsschlag. Er sah sich um und merkte, dass auch die Lichter vor den Fenstern aufgehört hatten zu tanzen. Er erhob sich vom Altar und wischte mit dem Ärmel übers Gesicht. Er lauschte erneut, doch nichts rührte sich. Hatten die Fremden etwa aufgegeben?
Da durchbrach ein Quietschen die Stille. Metall kreischte. Der Priester sah, wie sich das oberste Türscharnier verzog und unter dem Gewicht des Eichenholzes verfärbte. Das Portal neigte sich nach vorne, bis das Scharnier mit einem Schnappen riss. Die Tür machte einen Ruck und kippte vorwärts. Es dauerte nicht lang und auch das zweite Scharnier gab nach. Die Tür ragte wie eine Zugbrücke in die Kirche hinein, nur vom Querbalken getragen. Der Priester hielt die Luft an – dann brach der Balken.
Die Kirchentür donnerte zu Boden. Der Aufprall blies eine Staubwolke zwischen den Bänken entlang. Das Licht knallte durch den Eingang, durchschnitt das Dunkel und blendete den Priester. Er hielt seine Hände vor das Gesicht. Er blinzelte zwischen den Fingern entlang, um etwas zu erkennen.
„Wer ist dort?“ rief er. Keine Antwort. Ein Gestank wie von Schlachtabfälle stieg in seine Nase. Er sah Schatten, die sich auf ihn zu bewegten. Mit jedem Schritt wurde der Gestank schlimmer, bis sein Magen drohte sich nach außen zu stülpen.
Dann erkannte er warum.

 

Die vorderste der Gestalten trat ins Licht und dem Priester stockte der Atem. Es war ein Mann in einem Anzug – doch er war schwer verletzt. Er humpelte. Sein Fuß war gebrochen und knackte bei jedem Schritt. Blut rann seine Hand hinunter. Der Priester überlegte, ob er helfen sollte, doch dann sah er in das Gesicht des Mannes: Seine Pupillen war völlig bleich. In ihnen wohnte kein Leben mehr. Der Mann öffnete den Mund und stöhnte. Er bleckte die Zähne. Und hinter ihm stolperte eine ganze Meute der Kreaturen über die Trümmer.
Sie strömten durch den Eingang wie eine Plage. Angst lähmte den Priester – er sah hilflos dabei zu, wie sie den Altar umkreisten, mit ihm in der Mitte.
Schweigend standen sie da und starrten ihn an. Etwas regte sich und die Toten traten beiseite und bildeten eine Gasse in ihrer Mitte. Hervor trat eine Gestalt, die dem Priester gerade bis zur Brust reichte. Sie wirkte wie ein verschimmelte Großvater: Pusteln überschwemmten den Kopf und die Hände, bösartige Lebergeschwüre die sich durch den Körper bohrten. Aber die Autorität in ihrem Gesicht, dieser bösartige Blick, ließ keinen Zweifel, dass dies der Anführer der Verdammten war.
„Priester“, zischte der Gnom und zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn. „Deine Zeit ist gekommen, Priester. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“
Der Priester wusste nicht, was er antworten sollte. Irgendwie erinnerte ihn der Gnom an jemanden. „W-wer seid ihr?“ krächzte er.
„Stell dich nicht dumm, Priester. Du weißt, was du getan hast.“
„D-da muss ein Missverständnis vorliegen.“
„Willst du sagen, dass du uns vergessen hast, Priester?“ schimpfte der Gnom. „Nach allem, was du verbrochen hast?“
„I-ich weiß nicht, was du meinst.“
„Schau genauer hin, Priester. Sieh dir die Gesichter an. Hat der Schnaps so große Löcher in deinem Kopf hinterlassen, dass du sie nicht erkennst?“
Weil ihn die Angst vor dem Gnom dazu zwang, schielte der Priester in die Runde. Sein Blick huschte von einer Fratze zur nächsten, ohne wirklich darauf zu achten was er sah. „Ich weiß nicht, wer ihr seid…“, setzte er an. Doch dann merkte er, wie ihm die Züge der Toten bekannt vorkamen.
„D-das kann nicht sein“, flüsterte er. „Das ist nicht möglich! D-das ist der alte Farmer Ellis!“ Er deutete er auf eine Leiche in Latzhose. „U-und die verrückte Lady Ginster und ihr Bauer Henry! Was passiert hier?“ Er taumelte einen Schritt rückwärts und stolperte fast. „W-was ist hier los, was wollt ihr?“ Da fiel sein Blick auf die Leiche einer Frau, die hinter dem Gnom taumelte. „Oh mein Gott!“ schrie der Priester. „D-die Tochter des Bürgermeisters ist auch da! Herr Jesus, hab Erbarmen. W-warum seid ihr denn alle tot?“
„Sieh aus dem Fenster, Priester“, keifte der Gnom. „Der Himmel steht in Flammen. Draußen tanzen die Lichter des Jüngsten Gerichts. Gott hat die Gerechten an seine Seite geholt. Und uns hat er geschickt“ – er machte eine Pause und lächelte – „um über dich zu richten.“
„Was? Richten? A-aber, was hab ich denn getan?“
„Die Liste ist lang, Prediger. Als aller erstes bist du ein schlechter Hirte gewesen und hast deine Schäfchen im Stich gelassen. Dafür werden wir dich zur Rechenschaft ziehen.“
Der Priester wimmerte vor Angst. Er biss sich auf die Zunge, um das Zucken seiner Hände und Augenlider zu unterdrücken. Er wollte sprechen, aber die Worte weigerten sich.
„A-a-aber ich habe doch gebeichtet!“, flehte er. „Ich habe vor dem Altar gekniet und zu Gott gebetet, er möge mir verzeihen! Ich habe alle meine Sünden vor dem Vater ausgebreitet! I-ich habe gestanden! Die Beichte hat mich frei gemacht! I-ihr dürft mir nichts mehr tun!“
Der Gnom lachte. „Glaubst du wirklich, es ist so leicht, Priester?“, sagte er. „Jede Tat hat ihre Konsequenzen. Vor die Vergebung hat der Herr die Buße gesetzt, das solltest du wissen. Die Beichte ist nur der erste Schritt – du wirst wie jeder andere auch für deine Sünden bezahlen.“

 

Und wie auf ein Kommando setzen sich die Untoten in Bewegung. Erst langsam, dann schneller stolperten sie vorwärts, einen Schritt nach dem anderen. Sie streckten die Arme nach ihm aus, um ihn zu fassen. Sie stöhnten nach seinem Blut. In ihren Gesichtern funkelte das Verlangen nach seinem Fleisch. Der Anführer jedoch blieb stehen. Mit Genugtuung betrachtete er die Panik in den Augen des Priesters.
Er musste handeln. Verzweifelt suchte er nach einer Lücke in den Reihen der Toten. Doch sie standen geschlossen wie eine Mauer. Es gab keinen Platz für eine Flucht. Er wich zurück, bis er den Stein des Altars im Rücken spürte. Er kletterte hinauf, weil ihm sonst kein Ausweg mehr blieb. Die Finger der Toten zupften an seinen Gewändern. Er schüttelte sie ab. Doch sie griffen nach seinem Knöchel. Er taumelte. Da fiel ihm die Sakristei ein. Vielleicht konnte er…
Der Priester nahm den einzigen Schritt Anlauf, der ihm blieb und sprang. Er machte einen Satz und die Untoten starrten ihm hinterher. Er landete hart und schmerzvoll.  Er rollte prallte mit dem Rücken gegen eine der Säulen. Einen Moment lang schwankte er orientierungslos. In diesem Augenblick überkamen die Toten ihre Verwirrung. Die Mauer aus Fleisch änderte die Richtung. Der Priester vergeudete keine Zeit und humpelte zur Tür. Auf dem Weg klopfte er sein Gewand nach den Schlüsseln ab.

Er fand den Bund, doch er konnte sich beim besten Willen nicht entsinnen, welcher der Schlüssel zu welchem Schloss in der Kirche passte. Sie sahen alle gleich aus. Der Priester verfluchte sich, dass er die Tür verriegelt hatte. Hinter ihm schlurfte die Armada der Toten auf ihn zu, gierig ihn in Fetzen zu reißen.
Schweiß tropfte von seiner Stirn. Er probierte den ersten Schlüssel. Er passte, doch das Schloss ließ sich nicht drehen. Der Priester rüttelte an der Klinke, doch die Tür bewegte sich nicht. Er zog den Schlüssel raus und probierte den nächsten. Fehlanzeige. Er schielte über die Schulter. Ein buckliger Ghul eilte auf ihn zu. Seine Hand zitterte. Er wollte den nächsten Schlüssel probieren, da glitt ihm das Bündel aus der Hand. Es fiel zu Boden. Er bückte sich danach, doch das Metall glitt durch seine Finger. Er sah den Toten aus dem Augenwinkel näher humpeln. Jede Sekunde war er da. Er packte den Bund,  steckte den nächstbesten Schlüssel hinein. Da griff eine Hand seine Schulter und riss ihn herum. Der Ghul packte ihn. Er wollte ihn beißen. Der Priester drückte ihn weg. Er presste mit dem Ellenbogen gegen den Kopf des Toten, streckte seinen Hals aus der Reichweite seiner Zähne. Mit der Linken tastete er nach dem Schlüssel im Schloss. Er wollte ihn umdrehen. Seine Finger fühlten die Klinke. Der Zombie raunte in sein Ohr. Der Gestank überwältigte ihn. Er fasste den Schlüssel. Drehte ihn um. Er passte. Das Schloss bewegte sich. Er hieb auf die Klinke. Gleichzeitig stieß er den Toten von sich. Der Zombie taumelte rückwärts. Die Tür öffnete sich. Der Priester hechtete in die Sakristei.
Er rammte etwas Weiches. Eine Eisenklammer legte sich um seinen Hals. Seine Füße verloren die Bodenhaftung, als er in die Luft gehoben wurde. Er röchelte, bekam keine Luft mehr. Dann sah er den Koloss, der ihn gepackt hatte. Das Monstrum überragte ihn um zwei Köpfe. Fett tropfte von seinem Bauch und hinterließ eine Spur auf dem Boden, als er den Priester wie einen Hund packte und zurücktrug. Er schleppte ihn zum Altar und warf ihn auf die Stufen. Die Toten postierten sich um ihn herum.
„Hör auf, vor den Konsequenzen deines Tuns wegzurennen und stell dich deiner Strafe“, sagte der Anführer und trat zwischen den Leichen hervor. Er lächelte böse. „Mach einmal etwas richtig.“
Der Priester schluckte. Er sah sich um und erkannte, dass ihm keine Wahl blieb.
„Dann soll es so sein“, sagte er. „Ich bin schlecht gewesen, das ist wahr. Es hilft alles nichts. Mir bleibt nur noch eins.“
Die Hand des Priesters kroch in sein Gewand.
„Halt still und es wird gleich vorbei sein“, versprach der Gnom. „Halt, was machst du da?“
Plötzlich hielt der Priester den Revolver in der Hand.
„Der Herr möge mir verzeihen“, sagte er und presste den Lauf gegen seinen Schläfe.
„Nein, lass das!“ schrie der Anführer.
Der Priester drückte ab.

 

Der Schuss donnerte durch die Kirche. Das Echo brach sich an den Wänden, unzählige Male. Dann löste es sich in Schweigen auf, wie das letzte Klatschen bevor der Zirkus die Stadt verlässt.
Der Priester klappte in sich zusammen wie eine zerdrückte Safttüte. In der Seite seines Schädels klaffte ein Loch, aus dem eine muntere Fontäne plätscherte. Er fiel seitlich auf den Altar und schlug mit dem Kopf auf, wobei er einen Klecks auf dem Stein hinterließ, rollte über die Kante, zog eine Blutspur hinter sich her und kullerte die Stufen hinunter, bis er mit aufgerissenen Augen vor den Füßen der Untoten liegen blieb.
Einen sehr langen Moment war alles still.
Nichts rührte sich. Nur ein Zombie kratzte sich am Kopf.
Ein anderer übergab sich.

Der Anführer trat hervor. Er betrachtete den Prediger vor ihm eine Weile. „Scheiße“, sagte er schließlich und sah hinüber zu einem Untoten mit Jeans und langen Haaren. „Derek, du bist der Special Effects – Mann. Was ist da schief gelaufen?“
„Keine Ahnung“, antwortete er und zuckte mit den Schultern. „Ich könnte schwören, ich hätte die Patronen gegen Blindgänger getauscht.“
„Na, zum Glück hing davon kein Menschenleben ab, was?“ bellte der Anführer. Mit seiner Klaue schlitzte er sich den Hals auf und grub seine Finger in den Einschnitt. Er zog. Das Fleisch dehnte sich wie ein Gummiband. Augen und Mund verzogen sich zu einer Grimasse, man hörte ein saugendes Geräusch – dann schnappte die Maske vom Kopf und darunter kam Bürgermeister Pauls zum Vorschein. Schweiß rann in Strömen sein Gesicht entlang.
„Das war ja eine grandiose Idee“, keuchte er. „Von wegen ‚Heilsamer Schock‘.“ Er schüttelte den Kopf. „Naja, jetzt können wir uns wenigstens endlich einen neuen Priester suchen. Dem hier war eh nicht mehr zu helfen.“
 
© Gregor Fischer / 2012
 
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Armin, das Nilpferd

“Guck dir den Fettsack an.” Der Kellner nickte zum anderen Ende der Theke, wo Armin saß. “Stopft sich das Schnitzel in die Backen, wie eine Mastsau im Pullunder. Ich wette in einem Jahr holt ihn die Feuerwehr mit einem Kran aus seiner Wohnung.”
Seine Kollegin mit dem Pferdeschwanz, die neben ihm stand, verkniff sich ein Schmunzeln. “Sag sowas nicht! Der hat bestimmt eine Krankheit, oder so.”
“Ach was, der hat keine Krankheit. Der hat höchstens ein Loch im Bauch.”
Armin hatte weder das eine, noch das andere. Dafür hörte er sehr gut. Trotzdem konzentrierte er sich lieber auf den Teller vor ihm. An einem Schnitzel mit Pommes Frites gab es schließlich nichts Verwerfliches.
“Er kommt jeden Tag zur gleichen Zeit und setzt sich an die Theke”, erklärte der Kellner.
“Er sieht einsam aus”, fand die Kellnerin.
“Na und? Trotzdem könnte er wenigstens versuchen zu kauen, oder?”
“Der Arme hat bestimmt keine Freunde.”
“Außer Pommes und Fritz, meinst du?”
Die Kellnerin presste die Hand auf ihren Mund, um ein Lachen zu unterdrücken.
“Du bist gemein!”
Armin fand, dass die Pommes heute etwas fade schmeckten. Er nahm das Salz, um das Problem zu beheben.
“Oh Gott, seine Arterien platzen bestimmt gleich”, murmelte der Kellner.
“Hoffentlich bekommt er keinen Herzinfarkt.”
“Wenn er krepiert, machst du ihn weg”
“Aber du hast ihm doch das Schnitzel serviert?”
“Du hast Mitleid mit der Tonne – du bringst den Müll raus.”

Armin rutschte auf dem Barhocker herum. Aus seiner Hose quoll eine Speckrolle hervor, wie eine Blase im Kuchenteig. Er legte das Besteck zur Seite und räusperte sich.
“Entschuldigung”, murmelte er. “Der Barhocker ist doch nicht so bequem, wie ich gedacht hatte. Ich werde rüber zum Tisch gehen.”
Der Kellner nickte und bemühte sich, Armin nicht mitten ins Gesicht zu grinsen.
Teller und Glas in der Hand rutschte Armin vom Hocker und zog um an einen der Tische im Bisto. Zu dieser Uhrzeit hatte er freie Auswahl und so setzte er sich ans Fenster in die Mittagssonne.
“Jetzt hast du ihn verscheucht”, sagte die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz.
“Hoffentlich schwitzt er nicht”, antwortete der Kellner.
“Ich denke Elefanten schwitzen nicht?”
Die zwei Kellner hinter der Theke prusteten vor Lachen, aber Armin schenkte ihnen keine Beachtung. Eingehüllt in den Duft, der von der panierten Köstlichkeit auf seinem Teller aufstieg, interessierte er sich nicht dafür, was man hinter seinem Rücken tuschelte. So lange man ihn in Frieden zu Mittag essen ließ, konnte man ihm so viele Tiernamen geben, wie man wollte. Es störte ihn nicht. Er mochte Tiere. An den Wochenenden ging er gerne manchmal in den Zoo und fand es lustig, wenn Menschen ihn mit Schweinen, Elefanten oder sogar Nilpferden verglich. Wussten die Menschen denn nicht, wie gefährlich Nilpferde sein konnten?
“Du Arsch!” Die Kellnerin boxte ihren Kollegen in den Arm. “Er hat bestimmt gehört, was du gesagt hast!”
“Wieso? Weil Elefanten große Ohren haben?”
“Du bist ein Teufel.”
Der Kellner grinste. “Warte mal hier, ich will was probieren.”
“Oh nein, was kommt jetzt?”
“Entspann dich, das wird lustig.”
Er arrangierte ein Geschirrtuch über seinem angewinkelten Arm, imitierte eine Verbeugung und ging lächelnd zu Armin an den Tisch.
“Entschuldigung, der Herr?”
„Ja?“ Armin blickte vom Teller hoch. Etwas Jägersoße tropfte vom Kinn auf sein Hemd.
Der Kellner überspielte Ekel mit Freundlichkeit. „Hätten der Herr vielleicht Interesse an einem Nachschlag?“
„Wie meinen sie das?” Armin verzog irritiert das Gesicht.
„Auf Kosten des Hauses, versteht sich.“
„Gibt es sowas denn?”
”Natürlich nicht für jedermann”, erklärte der Kellner und unterdrückte mit Mühe ein Grinsen. „Es ist Tradition, die Treue unserer Gäste mit etwas Besonderem zu belohnen. Deshalb kommen nur unsere geschätztesten Stammgäste in solch einen Genuss.”
„Ich weiß nicht. Von sowas hab ich ja noch nie gehört.“
„Es ist eine Überraschung. Die Spezialität des Hauses, ganz nach ihrem Geschmack!“
„Meinem Geschmack?“
„Jawohl, der Herr. Unter Garantie.“
„Vielen Dank, aber lieber nicht. Ich glaube, ich bin satt.“
Beinahe wäre der Kellner in Lachen ausgebrochen. Satt? „Aber nein, der Herr, keine falsche Zurückhaltung. Sie haben es sich verdient!“
„Hmm.“ Armin dachte nach. Dabei sah er aus, fand der Kellner, wie eine fette Ente mit aufgeplusterten Backen am Schalter bei McDonalds, die sich nicht entscheiden konnte zwischen dem großen und dem extra-großen Bürgermenu. Spätestens jetzt hätte er losgelacht, wenn ihn die Vorstellung nicht so sehr geekelt hätte.
„Na gut”, gab Armin schließlich nach. “Wenn sie meinen, dann nehme ich gerne den Nachschlag. Vielen Dank. Danke schön.“
„Jawohl, der Herr. Exzellente Wahl.“ Wieder imitierte der Kellner eine Verbeugung. Dann drehte er sich um und lief in die Küche, nicht ohne seiner Kollegin eine Grimasse zu schneiden, die ausdrückte, dass er nicht glauben konnte, dass das gerade funktioniert hatte.
Armin bekam davon nichts mit. Nun, da er einen Nachschlag bekam, aß er zügig seinen Teller leer. Er spießte so viele Pommes auf die Gabel, wie Platz hatten, tunkte sie in Soße und ließ sie mit großen Bissen verschwinden. Das Ganze spülte er dann mit Limonade herunter. Er putzte sich die Finger mit der Serviette ab und schaute aus dem Fenster. Ein Nilpferd konnte mit einem Happs bestimmt einen ganzen Menschen verschlucken, dachte er.
Als der Kellner aus der Küche zurück kam, trug er eine große Schüssel in den Händen. Schon von der Theke her roch sie stark und die Kellnerin verzog das Gesicht, als er an ihr vorbei lief. Der Koch gesellte sich dazu, um das versprochene Spektakel zu beobachten.
„Voilá”, sagte der Kellner und stellte die Schüssel vor Armin auf den Tisch. “Einmal die Spezialität des Hauses.” Sie roch wie die Küche in einem Fast Food Imbiss.
„Das ist der Nachschlag?“
„Jawohl, der Herr.“
„Riecht ein bisschen komisch.“
Der Kellner wank ab. „Lassen sie sich davon nicht irritieren, der Herr. Das ist genau ihr Ding, das verspreche ich ihnen!“
Er zwinkerte hinüber zur Theke, wo die Kellnerin den Kopf schüttelte und der Koch grinste.
„Und was soll das sein?“
„Oh, sehen sie doch ruhig selbst!“ Der Kellner nahm den Deckel ab. “Guten Appetit, wünsche ich!”
In der Schüssel schwammen Fettaugen in einer gelben, zähen Suppe, die roch, als hätte sie jemand aus ranzigen Pommes Frites gepresst.
„Das sieht aber aus wie…“
„Die Spezialität des Hauses, der Herr“, verkündete der Kellner. „Pures Fett!“
Hinter der Theke schlug die Kellnerin die Hände vor dem Gesicht zusammen. Der Koch kicherte.
„Fett?“ fragte Armin.
„Direkt aus der Fritöse, der Herr.“
Armin schüttelte den Kopf. Seine Backen wackelten wie Teigtaschen. „Das finde ich nicht lustig. Wenn das eine Anspielung sein soll, dann-“
„Aber, der Herr“, unterbrach ihn der Kellner. „Ich ging davon aus, dass das genau in ihrem Sinne sei?“
Armins Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Wie kommen sie denn auf so eine Idee?“
„Ich dachte, so wie sie ihr Schnitzel essen…“
„Was ist mit meinem Schnitzel?“ Armin richtete sich auf. Die Empörung in seiner Bewegung verpuffte in seiner Behäbigkeit. Er wollte ein stampfender Elefant sein, doch sah aus wie ein müdes Nilpferd.
„Ich dachte einfach…“
„Was dachten sie, hm?“
„Ich dachte Frittierfett wäre einfach etwas schneller.“
Der Koch schlug vor Lachen mit der Hand auf die Theke.
„Pures Fett würde ihnen die Unannehmlichkeit ersparen zu Kauen“, erklärte der Kellner.
Armins Gesicht erstarrte.
Der Kellner lachte ihn an.
„Hör mal, Specki“, ließ er die Fassade fahren. „Guck dich doch mal an. Wir wäre es, wenn wir dir einfach einen Trog mit unserem Frittierfett mittags vor die Tür stellen, hm? Würde dir das gefallen? Wozu die ganzen Umstände? Du kannst einfach den Kopf hineintauchen. Wenn du willst, basteln wir dir auch einen Strohhalm. Dann kannst du es trinken, wie einen Milchshake. Es kostet dich auch nichts. Du würdest Karl dahinten sicher auch einen Gefallen tun.“ Er zeigte mit dem Dauemn auf den Koch, der sich vor Lachen den Bauch hielt. „Wir ersparen uns alle viel Zeit damit. Hören wir einfach auf so zu tun, als wärst du etwas anderes, als ein dickes – fettes – Schwein. “
„Du bist ein echtes Arsch, Kevin“, fuhr ihn die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz an und stürmte davon
„Was hat sie denn?“ feixte der Kellner. „Ist doch wahr, oder nicht?“
Armin sank in sich zusammen. Jemand hatte die Luft aus ihm gelassen. Seine Backen, die vor Minuten noch genüsslich Schnitzel gemampft hatten, baumelten nun schlaff herunter. Härte legte sich in seine Züge. Zwischen den Augenbrauen rollte sich seine Stirn in Falten. Er dachte an Nilpferde.
„Sie haben Recht“, räusperte er sich. „Kauen ist anstrengend.“ Er schob seinen Kiefern nach links. Es knackte.
“Ich habe es schon immer gehasst.”
In einer zähen Bewegung zog er seinen Kiefer nach rechts, sodass sein Doppelkinn zitterte. Die Knochen machten ein Geräusch, wie ein fletschendes Gummiband. Plötzlich hing sein Mund eine halbe Etage tiefer.
“Wenn ich könnte, würde ich es einfach sein lassen”, lallte er.
Er hakte die Finger in die untere Zahnreihe und zog. Die Bewegung wölbte den Mund; man hörte so etwas wie ein Quietschen, bis die Öffnung groß genug war, dass ein Basketball hinein passte. Oder ein Kopf.
“Ich schlinge meine Mahlzeiten lieber herunter.”
“Was zum Teufel machst du da?” stammelte der Kellner.
Der Koch lachte noch immer, aber begriff langsam, dass die Szene sich verändert hatte.
“Du hast mir Nachschlag versprochen”, murmelte Armin. “Jetzt habe ich Hunger.”
“Was!?”
Armin grinste. “Ich bin doch noch nicht satt.”
Und mit einem Bissen verschwand der Kellner vom Boden der Erde.
Der Koch schrie auf. In einer Mischung aus Schrecken und Unglauben starrte er auf die Stelle, an der vor gerade noch sein Freund gestanden hatte. Jetzt war er weg und in Armins Bauch bewegte sich etwas, das von innen gegen die Magenwände stieß und aussah, wie ein Ertrinkender.
“Oh mein Gott!”
Armin nahm das Glas vom Tisch und spülte den letzten Schluck hinunter. Er tupfte sich den Mund mit der Serviette sauber. Ein Rülpser entfuhr ihm.
Die Küchentür öffnete sich und die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz kam zurück.
“Hören sie, ich muss mich wirklich für meinen Kollegen entschuldigen. Das ging zu weit. Manchmal kann er ein…” Sie blieb stehen und sah sich um. “Wo ist er hin?”
Armin zuckte mit den Schultern. “Ich möchte bitte zahlen.”
Der Koch saß hinter der Theke und brachte kein Ton raus.
“Vergessen sie das ganz schnell, das Essen geht selbstverständlich auf’s Haus. Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, Kevin, er…” Die Kellnerin suchte die passenden Worte. “Er ist einfach ein Arschloch.”
“Macht nichts”, antwortete Armin. “Sowas bin ich gewohnt.”
“Sie müssen sich das nicht gefallen lassen.”
“Mir egal. Ich mag es nur nicht, wenn man mich beim Essen stört.” Er nahm seinen Mantel und verließ das Bistro. Draußen auf dem Platz vor der Kirche genossen Kinder und Hausfrauen die warme Mittagssonne. Armin klopfte sich auf den Bauch. Vielleicht geh ich in den Zoo, dachte er, mir die Nilpferde angucken.

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 5

Kapitel 5

Er erwachte mit dem Gefühl von frostigem Stahl im Gesicht. Die Kanten der Metallstufen bohrten sich in seine Wangen und sein Schädel brummte wie ein Wespennest. Leise platschte ein Tropfen Blut von seiner Stirn auf den Boden, auf dem er lag.

Zögerlich warf er einen Blick über die Schulter hinter sich. Zwei Wachen, brutale Statuen in der unergründlichen Dunkelheit ihrer Masken, versperrten ihm mit angelegten Gewehren den Weg. Derek seufzte. Er sah ihnen an, dass sie ihn wenn nötig tragen würden. Wenn es sein musste, warfen sie ihn über die Schulter und schleppten ihn die Treppe hoch.

Mit dem schmutzigen Handrücken wischte er sich das Blut von der Stirn; seine Platzwunde brannte, doch das kümmerte ihn nicht mehr. Es hatte keinen Zweck. Für Widerstand war er zu schwach. Es war zu spät. Er könnte sich gegen sie werfen, noch einmal versuchen zu fliehen, aber es hatte wenig Sinn. Die Hunde würden ihn genau wie Liam zerfetzen. Alles, was ihm jetzt noch blieb, war bis zum Ende zu gehen und zu sehen was passierte.

Zitternd wie ein alter Mann zog er sich hoch, stützte sich auf dem Geländer ab und erklomm die ersten Treppenstufen. Heißes Blei schwamm in seinen Beinen. Jeder Schritt war eine Qual, aber er zwang sich vorwärts. Auf halber Höhe hielt er inne. Er drehte sich zu den kauernden Erscheinungen um, die in der Halle froren und atmete tief ein. Dann richtete er die Augen wieder vorwärts und erklomm mit zusammengebissenen Zähnen den Rest der Treppe.

Am Ende wartete der Priester auf ihn. Sein kahler Schädel und die dürre Statur, in dem altertümlichen Gewand mit dem weißen Kragen, wirkten surreal an diesem Ort. Er stand vor dem Abgrund, der nur wenige Zentimeter neben ihm aufklaffte, wie ein Torwächter. Ein Geruch von Weihrauch haftete an ihm, durchzogen vom beißenden Gestank der Angst. Menschen waren vor ihm in den Tod gesprungen; dennoch lag ein milder, ungerührter Ausdruck in seinem Gesicht. Seine Hände waren über einer zerfledderten Bibel gefaltet, als bereite er sich auf die Sonntagspredigt vor.

„Hallo, Derek“, sagte der Priester. Wie er seinen Namen aussprach, ließ Derek auf einmal alle Hoffnung aus den Gliedern fahren.

„Weißt du, wo du hier bist?“ Erschöpft lehnte er an der Balustrade, suchte ihren Halt und glotzte hohl auf das Lächeln des Predigers. Als er schließlich antwortete, befreite ihn die Gewissheit seiner Worte.

„In der Hölle“. Der Priester nickte.

„Das ist wahr. In der Hölle.“

Die Hände um das Geländer geschlungen sank er auf die Knie.

„Aber warum bin ich hier?“ fragte er atemlos. „Ich kann mich an nichts erinnern.“ Der Priester nickte wieder.

„So geht es allen. Niemand kann sich an etwas erinnern – das gehört dazu.“ In einer ruhigen Geste, wie ein weiser Großvater, deutete er auf den Abgrund, der jenseits der Treppe klaffte.

„Wirf einen Blick nach unten. Dann wirst du sehen.“ Vorsichtig und mit großer Anstrengung zog sich Derek über das rostige Gitter und schob seinen Kopf über das Ende der Treppe.

Unter ihm tat sich der Schlund der Maschine auf. Von hier oben ging es kilometerweit in die Tiefe. Tausend Sägen, zum Schneiden von Fleisch gemacht, ragten im Inneren des Trichters hervor. An kräftigen Haken verfingen sich die Körper, damit sie nicht unbearbeitet durchrutschen konnten. Im Zentrum, da wo der Trichter im dunklen Hals verschwand, drehte sich eine mächtige Schraube, die die Reste nach unten sog und die zerteilten Körper zu einer zähflüssigen Masse zerrieb.

Der Anblick drohte Derek zu verschlucken. Hypnotisiert starrte er in die Schwärze, die Schatten zwischen den Sägen, den blutigen Spuren der Gewalt, den Resten der zerteilten Opfer. Etwas sog ihn herab, zog ihn nach unten. Es war nicht die Erwartung seines eigenen Schicksals. Da unten lauerte etwas Unbekanntes; etwas Fremdartiges.

Ein Kranz aus Augen öffnete sich und glotzte ihn an. Sie betrachteten ihn und Dereks Stirn explodierte. Vor seinem Inneren Auge zerbarst ein Spiegel in Millionen Splitter. Eine unsichtbare Hand zog an den Nähten seiner Synapsen – nur wurden sie wieder zusammen geknotet, statt auseinander gerissen. Bilder aus tausend und einem Lebensbild setzten sich zu einem grauen Kaleidoskop zusammen. Der Schnelldurchlauf eines vergessenen Lebens, die Idee einer Vergangenheit – zerschlagen und wieder geklebt. Da waren Geburt, Eltern und das erste Weihnachtsgeschenk, mit dem kleinen Derek im Kindersitz am Kopf des Tisches; der erste Schultag, die Pubertät und die erste Freundin; eine Couch, viele Freunde und ein bewegtes Leben. Eine Collage aus wichtigen Momenten und alltäglichen Kleinigkeiten, die einen zum Menschen machen.

Dann stolperte der Film in eine normale Geschwindigkeit. Die Szene wurde langsamer, das bernsteinfarbene Gefühl der jüngsten Vergangenheit legte sich wie ein Filter über die Bilder. Derek sah einen Mann, mit Haaren bis zu den Schultern, gekleidet in Jeans und eine selbstgestrickte Wolljacke, und erkannte verwundert, dass er das war.

Es war mitten in der Nacht; das Bier noch in der Hand winkte er seinen Freunden zum Abschied und stolperte über den Vorgarten in Richtung seines Autos. Die Szene sprang und plötzlich sah Derek sich selbst, wie er am Steuer seines alten Cabrios saß, die Flasche zwischen den Knien, eine Zigarette im Mundwinkel, eine Hand am Lenker, mit der anderen suchte er blind nach einer CD. Verzweifelt hielt er Ausschau nach der richtigen Ausfahrt aus dem Vorort.

Wieder machte der Film einen Sprung und Derek sah die gelbe Ampel am Ende der Straße. Statt langsamer zu werden drückte er auf das Gas und wurde schneller; die Ampel konnte er noch schaffen. Das Licht sprang auf Rot. Von rechts kam der Kombi. Es ging zu schnell um noch zu reagieren. Das Bier kippte über seine Hose, die Zigarette fiel ihm aus dem Mund, als sein Kühler das andere Auto in der Mitte zerriss. Es war ein Familienwagen: Ein Kombi, beige, für bis zu drei Kinder geeignet. Der Vater starb sofort; die Mutter schlug mit dem Kopf auf das Armaturenbrett, wo ihr Schädel zerschellte und blutige Splitter zurückließ. Dereks Gedanken waren nicht schnell genug um zu fassen, was gerade passierte. Als letztes sah er den kleinen Jungen im Kindersitz auf der Rückbank. Die Splitter der Windschutzscheibe schnitten durch ihn durch, wie durch Butter.

„Du hast dir das Genick gebrochen, als du im Straßengraben gegen einen Baum gefahren bist“, erklärte der Priester, als Derek wieder zu sich kam. Er brauchte eine Sekunde sich zu erholen. Er klammerte seine Finger in das Gitter, um nicht herunterzufallen.

„Deshalb bin ich hier“, keuchte er. „Ich habe diese Familie auf dem Gewissen. Der Junge…“ Ein dicker Kloß im Hals würgte seine Worte ab. Tränen tropften von seinem Kinn, fielen durch das Gitter hindurch und zerschellten geräuschlos im eisernen Tiefe unter ihm.

„Dieser kleine Junge…“, stammelte er, „ich bin schuld…ich habe sie…“

„Getötet“, beendete der Prediger seinen Satz. „Ja, das ist wahr.“ Er machte eine Pause.

„Aber das ist nicht der Grund warum du hier bist.“ Derek drehte seinen Kopf und sah ihn fassungslos an.

„Was? Wieso dann? Was ist schlimmer, als eine ganze Familie zu töten?“ Das Lächeln des Priesters wurde unmerklich breiter.

„Alles, was davor passiert ist.“

In den Pupillen des Priesters sah Derek sich selbst, wie er zusammengesunken auf der obersten Stufe kniete.

„Ich verstehe nicht“, stammelte er. Statt ihm zu antworten, wiederholte der Priester mit einem Lächeln seine Geste und deutete in den Abgrund. Auf Knien zog sich Derek über den Rand und spähte in das Dunkel. Die Schatten drehten sich im Wirbel, die Augen öffneten sich und der Schmerz hinter seiner Stirn erwachte wieder zum Leben. Der Film ging von vorne los – doch diesmal langsamer. Er konnte jedes Detail erkennen:

Im Kindergarten sah sich Derek, wie er auf den Wänden Porträts der Kinderfrau malte und signierte; seine Mutter, wie sie seine ersten Bilder stolz mit einem Magneten an den Kühlschrank heftete und wie Derek mit dicken Backen glücklich strahlte. Die Schulzeit, in der er gelangweilt in der letzten Reihe saß und Seite um Seite mit Bildern bekritzelte; wie er seiner ersten Freundin einen selbstgemalten Comic schenkte; wie er vergaß zu lernen. Die Pubertät und die Streiterein mit den Eltern; die schlechten Zeugnisse, die Joints und seine verriegelte Zimmertür; die Wochenenden auf Partys, die Mädchen; der Streit mit seinem Vater und das Gespräch über Perspektiven. Dann der Rausschmiss von der Schule wegen Drogen; ein paar halbfertige Zeichnungen; ein gebrochenes Herz und viele Partys. Irgendwann die Suche nach ein Ausbildung; Vorstellungsgespräche, die er verschläft, Termine, um die er sich nicht kümmert, Verabredungen, die er nicht einhält; der Streit mit seinen Eltern und die Frage, warum er denn nichts aus sich und seinem Talent macht; der Rausschmiss von zu Hause; die erste eigene Wohnung, ganz alleine. Zum Schluss die heruntergekommene Bude; die leeren Leinwände, zerbrochenen Bleistifte; ein paar Frauen, die kommen und gehen; die bequeme Couch, in der er zu versinken droht; die Drogen auf dem Wohnzimmertisch; die Party; das Auto; der Unfall; der Junge; der Tod.

Langsam zog sich Derek über die Kante zurück. Einen ewig langen Herzschlag blieb er auf dem kalten Metall liegen und rührte sich nicht. Es schien, als sei er an Ort und Stelle gestorben, aber dann bewegte er sich doch und stand vorsichtig auf.

„Ich verstehe“, sagte er, woraufhin der Priester ihn fragend ansah.

„Ich bin nicht wegen der Familie hier, oder? – sondern wegen mir selbst.“ Schwankend drehte Derek sich zur surrealen Erscheinung des Geistlichen hin, dessen Lächeln unmerklich größer wurde.

Schließlich wandte er sich herum und zeigte mit dem Finger auf die elenden Figuren, die am Treppenabsatz warteten und verwirrt zu ihnen hoch glotzten.

„Wir sind alle aus ähnlichen Gründen hier. Wir haben die gleichen Verbrechen begangen, nicht wahr?“ Der Priester konnte sein Grinsen nicht verstecken.

„Wir sind Abfall. Kompost. Faule Masse, die durch den Fleischwolf gedreht wird, um den letzten Tropfen herauszuquetschen.“ Die Mundwinkel des Klerikers zuckten nervös vor Anspannung. Derek streckte die Arme aus, erfasste die ganze Halle mit einer Geste.

„Das hier“, sagte er, „ist die Kathedrale des verschwendeten Fleisches – der Ort, wo Talent hingeht um zu sterben.“ Der Priester lachte laut aus.

„Jetzt hast du verstanden!“

Derek humpelte zum Ende der Treppe. Seine blutigen Zehen ragten über den Rand , bereit zu springen. Da fiel ihm die Tätowierung an seinem Arm ein.

„Wofür sind die Zahlen?“ Jetzt grinste der Priester mit vollem Gesicht.

„Das fragst du jedes Mal.“ Derek nickte. Dann sprang er.

Mitten in der Wüste, eine Schlange aus Menschen. Gelbes Ödland erstreckte sich meilenweit in alle Richtungen. Da gab es keinen Baum, keine Berge – nur etwas ausgebleichtes Gras in den Rissen im Boden. Anfang und Ende der Schlange verschwanden hinter dem Horizont. Die Sonne knallte auf die kahlen Köpfe der kranken Gestalten. Dumpfer Schmerz pochte durch Dereks Glieder. Sein Fleisch, seine Muskeln brannten wund, als wäre er gerade aus einem Fleischwolf gekrochen. Er konnte sich an nichts erinnern. Da juckte ihn etwas am Arm. Verständnislos, mit hohlem Blick, starrte er auf die Zahl, die darin eintätowiert war: 5431.

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 4

Kapitel 4

Dereks Blick haftete festgefroren an der Treppe; er konnte sich nicht losreißen. Er nahm gar nicht wahr, wie er an der Tätowierung kratzte, seine Nägel in die Haut grub, bis es blutete. Sein Kopf fühlte sich wie unter Wasser getaucht; Liam flüsterte auf ihn ein, aber seine Stimme murmelte nur fern an der Oberfläche.

„Was hast du gesagt?“ Langsam kehrten seine Sinne zurück. Liam riss ihn an der Schulter zu sich herum.

„Sie vernichten uns“, sagte er. Das heisere Keuchen seiner Lungen meißelte den Satz in Stein. „Sie zwingen uns zu springen. Dann verarbeiten sie uns zu Fleisch.“

Derek wollte widersprechen; sein Kopf konnte diese Worte nicht akzeptieren, da zerschnitten die Sägen die Stille. Das Geräusch der Maschine hallte durch die Kathedrale. Der Nächste wurde zur Treppe geführt. Derek schluckte fest. Dann sah er zu den Wachen.

„Aber sie machen gar nichts“, sagte er. „Sie stehen nur da.“

„Gehirnwäsche,“ erwiderte Liam. „Es ist der Priester. Er muss ihnen einreden zu springen.“ Er schaute zu der Figur im dunklen Gewand, die am Ende der Stufen wartete. Kindlicher Trotz glitzerte in seinen Pupillen. „Ich werde da nicht hoch gehen“, sagte er schließlich. Derek drehte sich wieder zu ihm um.

„Was hast du vor?“

„Rennen“, antwortete Liam. Derek sah zurück zu den Gestalten in den schwarzen Mänteln. Eine von ihnen patrouillierte entlang der Schlange. Den Karabiner in der Hand kam sie mit schweren Schritten näher.

„Aber was ist mit den Wachen?“

„Lieber lass ich mich erschießen“, sagte Liam. „Zusammen haben wir gute Chancen. Komm. Auf mein Zeichen rennen wir los.“

Derek blieb keine Zeit zu protestieren. Die Wache erreichte sie gleich. Plötzlich packte Liam die Frau, die hinter ihm in der Reihe kauerte, und schubste sie vor die Wache.

„Los!“ schrie er und rannte so schnell ihn seine Füße trugen. Derek zögerte einen Augenblick; er sah rüber zu der Frau – dann rannte er Liam hinterher. Seine Beine bewegten sich wie von selbst. Mechanisch trugen sie ihn über den Boden. Liam lief links, Derek rechts von der Schlange. In seinen Augenwinkeln verschwammen die kahlen Köpfe zu einem hektischen Film, in dem zwischendurch Liams Gestalt aufblitzte.

Derek spürte nur den Luftzug der Kugel; das hallende Donnern des Schusses hörte er nicht. Köpfe duckten sich in Panik und die Wachen hatten freies Schussfeld. Anlegen, feuern, nachladen. Der zweite Schuss ging nur knapp an ihm vorbei und schlug in die Säule hinter ihm.

Derek machte sich so klein er konnte. Er zog den Kopf ein und schlug Haken um ein paar Säulen. Eine dritte Kugel pfiff haarscharf an seinem Bein vorbei. Auf der anderen Seite keuchte Liam wie ein kranker Ochse. Er wurde langsamer. Schweiß lief in Flüssen an ihm herunter.

„Halt durch!“ rief Derek ihm zu. Am Ende der Kathedrale leuchtete das Wüstenlicht durch die gewaltigen Gitterstäbe.

„Wir sind gleich am Tor!“ Er schaute wieder rüber, aber konnte Liam nicht mehr sehen. Sofort hielt er an. Ein paar Meter hinter ihm lag Liam am Boden; ein Kugel großes Loch klaffte in seinem Bein, aus dem dunkles Blut strömte.

„Steh auf!“ brüllte Derek durch die Hallen. „Mach schon, steh auf!“ Da fletschte die Dunkelheit ihre Zähne. Drei Hunde krochen aus den Schatten zwischen den Säulen hervor. Ihre Krallen klackten auf dem Steinboden. Knurrend, die Köpfe gesenkt, mit angelegten Ohren, näherten sie sich Liam.

„Steh auf!“ Er versuchte verzweifelt sich aufzurichten, schaffte es nicht, denn seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Panisch krallte er sich in den Stein und zog sich über den Boden. Derek wollte sich gerade einen Weg zu ihm bahnen, da sprangen die Hunde los. In einem Herzschlag hatten sie ihre Zähne in seinem Hals gegraben und zerrissen ihn wie ein totes Reh.

Zu spät. Weiter. Rennen. Nicht stehen bleiben. Hinter Derek hatten die Wachen nachgeladen und legten zum Feuern an. Eine Kugel schwirrte weit an ihm vorbei, eine zweite verfehlte knapp seinen Hals. Die dritte traf ihn am Arm. Er strauchelte. Heißes Blei floss durch seine rechte Körperhälfte, zog ihn nach unten. Mit jedem Schritt tropfte das Loch. Seine Kräfte schwanden. Nur noch wenige Meter bis zum Tor. Etwas Glück und er konnte sich vielleicht zwischen den Gitterstäben durchquetschen, raus in die Wüste, weg von der Maschine…

Der Gewehrkolben traf ihn wie ein Betonklotz im Gesicht; der Schlag riss ihn zu Boden. Die Wache tauchte aus dem Nichts auf, nagelte ihn mit dem Stiefel auf der Brust am Boden fest. Er versuchte noch vergeblich sich zu befreien – dann verlor er das Bewusstsein.

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 3

Kapitel 3

Eine kleine Ewigkeit verging, in der sie schweigend durch die Wüste wanderten. Wortlos setzten sie einen Fuß hinter den anderen, bis sie ihre Zehen nicht mehr spüren konnten. Die Sonne brannte Derek auf den Schädel; er spürte, wie ihm die Hitze in den Kopf kroch und seine Gedanken erwürgte.

„Guck mal da.“ Liam flüsterte fast. Er zeigte nach vorne, vorbei an den Köpfen, zu einem blassen schwarzen Fleck am Horizont. Derek erkannte kaum mehr als ein Flimmern in der Ödnis. Je näher sie kamen, desto größer wurde der Schatten. Dünne Linien wurden erkennbar; Konturen zeichneten sich ab, Umrisse eines fernen Bauwerks: Ein mächtiger Giebel, flankiert von zwei Türmen.

„Was ist das?“ fragte Derek. Ob er die Antwort ertragen konnte, wusste er nicht. Liam gab ein pfeifendes Grunzen von sich.

„Ich weiß nicht recht,“ sagte er, „sieht aus wie eine Kathedrale.“

Die gewaltigen Ausmaße machten Derek schwindelig, wenn er hoch zur Spitze des großen Giebels blickte. Mit ihren beiden spindeldürren Türmen ragte die Kathedrale über ihren Köpfen auf wie ein böses Omen. Auf dem schwarzen Stein wucherte dürrer Efeu. Merkwürdige Ornamente, die wie Fleischerhaken aussahen, verunstalteten die Fassade. Den großen Torbogen zierten aus Stein gehauene Statuen, die Heilige zeigten, die Derek nicht erkannte. Statt sich der Schlange zuzuwenden, die unter ihnen durch das Tor verschwand, wandten sie sich in Abneigung von ihr weg.

Ein gusseisernes Gitter, so hoch wie zwei Häuser, versperrte anstelle eines Tores den Weg ins Innere. Wachen standen davor. Trotz der brennenden Sonne trugen sie schwarze Ledermäntel und dicke Stiefel. Die Hitze schienen sie nicht zu bemerken. Sie waren bewaffnet mit altertümlichen Karabinern. Unter grauen Stahlhelmen trugen sie Gasmasken, mit langen Schläuchen, die unter den Mänteln verschwanden. Derek konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Ihr Schweigen machte ihn nervös; ohne es zu merken kratzte er sich an der Stelle, wo die Zahlen in seinen Arm tätowiert waren.

Der Zug war vor dem Gitter zum Stillstand gekommen. Wieder warteten sie auf etwas, ohne zu wissen worauf. Die Wachen standen einfach nur da, bewegten sich kaum und sprachen kein Wort. Neben dem Tor, hoch über ihren Köpfen, hing eine monströse Tafel, wie auf einem Flugplatz, oder einem Bahnsteig. Derek versuchte ihren Zweck zu erraten, als plötzlich meterhohe Ziffern darüber flatterten. Mit ohrenbetäubendem Lärm klapperten die Zahlen über die Tafel, bis eine Liste von etwa hundert Nummern entstand. 5432 und 66421 standen irgendwo in der Mitte. Dann setzte sich das Gitter in Bewegung. Metall rieb an Metall, ein tiefes, langes Kreischen, wie ein sterbender Riese, als sich die Flügel langsam in die Dunkelheit der Kathedrale öffneten. Die Wachen nahmen die Gewehre in Anschlag.

Einen nach dem anderen kontrollierten sie die Gefangenen aus dem Zug. Als es soweit war griff die Wache nach Dereks Arm, umklammerte ihn mit eisernem Griff und las die eintätowierte Nummer. Sie sagte kein Wort, machte kein Geräusch. Hinter dem Visier der Gasmaske fand Derek keine Augen, kein Gesicht, sondern nur schwarzes Nichts. Die Wache schubste ihn weiter und Liam war an der Reihe. Sie rollten mit dem Zug und als alle Nummern der Liste durch waren, schloss sich das Gitter wieder unter lautem Getöse hinter ihnen.

Derek konnte nichts sehen. Draußen blendete die Sonne, doch hier drinnen herrschte seichtes Dunkel. Er brauchte etwas Zeit, um sich an die Schatten zu gewöhnen. Als er wieder sehen konnte, starrte er in Ehrfurcht nach oben. Das Innere der Kathedrale erwies sich als viel gewaltiger, als man von außen erahnen konnte. Die Decke hing so hoch, dass sie in der Dunkelheit verschwand. Endlose graue Säulen ragten über ihren Köpfen empor. Der Geruch von altem Stein hing schwer in der Luft, auf dem kalten Boden fühlte Derek sich, als stünde er auf einem gefrorenen Grab.

„Wo ist das Kreuz?“ Derek blickte plötzlich ängstlich um sich. „Wo ist der Altar? Wo sind die Beichtstühle? Die Bänke?“ Er suchte nach dem Inventar, doch es gab keins. Alles fehlte. In der Kathedrale herrschte gähnende Leere.

„Das ist keine Kirche“, keuchte Liam von hinten. „Wir sind hier in einer Fabrik.“ Seine Stimme zitterte. „Einem Vernichtungslager.“

Und da sah Derek die Maschine. Groß, rostig und grausam wartete sie in der Mitte der Halle. Ein rechteckiger Kasten, unförmig und zweckmäßig, zusammengehalten von faustgroßen Nieten. Aus den Seiten ragten Rohre, die über einem Abfluss im Boden endeten; mehrere Ventile waren an der unteren Hälfte angebracht, doch wozu sie gut waren, dass konnte Derek nur raten. Ein großer Trichter ragte oben aus der Konstruktion. Davor stand eine Stahltreppe, die zum Trichter hoch führte und in einer kleinen Plattform endete, die wie ein Sprungturm über den Abgrund ragte. Eine merkwürdige Gestalt wartete an ihrem Rand – ein Priester.

Bei dem Anblick der Maschine fing der alte Mann an der Spitze der Reihe bitterlich an zu weinen. Zitternd sank er auf die Knie, stammelte Entschuldigungen, ohne zu wissen wofür. Zwei Wachen packten ihn bei den Armen und schleiften ihn über den Boden zum Absatz der Treppe. Ohne Mitleid warfen sie ihn auf die Stufen. Er flehte um Gnade, doch die Wachen reagierten nicht. Als er sich nicht regte, legten sie die Gewehre an. Zitternd richtete der Alte sich wieder auf, zog sich mit den dünnen Armen am Geländer hoch, und setzte den Fuß auf die erste Stufe. Schritt für Schritt erklomm er die Treppe. Oben erwartete ihn der Priester. Sie wechselten ein paar Worte. Der alte Mann schaute furchtsam nach unten in den Trichter und nickte geistesabwesend. Er hob noch einmal den Kopf, blickte hinter sich, runter zur Schlange – und dann sprang er.

Das Geräusch, dass er machte, klang wie aus einem Sägewerk. Derek hielt sich die Ohren zu. Weißer Dampf schoss aus den Ventilen, pfiff in schrillen Tönen. Der Kasten rappelte wie ein wütender Dämon, während die Sägen in Inneren den Alten verarbeiteten. Nach einer Minute endete der Spuk. Aus den Rohren an der Seite tropfte eine zähe, rotbraune Masse in den Abfluss. Stille legte sich über die Halle; niemand gab den geringsten Laut. Der nächste trat vor und bestieg die Stufen.

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 2

Kapitel 2

Der Anblick jagte Derek den Ekel durch den Leib. Unwillkürlich krampfte sein Bauch zusammen, Säure schoss durch seine Speiseröhre nach oben. Er musste kotzen, aber sein Magen war leer. Röchelnd würgte er einen dünnen Speichelfaden vor, der von seiner Unterlippe in den Staub tropfte.

„Schluck es runter“, sagte eine Stimme hinter ihm. Derek wischte mit dem Handrücken seinen Mund ab und schaute über die Schulter. Der Mann sah aus wie ein schwitzender Klumpen Haut. Die Sonne hatte sein Fett geschmolzen und eine eingefallene Form zurückgelassen. Unter den hängenden Wangen wirkte er wie vierzig, aber in seinen Augen glitzerte ein eingeschnapptes Kind.

„Die Hunde lauern auf das schwächste Glied“, sagte er. Bei jedem dritten Wort pfiff seine Kehle, als bereite ihm das Atmen Schwierigkeiten; die Hitze setzte ihm zu, Schweiß rann in dicken Tropfen von seiner Stirn.

„Wenn sie denken du machst schlapp“, fuhr er fort, „dann holen sie dich. Glaub nicht, dass ich dir dann helfe.“

Derek murmelte etwas wie „Danke für den Tipp“ und drehte sich leicht schwankend wieder nach vorne. Der Ekel klebte weiter wie ein stinkender Schwamm in seinem Bauch. Er schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Hinter seiner Stirn klebte weiter diese kalte Leere, die keinen klaren Gedanken zuließ. Er musste Ordnung in sein Hirn bringen. Er fing bei Eins an und zählte so weit er konnte. Dauernd verlor er den Faden und musste neu beginnen. Aber Stück für Stück wurde sein Verstand schärfer; seine lähmende Trance bröckelte wie eine Lehmhaut von ihm ab. Darunter kamen Fragen zum Vorschein, die Antworten suchten.

„Wo sind wir hier?“ fragte er plötzlich über die Schulter nach hinten. „Was machen wir hier?“ Dereks Hintermann sah ihn an und schüttelte leicht den Kopf.

„Keine Ahnung.“

„Aber wohin gehen wir?“ wollte Derek wissen. Er reckte den Hals, sah suchend über die Köpfe hinweg.

„Wohin führt die Schlange?“

„Keine Ahnung“, wiederholte er genervt.

„Ich bin genauso schlau wie du. Alles was ich weiß, ist, dass wir seit Tagen in die selbe Richtung gehen. Wir laufen auf etwas zu.“ Derek drehte sich um und sah ihn an.

„Und worauf laufen wir zu?“ Der Mann antwortete mit einem grimmigen Ausdruck.

„Auf etwas Böses.“

Ohne Vorwarnung setzte sich der Zug plötzlich in Bewegung. Ein kahler Kopf nach dem anderen fing wie im Domino an zu laufen. Die ersten zögerlichen Schritte entwickelten sich zu einem steten langsamen Marsch durch die Wüste. Dereks Beine krampften taub vom ständigen Stehen. Er humpelte wie ein Verletzter, bevor sich seine Muskeln wieder ans Gehen gewöhnten. In der Entfernung, auf halbem Weg zum Horizont, sah er drei schwarze Flecken, die sie begleiteten. Sie spielten mit etwas, doch er konnte nicht erkennen was. Er wollte es auch nicht wissen.

„Wie heißt du?“ fragte der Hintermann unvermittelt. Derek schwieg einen Moment. Dann sagte er seinen Namen.

„Aha“, antwortete der Mann, wobei seine Stimme pfiff wie ein kaputter Kessel. „Mein Name ist Liam. Und weiter?“

„Wie weiter?“ Liam rollte mit den Augen.

„Wie ist dein Nachname?“ Derek wollte ihm antworten, aber seine Zunge blieb stecken. Die Sonne brannte mit einem Mal viel heller als zuvor.

„Ich heiße Derek Ri…“ Ihm wurde schwindelig. „Derek Ri…“ Es klappte nicht. „Mein Name ist Derek Ri…“ Ein weißer Blitz schoss durch seine Stirn. Der Schmerz loderte so sengend heiß, dass er dachte seine Nerven würden schmelzen. Eine unsichtbare Hand zog an den Nähten seiner Synapsen. Vor seinem inneren Auge tanzten Schnipsel aus tausend bunten Bildern. Seine Erinnerungen lagen vor ihm wie ein zerschlagener Spiegel. Derek sah sich selbst, wie er nach den Splittern griff um sie zu retten, bevor sie den Abfluss hinunter gespült wurden. Aber wenn er sie anfasste schnitten sie ihm in die Finger.

„Ich heiße Derek Ri…“ Vor lauter Schmerz hielt er sich die Schläfen fest. Seine Zunge wollte sprechen, aber sein Verstand kannte die passenden Worte nicht.

„Ich kann mich nicht erinnern.“ Liam nickte.

„Das habe ich mir gedacht“. Er streckte seinen linken Arm aus und zeigte ihn Derek. Auf der Innenseite, knapp über der Beuge, standen ein paar Zahlen eintätowiert.

„66421“, las Liam vor. Derek überprüfte seinen eigenen Arm. Da standen ebenfalls Zahlen.

„5432 – Was hat das zu bedeuten?“

„Wir brauchen keine Namen“, sagte Liam finster.

„Wir haben Nummern.“

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 1

Kapitel 1

Mitten in der Wüste stand eine Schlange aus Menschen. Gelbes Ödland erstreckte sich meilenweit um sie herum, ohne einen Baum, oder einen Berg in Sicht. Die einzige Spur von Leben war etwas ausgeblichenes Gras, das in dürren Büscheln in der Weite verstreut wuchs. Die Schlange zog sich endlos durch das Nichts. Ihr Anfang und ihre Ende lagen im Nirgendwo hinter dem Horizont. Mit hängenden Köpfen standen die Gestalten im Staub und warteten, während die Sonne auf sie niederbrannte. Sie wirkten krank und schwach; manche husteten schwer, andere zitterten trotz der Hitze. Ihre Körper waren völlig und allumfassend kahl geschoren: Haare, Augenbrauen, Wimpern, Scham – bis auf die grauen Kutten, die sie trugen, waren sie nackt.

Dumpfer Schmerz pochte durch Dereks Glieder. Sein Fleisch und seine Muskeln fühlten sich ekelhaft wund an, als wäre er gerade aus einem Fleischwolf gekrochen. Unter seinen Zehen prickelte der Wüstenboden, doch trotzdem fror er, von innen. Er öffnete die Augen, blinzelte benommen in die Sonne und zuckte sofort vor Schmerz zusammen. Das helle Licht stach Messer durch seinen Kopf. Schnell blickte er zu Boden, in den kühlen Schatten unter ihm. Da bemerkte er den grauen Fetzen, der von seinen Schultern hing, ein schmutziger Putzlappen, an den Rändern halb zerrissen. Wo hatte er den her?

Er konnte sich nicht erinnern. Wie in Trance glotzte er auf seine Hände, die so frisch und feucht glänzten, als kämen sie gerade aus dem Kühlregal. Feucht, hier in der Wüste? Wo befand er sich hier? Was machten sie hier? Wohin führte die Schlange? Was hatte er vorher gemacht? Es fiel ihm nicht ein. Hinter seiner Stirn, da wo seine Erinnerung sein sollte, klebte eine schwarze Leere.

Als er sich an die Helligkeit gewöhnte, wagte er ein paar vorsichtige Blicke nach links und rechts. Vergeblich suchte er nach etwas Greifbarem in der Einöde, einem Punkt am Horizont, der ihm verriet wo er sich befand, etwas um sich zu orientieren. Doch er fand nichts. Nur Meile um Meile Staub und Dreck und der dünne Strich, wo der braune Sand den blauen Himmel traf.

Lediglich ein paar schwarze Flecken erkannte er in der Ferne. Mit der Hand über der Stirn schaute er genauer hin: Hunde, ein ganzes Rudel. Gelangweilt trotteten sie durch die Wüste und schienen wie die kranken Gestalten in der Menschenschlange darauf zu warten, dass sich etwas bewegte. Es waren große, brutale Tiere. Ihr kurzes Fell glänzte wie frischer Teer und aus ihren Kiefern ragten Zähne gemacht um damit Knochen zu zermahlen. Etwas an der Art, wie sie den Zug beobachteten und bei jedem Husten die Ohren spitzten, sandte einen Schauer über seinen Rücken.

Die Frau, die vor Derek stand, stöhnte auf. Ihre dünnen Beine zitterten, sie hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen. Knochen ragten unter ihrer Haut hervor, schwarze Pusteln wucherten auf ihrem Schädel. In einem heftigen Hustenanfall fiel sie zu Boden, wo sie keuchend liegen blieb.

Der Mann vor ihr versuchte ihr zu helfen. Er packte sie an den Armen und zog sie hoch, aber ihre Beine knickten gleich wieder ein; sie fiel wie ein Skelett in sich zusammen. Der Mann sah zu ihm rüber, doch Derek stand nur regungslos da und und schielte auf die Hunde. Das Rudel spitzte die Ohren. Langsam erhoben sie sich, schüttelten den Staub aus dem Fell und beobachteten aufmerksam das Geschehen.

Ein Anfall nach dem anderen durchzuckte die Frau; der Husten hielt sie umklammert. Blind krallte sie durch die vertrocknete Erde, auf der Suche nach Halt, etwas Festem, und bekam Dereks Fuß zu fassen. Er schreckte zurück, zog sein Bein von ihr weg und schaute wieder zu den Hunden. Mittlerweile waren sie aufgestanden und kamen mit gesenkten Köpfen langsam näher.

Der andere Mann hatte sie nun auch gesehen. Er ließ die Frau los, drehte sich zurück in die Reihe und tat so gut er konnte, als sei nichts passiert. Ihr dürrer Körper krümmte sich zu Dereks Füßen. “Bitte”, bettelte sie heiser, “hilf mir, ich kann nicht…”, aber der Husten schnitt ihr das Wort an. Derek riss seinen Fuß endgültig aus ihrem Griff und machte zwei Schritte zurück. Er hörte die Hunde knurren. Mit gefletschten Zähnen und angelegten Ohren, kreisten sie die Frau ein, wie einen verwundeten Vogel. Geiler Speichel tropfte von ihren Lefzen. “Bitte”, jammerte die Frau, “ich kann…” – doch zu spät. Die Hunde stürzten sich auf sie, versenkten ihre Zähne in den Hals, ihre Armen, und rissen das Fleisch von ihren Knochen. Blut quoll aus den schwarzen Schnauzen hervor und formte eine Lache im Sand. Sie brachte kein Wort heraus, nur ein langgezogenes, gurgelndes Stöhnen. Sie starrte reglos in den Himmel, als die Hunde sie weg zerrten, um in der Ferne mit ihr zu spielen.