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„Schmeckt dir das Steak? Es ist blutig.“
Lara nickte. Ihr Lächeln erinnerte an ein schüchternes Lamm. In dem Kerzenlicht, welches das Speisezimmer in zwielichtiges Halbdunkel tauchte, schimmerten ihre Locken wie Kastanien zu Weihnachten. Man fürchtete, sie zu berühren, aus Angst, ihr Glanz könne verblassen; zur selben Zeit sehnte man sich nach dem seidigen Streicheln auf der Haut.
Vincent beobachtete Lara vom anderen Ende des Tischs. Er sog ihren Anblick in sich auf, wie ein Verdurstender an einem feuchten Tuch. Seinen Teller rührte er kaum an. Er schob die Erbsen mit der Gabel im Kreis, bis er das Fleisch von der Beilage getrennt hatte. Sein Blick haftete magisch auf seinem Gast.
Sie ist perfekt, dachte er. Makellos schön und vollkommen.
Ein Gaumenschmauß.
Gewürze, deren Namen nur ein Sternekoch auszusprechen wüsste, erfüllten das Esszimmer mit einem exotischen Duft. Unsichtbar schwebten die Dämpfe von den Tellern empor, um der Nase zu schmeicheln. Vincent achtete penibel auf die Erlesenheit der von ihm servierten Speisen. Sie komplimentierten gekonnt das Ambiente seiner Wohnung, seines Refugiums. Ein wahrer Genussmensch achtete auf Wert und Wertigkeit.
Das Wohnzimmer glich einer Galerie. Die Schwarzweißfotografien an den Wänden ließen keine Zweifel über den erlesenen Geschmack ihres Besitzers aufkommen. Frauenkörper in erotischen Posen – stets nur Andeutungen, die Raum für die Fantasie des Betrachters schafften. Vincent hatte sie selbst fotografiert. Sein stolzester Besitz ruhte über der Couch unter einem Halogenstrahler. Er nannte es „die Venus“. Der Name des Modells entfiel ihm in diesem Moment. Er konnte sich nicht erinnern.
Das brauchte er auch nicht.
Noch immer schlummerten Teile von ihr zwischen den Eiswürfeln im Gefrierschrank.

„Pinot Rosso aus der Toskana. Jahrgang 1963. Der Winzer ist ein persönlicher Freund von mir. Er schenkte mir diese Flasche für einen besonderen Abend. Ich denke, heute könnte sie ihrem Sinn gerecht werden, meinst du nicht auch?“
Lara senkte den Kopf, versuchte mit einem Seitenblick ihre errötenden Wangen zu verstecken.
„Du hinterlässt auch so einen bleibenden Eindruck, du brauchst mich nicht beschwippst machen.“
„Rotwein ist gut für die Gesundheit“, bemerkte Vincent und öffnete die Flasche. „Und warte mit deinem Eindruck ab, bis du mich näher kennengelernt hast.“
Die Gläser trafen sich zwischen den Kerzen.
Ihr klingender Glockenton verebbte und Lara fixierte ihren Gastgeber mit einem Lächeln.
„Ich möchte dich etwas Indiskretes fragen“, sagte sie nach dem ersten Schluck.
„Entpuppst du dich etwa als Steuerfahnderin?“ scherzte Vincent. „Zur Finanzierung meines Domizils kann ich nämlich keine ehrliche Auskunft erteilen!“
„Nichts so Gemeines. Mich interessiert nur, ob du schon viel Erfahrung hast mit der Art, wie wir uns getroffen haben?“
Seufzend hob Vincent das Glas. „Sie ist schon etwas ungewöhnlich, nicht? Die meisten Gutbürger würden uns für verrückt erklären.
„Du machst dir keine Vorstellung, wie meine Freundinnen mich angesehen haben“, verdrehte Lara die Augen. „Als müsse man mich in eine Zwangsjacke stecken.“ Das Lächeln kehrte zurück. „Also?“
„Erfahrung kann man es nicht nennen“, gestand Vincent. „Eher Ernüchterung. Moderne Zeiten, einsame Seelen – man findet so viel Elend in den Weiten des Internets.“
„Du fühlst dich unwohl?“
„Im Gegenteil.“
„Stört es dich denn nicht?“
Vincent beugte sich vor wie ein Gepard an einem Wasserloch und sah ihr tief in die Augen.
Eine angenehme Gänsehaut legte sich auf Laras Arme.
„Wenn das Kerzenlicht in dein Gesicht scheint“, flüsterte Vincent, „glitzern deine Augen wie Sterne, Cherie. Es spielt keine Rolle, wo ich dich gefunden habe – du bist da, das ist alles was zählt.“
Ein Seitenblick reichte nicht länger um ihre Röte zu verbergen. Lara strich eine Locke hinter das Ohr – es verbarg nicht das Grinsen in ihrem Gesicht.
„Du bist ein Charmeur“, sagte sie verlegen.
„Oh, ich bin so viel mehr als das“, erwiderte Vincent und zählte in Gedanken die Minuten, bis das Kodein seine Wirkung entfalten würde.

Echte Hedonisten scheuten sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Die saftigsten Früchte wurden nicht von Feiglingen gepflückt – wahrer Genuss war ein Privileg der Mutigen. Wenn dabei Äste abbrachen, versicherte ihr Knacken nur, dass man sich auf dem richtigen Weg befand.
Dinge gingen kaputt. Vincent war sicher, dass Lara das verstehen würde.
Er hatte sein Leben dem absoluten Genuss verschrieben. Ein gut gepolstertes Bankkonto mit mehr Stellen, als es ihn kümmerte zu zählen, entband Vincents Sucht jeglicher Schranken. Es erlaubte ihm, sich in immer düstere Ecken des Menschseins zu verirren. Jedes Jahr wuchs die Liste seiner begangenen Abscheulichkeiten um einen neuen Eintrag. Vincent bevorzugte das Junggesellendasein aus präzise diesem Grund. Seine Jagd nach Gaumenfreuden hatte ihn auf interessante Pfade geführt.
Noch immer staunte er, was man im Internet alles entdecken konnte.
Unter dem Vorwand nach dem Dessert zu sehen, entschuldigte sich Vincent und stand vom Tisch auf. Er tupfte seine Lippen mit der Serviette ab, lächelte und verschwand durch eine massive Eichentür in die Küche.
Ein Topf mit geschmolzener Schokolade köchelte auf dem Herd. Der Duft von Zartbitter und Muskat passte nicht zur klinischen Kälte der Einrichtung. Eine Arbeitsplatte aus blank poliertem Edelstahl erstreckte sich von einer Wand zur anderen. Sie bot genügend Platz für ein halbes Dutzend messerschwingender Köche mit weißen Mützen, nur stellte man sie sich unweigerlich mehr wie Chirurgen vor. Die Klingen der Messer, die entlang der Fliesen hingen, gemahnten eher an Skalpelle, denn an Kochutensilien. Vincent nahm eines von ihnen aus der Halterung und prüfte die Schneide.
Nicht scharf genug, urteilte er. Es muss perfekt sein.
Mit dem Finger fuhr er die Reihe entlang und wählte ein anderes, kleineres Messer aus. Es war spitzer und leichter, genügte aber nicht seinen Ansprüchen.
Es muss zu ihr passen.
Beiläufig rührte er den Topf um, als eine Klinge am Ende der Reihe seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Da. Er hatte sie gefunden. So trivial es auch war, es passte perfekt zu seiner Vorstellung – ein klassisches Küchenmesser, groß aber elegant. Wie in den Filmen. Er blickte mit zugekniffenem Auge die Klinge herab, wie durch ein Zielfernrohr.
„Hat dich das Dessert verschluckt?“ drang Laras Stimme durch die Tür.
„Einen Moment noch, Cherie“, antwortete Vincent. „Es soll alles perfekt für dich sein.“
Echte Hedonisten mussten Opfer bringen. Ein Steak schmeckte am besten, wenn es blutig war. Vincent spürte, dass Lara es verstehen würde. Sie war so klug; ihr Geist so aufgeschlossen – sobald er es ihr erklärte, würden ihre wunderschönen braunen Augen aufflammen mit Erkenntnis. Leider nicht für lange.
Fast zu schade, dachte er. Er konnte sie gut leiden.
Eine Frau nach meinem Geschmack.
Der Kühlschrank am Ende der Arbeitsplatte strömte Kälte in den Raum. Wie ein Eisblock schmiegte er sich an die Fliesen und schien jede Bewegung zu beobachten. Vincent legte das Messer zurück und öffnete das Gefrierfach. Unter Brocken weißen Eises lagerten Schichten von Plastiktüten mit Gemüse, gefrorenen Kräutern, Steaks und Hühnerbeinen. Jeder Beutel war mit einem Etikett beklebt, das von Eiskristallen umrahmt über den Inhalt informierte. Vincent besaß nicht die Absicht, noch einen weiteren Gang zu zaubern. Vorsichtig hob er die obersten Schichten heraus. Darunter kamen weiße Plastikboxen zum Vorschein. Auch sie hatten Etiketten.
„Guten Abend, meine Damen“, flüsterte er und öffnete sie.
Ein Paar tiefgefrorener Augen starrte ihn an.
„Ich hoffe, ihr fühlt euch wohl. Habt ihr noch Platz für einen Neuzugang?“
Eine der Boxen war leer. Das Etikett trug keine Aufschrift. Vincent öffnete sie und prüfte den Platz. Dann nahm er einen Stift und beschriftete sie.
In kleinen, schwarzen Buchstaben schrieb er ‘Lara’ auf das Etikett.
„Gut Ding will Weile haben“, erklärte Vincent, als er aus der Küche zurückkehrte. „Das Mousse braucht noch ein paar Minuten zum Ziehen. Wie ich sehe, hast du die Zeit genutzt und uns noch mal nachgeschenkt?“
„Ich möchte anstoßen“, verkündete Lara mit einem Lächeln. „Auf uns.“
„Hört, hört!“
„Ich gestehe, dass ich meine Zweifel hatte. Aber ich bin froh, dass ich gekommen bin.“
Sie stießen an und tranken den Wein. Vincent entdeckte verwundert, dass Lara ihn tatsächlich um fast eine Handbreit überragte.
Sie lächelte ihn an. Etwas kam ihm merkwürdig vor.
„Spürst du schon etwas?“ fragte sie.
„Meinst du den Wein? Nein, Alkohol steigt mir nicht so schnell zu Kopf.“
„Den meinte ich auch nicht.“
Der zarte Ausdruck der Nichtverstehens auf Vincents Gesicht blühte auf, als er merkte, dass seine Zunge nicht mehr länger seinen Befehlen folgte.
Ihm wurde schwarz vor Augen.
Er fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Lara Kellermann besaß keine besonders hohe Meinung von der männlichen Spezies. Männer jeden Alters hatten versucht, sie zu erobern – nach den ersten Nächten jedoch kehrten die meisten ihr frustriert den Rücken zu. Nicht selten vermuteten sie eine unterdrückte lesbische Neigung als Grund für ihre distanzierte Art und den Ekel, mit dem sie ihnen begegnete. Doch das war nicht der Fall. Lara verspürte Erleichterung, wenn die Männer endlich flüchteten.
Ihr Gestank schnürte ihr die Kehle zu.
Männlicher Körpergeruch verstörte sie. Ihr Schweiß trieb Lara in den Wahnsinn. Eine Berührung im Vorbeigehen reichte aus, – der Geruch setzte sich fest, kletterte an ihr empor und ergriff Besitz von ihr. Verzweifelt hatte sie Nächte unter der Dusche verbracht und versucht den Gestank mit Bleiche abzuwaschen. Es dauerte Ewigkeiten, bis sie wieder Luft bekam. Wenige Tage später spendierte der nächste Charmeur am Tresen ihr einen Drink und die Odyssee begann von Neuem.
Lara wollte nichts mehr, als sich vom Ekel zu befreien.
Erst spät hatte sie einen Weg gefunden, ihre Abneigung zu überwinden.
Eine Seite im Internet hatte sie auf die Idee gebracht.
Wie taff und abgebrüht sie sich auch gaben, den meisten Kerlen huschte ein beunruhgtier Schatten über das Gesicht, wenn Lara aus ihrer Handtasche das Messer nahm. Die Klinge blitzte auf. Ab da brauchte es nicht viel, bis sie ihr wahres, weniger hartes Gesicht zeigten. Den Gestank von Urin ertrug sie besser.
„Hast du gut geschlafen, kleiner Prinz?“
Lara begutachtete die schwarzweißen Fotografien an den Wänden, als jemand hinter ihr plötzlich stöhnte und sie sich zu Vincent umdrehte. Er saß mit Klebeband gefesselt auf einem Stuhl. Ein Knebel steckte in seinem Mund.
Den Stuhl hatte sie vor der Fotografie der Venus platziert. Es schien ihr passend zu sein. Der Halogenstrahler setzte Vincent in ein Spotlight, wie auf einer Theaterbühne. Schweißtropfen perlten von seiner Stirn, verklebten ihm das dunkle Haar.
Lara rümpfte die Nase. Trotzdem lächelte sie.
„Weißt du, was Rohypnol ist? Unglaublich vielseitig. Ich trage stets ein Fläschchen bei mir. Man kann nie wissen, wen man unterwegs trifft. Geht es dir gut?“
Vincent hob den Kopf und zuckte zusammen, weil das Licht ihn blendete. Durch den Knebel verkam sein Protest zu einem dumpfen Gemurmel. Mittlerweile interessierte Lara sich nicht mehr für die Gelübde und Entschuldigungen ihrer Dates zu diesem Zeitpunkt. Sie langweilten sie. Auch wenn Vincent trotz allem sehr gefasst wirkte. Er schien etwas wichtiges sagen zu wollen.
„Von allen meinen Eroberungen bist du bisher die wohlriechendste, mein Süßer. Die Gegenwart von Männern ertrage ich sonst nur schwer; dich finde ich fast tolerabel. Du musst ein sehr reinlicher Mensch sein, schätze ich.“ Lara lächelte; dann zuckte sie die Schultern. „Aber das wird dir auch nicht helfen.“
Sie wartete einen Augenblick lang die Wirkung ihrer Worte ab. Aber Vincent zuckte nicht mal mit der Wimper. Seine Augen hatten sich an die Helligkeiten gewöhnt und nun sah er ihr direkt in die Augen. Er blinzelte nicht mal.
Das machte Lara sehr wütend.
„Ich weiß ja nicht wofür du dich hältst“, fauchte sie und griff nach ihrer Handtasche, „aber deine Machotour bringt nichts! Ich will Blut sehen!“ Plötzlich hielt sie das Messer in der Hand, presste es gegen Vincents Kehle. Die Spitze drückte die Haut ein, grub sich in den Adamsapfel, bis jede Sekunde das Blut über die Klinge sprudeln würde.
Aber das Drecksschwein gab sich weiter unbeeindruckt.
Arroganter Schnösel, dachte Lara. Dir werde ich noch Manieren beibringen.
Sie setzte ihr tödliches Lächeln auf.
„Du bist zugegeben meine erste Eroberung aus dem Internet. Das übliche Spiel ist mir zu aufwendig geworden. Heutzutage darf man in den Kneipen ja nicht mal mehr rauchen. Weißt du, wie sehr es da nach Schweiß stinkt? Jede Sekunde muss ich mich zusammenreißen, um mich nicht auf den Schuhen eines armen Kerls zu erbrechen. Es ist widerlich.“ Sie machte eine Pause. „Ich bin immer wieder erstaunt, was man so im Internet alles finden kann. Du scheinst mir gar kein so übler Kerl zu sein, auf den ersten Blick. Vielleicht lohnt sich der Account bei Friendscout ja doch.“
Allmählich würde er mürbe werden. Manchmal brauchte die Panik einen Moment, bis sie die Seele umklammerte. Erst kam die Furcht; dann die Verzweifelung und die Tränen. Schließlich brachen sie alle; man konnte die Hoffnung förmlich bersten hören. Erst dann wusste Lara, dass es Zeit war, den abscheulichen Gestank ihres Opfers durch seine Venen abzulassen.
Stattdessen schüttelte Vincent sich. Seine Brust hob und senkte sich in rapiden Stößen. Es wirkte fast so, als würde er…
„Lachst du etwa?“ Lara drückte das Messer wieder gegen seinen Hals. „Du hättest Galgenhumor zu den Stärken in dein Profil schreiben sollen! Was ist denn so verdammt lustig?“
Das Geräusch wurde durch den Knebel gedämpft. Es war aber unverkennbar, dass sich Vincent köstlich über etwas amüsierte.
Wütend riss Lara ihm das Klebeband vom Mund und rupfte Teile seines Bartes gleich mit.
„Spuck es schon aus, du Drecksschwein!“
„Es ist nichts“, sagte Vincent, immer noch kichernd. „Ich bin einfach nur glücklich.“
„Du scheinst den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Ich werde dich schneiden!“
„Das ist mir schon klar“, erwiderte Vincent. „Ich hätte es einfach nur nie für möglich gehalten.“
„Was für möglich gehalten?“
Vincent grinste. „Dass ich mal im Internet meine Traumfrau treffen würde.“
Laras Gesichtszüge versteinerten sich. Sie wusste nicht, ob sie wütend oder überrascht sein sollte. Was für ein Spiel er mit ihr auch zu spielen versuchte, Vincent schien von der Situation völlig unberührt.
Er bemerkte ihre Verunsicherung.
„Ich habe eine kleine Überraschung für dich“, erklärte er väterlich. „Schau mal in den Kühlschrank.“
Lara zögerte. Langsam ließ sie die Klinge sinken. Es war, als zuckte sie innerlich mit den Schultern und ging dann in die Küche.
Vincent blieb nichts andere übrig, als im Stuhl sitzen zu bleiben. Grinsend starrte er ins Leere.
Ein wohliges Gefühl durchströmte ihn, als er das Gelächter in der Küche hörte.

„Wie schmeckt Euch das Steak? Es ist etwas blutig.“
Jack und Miriam, die beiden Amerikaner, die mit Lara am Tisch saßen, signalisierten ihre Zustimmung mit erhobenen Daumen.
„Exzellent“, sagte Jack mit texanischem Akzent. „Fast so gut wie zuhause bei Mum.“
„Fantastic“, stimmte Miriam zu. Ihr Mund hatte Mühe mit ihrem Appetit mitzuhalten. „Was ist das für Fleisch?“
„Eine Spezialität meines Freundes.“
„Er ist ein Genie. Ich habe noch nie so zartes Steak gegessen. Wo bleibt er?“
„Die Arbeit hat ihn aufgehalten. Er sollte aber bald zu uns stoßen. Mehr Wein?“ Jack und Miriam nickten und Lara füllte die Gläser nach. „Wie lange, sagtet ihr gleich, seid ihr noch in der Stadt?“
„Morgen reisen wir ab“, erklärte Jack und nickte zu den Wanderrucksäcken, die im Flur an der Wand lehnten. „Die Berge der Toskana warten auf uns.“
„Wir hatten so ein Glück, über die Anzeige im Web zu stolpern“, freute sich Miriam. „Es ist wirklich ein herrlicher Abend, Lara.“
„Und er hat gerade erst begonnen. Aber du hast recht. Es ist erstaunlich, was man alles so im Internet entdecken kann. Tatsächlich hat mein Freund das Rezept für den Braten in einem Forum entdeckt. Er verbringt dort seine ganze Zeit. Ach, würdet ihr mich kurz entschuldigen? Ich muss nach dem Nachtisch sehen.“
„Natürlich. Wir bedienen uns solange noch an dem Wein.“
Lara lächelte und stand vom Tisch auf. Sie verschwand in der Küche.
„Und?“ fragte Vincent und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Wie sieht es aus?“
Lara hob mahnend einen Finger. Sie lauschte.
Durch die Holztür hörte man gedämpft das Gespräch der beiden Touristen.
Plötzlich hörte es auf. Wenig später schepperten die Teller.
„Faszinierend“, sagte Lara beim Anblick der auf den Tisch herabgesunkenen Köpfe. „Wen man im Internet alles kennenlernt…“

Die letzte Beichte

Die Kirche war leer. Der Priester kniete vor dem Altar und faltete seine Hände zum Gebet. Er schielte hoch zum hölzernen Messias, der über ihm am Kreuz baumelte. Schweiß tropfte dem Priester von der Stirn und klatschte auf den Steinboden. Neben der halbleeren Flasche Bauernkorn an seiner Seite lag ein Revolver.

„Herr, der Du bist im Himmel. Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme. Vergib uns unsere Schuld und verzeih uns unsere Sünden. In der Beichte werden wir Eins mit Dir und Deiner Gnade. Amen.“

Die Kirchentür erzitterte unter einem heftigen Schlag. Das Schloss schepperte. Draußen hämmerten Fremde gegen das Portal. Der Querbalken wackelte, die Scharniere ächzten. Die Tür hielt.

Mit zitternder Hand griff der Priester nach dem Schnaps und nahm einen Schluck. Der Alkohol brannte in seiner Kehle. Er ließ den Revolver in seinem Gewand verschwinden. Dann wagte er einen Blick über die Schulter. Seine Nackenhaare stellten sich auf: Er konnte hören, wie sie mit Fingernägeln auf Holz kratzten.

Er wandte sich zum Kreuz und kniff die Augen zu. „Ich bin dir ein schlechter Diener gewesen, Herr“, jammerte er. „Ich habe meine Pflichten missachtet und meine Schäfchen verhöhnt. Aus Langeweile habe ich sie bei der Beichte sinnlos für die Buße beten lassen. In der Messe habe ich das Fegefeuer lässlicher Verfehlungen gepredigt und drakonische Strafen in Aussicht gestellt. Auf dem Beichtstuhl haben sie dann ihre Sünden gestanden und ich habe mir den Spaß erlaubt, sie auf Festen und Feiern mit kleinen Seitenhieben zu ärgern. Aber immer nur, um Gutes zu tun! Manchen von ihnen habe ich Hausaufgaben gegeben. Für ihr Techtelmechtel mit dem Bauern Henry durfte die alte Lady Ginster drei Wochen nicht sprechen. Später hat er sich deshalb von ihr getrennt. Das war für beide das beste.“

Holz splitterte. Eine Axt schlug durch die Tür. Späne rieselten zu Boden. Die Axt schnellte zurück und riss auf ihrem Weg ein Loch in die Tür, groß genug für einen Kopf. Licht strahlte durch die Öffnung. Dahinter bewegten sich Schatten. Der Priester zählte mindestens ein Dutzend Gestalten, die sich hinter der Tür tummelten. Ihr Stöhnen jagte dem Priester einen Schauer über den Rücken.

„Ok, Herr, ich gestehe“, sagte er. „Ich war bei den Messen nicht immer ganz nüchtern. Manchmal musste der Messwein gekostet werden, um die Haltbarkeit zu testen! Aber dazu reicht ein Schlückchen ja nicht. Die Messdiener haben was geahnt, deshalb habe ich ihr Taschengeld aufgebessert. Das war ein guter Zweck, wofür ist der Klingelbeutel also sonst da? Ich gebe zu, dass es etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Aber zu dem Pfadfinderstuhlkreis letzten Monat hätte ich auch nüchtern nichts beitragen können. Es macht also nichts, dass er ausgefallen ist. Ich bin jetzt auf Korn umgestiegen, der macht weniger Kopfschmerzen. Farmer Ellis lässt mir immer eine Flasche von seinem Schwarzgebrannten da, seitdem ich angedeutet hab, dass ich weiß, was er hinter seiner Scheune treibt.“

Es knackte und knirschte. Der Priester fuhr herum und sah gerade noch mit an, wie Hände und Arme Bretter aus der Tür rissen. Das Eichenportal wackelte in den Angeln, die Scharniere quietschten an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Mit jedem Stück gerupftem Holz flutete mehr Licht den Eingang. Davor zeichneten sich immer deutlicher die Umrisse der Eindringlinge ab.

„Vater, bitte hör mir zu!“, bettelte der Priester. „Es tut mir furchtbar leid! Der Teufel hat mich verführt, ich schwöre es! Der Alkohol ist an allem schuld!“ Er nahm den letzten Schluck aus der Flasche und schmiss sie gegen eine Säule, dass sie zerbrach. „Ich hab‘ mir ein paar schlimme Angewohnheiten zugelegt! Du weißt, wie einsam das Leben eines Priesters sein kann! Ich kann auch nichts dafür, dass die Tochter des Bürgermeisters immer kürzere Röcke trägt! Wie soll man da nicht hinterher gucken? Ich war wirklich unauffällig, wenn ich ihr durch die Stadt gefolgt bin. Als Mann kommt man eben auf Ideen, das ist doch ganz natürlich! Und allein in meiner Kammer nach der Messe habe ich dann ein bisschen nachgeholfen. Wo ist das Problem?“
Es knackte an der Tür. Der Priester fasste seinen ganzen Mut zusammen. „Ok, du hast recht, das war noch nicht alles. Letzten Sommer…“ – er schluckte – „mit der Bikini-Saison wurde der Druck dann zu groß. Draußen vor der Stadt, bei der Autobahn, gibt es diesen Parkplatz. Dort stehen ein paar Wohnwagen. Wenn sie Zeit haben, stellen die Frauen, die darin wohnen, rote Lichter in die Fenster. Es kostet gar nicht so viel, wie man denkt, Herr.“ Dem Priester versagte die Stimme. „Herr, ich habe das heilige Zölibat gebrochen“, quiekte er. „Mit zwei Frauen gleichzeitig.“
Auf einmal wurde es still. Die Schläge gegen die Tür verstummten. Der Priester horchte. Er hörte nichts außer dem eigenen Pulsschlag. Er sah sich um und merkte, dass auch die Lichter vor den Fenstern aufgehört hatten zu tanzen. Er erhob sich vom Altar und wischte mit dem Ärmel übers Gesicht. Er lauschte erneut, doch nichts rührte sich. Hatten die Fremden etwa aufgegeben?
Da durchbrach ein Quietschen die Stille. Metall kreischte. Der Priester sah, wie sich das oberste Türscharnier verzog und unter dem Gewicht des Eichenholzes verfärbte. Das Portal neigte sich nach vorne, bis das Scharnier mit einem Schnappen riss. Die Tür machte einen Ruck und kippte vorwärts. Es dauerte nicht lang und auch das zweite Scharnier gab nach. Die Tür ragte wie eine Zugbrücke in die Kirche hinein, nur vom Querbalken getragen. Der Priester hielt die Luft an – dann brach der Balken.
Die Kirchentür donnerte zu Boden. Der Aufprall blies eine Staubwolke zwischen den Bänken entlang. Das Licht knallte durch den Eingang, durchschnitt das Dunkel und blendete den Priester. Er hielt seine Hände vor das Gesicht. Er blinzelte zwischen den Fingern entlang, um etwas zu erkennen.
„Wer ist dort?“ rief er. Keine Antwort. Ein Gestank wie von Schlachtabfälle stieg in seine Nase. Er sah Schatten, die sich auf ihn zu bewegten. Mit jedem Schritt wurde der Gestank schlimmer, bis sein Magen drohte sich nach außen zu stülpen.
Dann erkannte er warum.

 

Die vorderste der Gestalten trat ins Licht und dem Priester stockte der Atem. Es war ein Mann in einem Anzug – doch er war schwer verletzt. Er humpelte. Sein Fuß war gebrochen und knackte bei jedem Schritt. Blut rann seine Hand hinunter. Der Priester überlegte, ob er helfen sollte, doch dann sah er in das Gesicht des Mannes: Seine Pupillen war völlig bleich. In ihnen wohnte kein Leben mehr. Der Mann öffnete den Mund und stöhnte. Er bleckte die Zähne. Und hinter ihm stolperte eine ganze Meute der Kreaturen über die Trümmer.
Sie strömten durch den Eingang wie eine Plage. Angst lähmte den Priester – er sah hilflos dabei zu, wie sie den Altar umkreisten, mit ihm in der Mitte.
Schweigend standen sie da und starrten ihn an. Etwas regte sich und die Toten traten beiseite und bildeten eine Gasse in ihrer Mitte. Hervor trat eine Gestalt, die dem Priester gerade bis zur Brust reichte. Sie wirkte wie ein verschimmelte Großvater: Pusteln überschwemmten den Kopf und die Hände, bösartige Lebergeschwüre die sich durch den Körper bohrten. Aber die Autorität in ihrem Gesicht, dieser bösartige Blick, ließ keinen Zweifel, dass dies der Anführer der Verdammten war.
„Priester“, zischte der Gnom und zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn. „Deine Zeit ist gekommen, Priester. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“
Der Priester wusste nicht, was er antworten sollte. Irgendwie erinnerte ihn der Gnom an jemanden. „W-wer seid ihr?“ krächzte er.
„Stell dich nicht dumm, Priester. Du weißt, was du getan hast.“
„D-da muss ein Missverständnis vorliegen.“
„Willst du sagen, dass du uns vergessen hast, Priester?“ schimpfte der Gnom. „Nach allem, was du verbrochen hast?“
„I-ich weiß nicht, was du meinst.“
„Schau genauer hin, Priester. Sieh dir die Gesichter an. Hat der Schnaps so große Löcher in deinem Kopf hinterlassen, dass du sie nicht erkennst?“
Weil ihn die Angst vor dem Gnom dazu zwang, schielte der Priester in die Runde. Sein Blick huschte von einer Fratze zur nächsten, ohne wirklich darauf zu achten was er sah. „Ich weiß nicht, wer ihr seid…“, setzte er an. Doch dann merkte er, wie ihm die Züge der Toten bekannt vorkamen.
„D-das kann nicht sein“, flüsterte er. „Das ist nicht möglich! D-das ist der alte Farmer Ellis!“ Er deutete er auf eine Leiche in Latzhose. „U-und die verrückte Lady Ginster und ihr Bauer Henry! Was passiert hier?“ Er taumelte einen Schritt rückwärts und stolperte fast. „W-was ist hier los, was wollt ihr?“ Da fiel sein Blick auf die Leiche einer Frau, die hinter dem Gnom taumelte. „Oh mein Gott!“ schrie der Priester. „D-die Tochter des Bürgermeisters ist auch da! Herr Jesus, hab Erbarmen. W-warum seid ihr denn alle tot?“
„Sieh aus dem Fenster, Priester“, keifte der Gnom. „Der Himmel steht in Flammen. Draußen tanzen die Lichter des Jüngsten Gerichts. Gott hat die Gerechten an seine Seite geholt. Und uns hat er geschickt“ – er machte eine Pause und lächelte – „um über dich zu richten.“
„Was? Richten? A-aber, was hab ich denn getan?“
„Die Liste ist lang, Prediger. Als aller erstes bist du ein schlechter Hirte gewesen und hast deine Schäfchen im Stich gelassen. Dafür werden wir dich zur Rechenschaft ziehen.“
Der Priester wimmerte vor Angst. Er biss sich auf die Zunge, um das Zucken seiner Hände und Augenlider zu unterdrücken. Er wollte sprechen, aber die Worte weigerten sich.
„A-a-aber ich habe doch gebeichtet!“, flehte er. „Ich habe vor dem Altar gekniet und zu Gott gebetet, er möge mir verzeihen! Ich habe alle meine Sünden vor dem Vater ausgebreitet! I-ich habe gestanden! Die Beichte hat mich frei gemacht! I-ihr dürft mir nichts mehr tun!“
Der Gnom lachte. „Glaubst du wirklich, es ist so leicht, Priester?“, sagte er. „Jede Tat hat ihre Konsequenzen. Vor die Vergebung hat der Herr die Buße gesetzt, das solltest du wissen. Die Beichte ist nur der erste Schritt – du wirst wie jeder andere auch für deine Sünden bezahlen.“

 

Und wie auf ein Kommando setzen sich die Untoten in Bewegung. Erst langsam, dann schneller stolperten sie vorwärts, einen Schritt nach dem anderen. Sie streckten die Arme nach ihm aus, um ihn zu fassen. Sie stöhnten nach seinem Blut. In ihren Gesichtern funkelte das Verlangen nach seinem Fleisch. Der Anführer jedoch blieb stehen. Mit Genugtuung betrachtete er die Panik in den Augen des Priesters.
Er musste handeln. Verzweifelt suchte er nach einer Lücke in den Reihen der Toten. Doch sie standen geschlossen wie eine Mauer. Es gab keinen Platz für eine Flucht. Er wich zurück, bis er den Stein des Altars im Rücken spürte. Er kletterte hinauf, weil ihm sonst kein Ausweg mehr blieb. Die Finger der Toten zupften an seinen Gewändern. Er schüttelte sie ab. Doch sie griffen nach seinem Knöchel. Er taumelte. Da fiel ihm die Sakristei ein. Vielleicht konnte er…
Der Priester nahm den einzigen Schritt Anlauf, der ihm blieb und sprang. Er machte einen Satz und die Untoten starrten ihm hinterher. Er landete hart und schmerzvoll.  Er rollte prallte mit dem Rücken gegen eine der Säulen. Einen Moment lang schwankte er orientierungslos. In diesem Augenblick überkamen die Toten ihre Verwirrung. Die Mauer aus Fleisch änderte die Richtung. Der Priester vergeudete keine Zeit und humpelte zur Tür. Auf dem Weg klopfte er sein Gewand nach den Schlüsseln ab.

Er fand den Bund, doch er konnte sich beim besten Willen nicht entsinnen, welcher der Schlüssel zu welchem Schloss in der Kirche passte. Sie sahen alle gleich aus. Der Priester verfluchte sich, dass er die Tür verriegelt hatte. Hinter ihm schlurfte die Armada der Toten auf ihn zu, gierig ihn in Fetzen zu reißen.
Schweiß tropfte von seiner Stirn. Er probierte den ersten Schlüssel. Er passte, doch das Schloss ließ sich nicht drehen. Der Priester rüttelte an der Klinke, doch die Tür bewegte sich nicht. Er zog den Schlüssel raus und probierte den nächsten. Fehlanzeige. Er schielte über die Schulter. Ein buckliger Ghul eilte auf ihn zu. Seine Hand zitterte. Er wollte den nächsten Schlüssel probieren, da glitt ihm das Bündel aus der Hand. Es fiel zu Boden. Er bückte sich danach, doch das Metall glitt durch seine Finger. Er sah den Toten aus dem Augenwinkel näher humpeln. Jede Sekunde war er da. Er packte den Bund,  steckte den nächstbesten Schlüssel hinein. Da griff eine Hand seine Schulter und riss ihn herum. Der Ghul packte ihn. Er wollte ihn beißen. Der Priester drückte ihn weg. Er presste mit dem Ellenbogen gegen den Kopf des Toten, streckte seinen Hals aus der Reichweite seiner Zähne. Mit der Linken tastete er nach dem Schlüssel im Schloss. Er wollte ihn umdrehen. Seine Finger fühlten die Klinke. Der Zombie raunte in sein Ohr. Der Gestank überwältigte ihn. Er fasste den Schlüssel. Drehte ihn um. Er passte. Das Schloss bewegte sich. Er hieb auf die Klinke. Gleichzeitig stieß er den Toten von sich. Der Zombie taumelte rückwärts. Die Tür öffnete sich. Der Priester hechtete in die Sakristei.
Er rammte etwas Weiches. Eine Eisenklammer legte sich um seinen Hals. Seine Füße verloren die Bodenhaftung, als er in die Luft gehoben wurde. Er röchelte, bekam keine Luft mehr. Dann sah er den Koloss, der ihn gepackt hatte. Das Monstrum überragte ihn um zwei Köpfe. Fett tropfte von seinem Bauch und hinterließ eine Spur auf dem Boden, als er den Priester wie einen Hund packte und zurücktrug. Er schleppte ihn zum Altar und warf ihn auf die Stufen. Die Toten postierten sich um ihn herum.
„Hör auf, vor den Konsequenzen deines Tuns wegzurennen und stell dich deiner Strafe“, sagte der Anführer und trat zwischen den Leichen hervor. Er lächelte böse. „Mach einmal etwas richtig.“
Der Priester schluckte. Er sah sich um und erkannte, dass ihm keine Wahl blieb.
„Dann soll es so sein“, sagte er. „Ich bin schlecht gewesen, das ist wahr. Es hilft alles nichts. Mir bleibt nur noch eins.“
Die Hand des Priesters kroch in sein Gewand.
„Halt still und es wird gleich vorbei sein“, versprach der Gnom. „Halt, was machst du da?“
Plötzlich hielt der Priester den Revolver in der Hand.
„Der Herr möge mir verzeihen“, sagte er und presste den Lauf gegen seinen Schläfe.
„Nein, lass das!“ schrie der Anführer.
Der Priester drückte ab.

 

Der Schuss donnerte durch die Kirche. Das Echo brach sich an den Wänden, unzählige Male. Dann löste es sich in Schweigen auf, wie das letzte Klatschen bevor der Zirkus die Stadt verlässt.
Der Priester klappte in sich zusammen wie eine zerdrückte Safttüte. In der Seite seines Schädels klaffte ein Loch, aus dem eine muntere Fontäne plätscherte. Er fiel seitlich auf den Altar und schlug mit dem Kopf auf, wobei er einen Klecks auf dem Stein hinterließ, rollte über die Kante, zog eine Blutspur hinter sich her und kullerte die Stufen hinunter, bis er mit aufgerissenen Augen vor den Füßen der Untoten liegen blieb.
Einen sehr langen Moment war alles still.
Nichts rührte sich. Nur ein Zombie kratzte sich am Kopf.
Ein anderer übergab sich.

Der Anführer trat hervor. Er betrachtete den Prediger vor ihm eine Weile. „Scheiße“, sagte er schließlich und sah hinüber zu einem Untoten mit Jeans und langen Haaren. „Derek, du bist der Special Effects – Mann. Was ist da schief gelaufen?“
„Keine Ahnung“, antwortete er und zuckte mit den Schultern. „Ich könnte schwören, ich hätte die Patronen gegen Blindgänger getauscht.“
„Na, zum Glück hing davon kein Menschenleben ab, was?“ bellte der Anführer. Mit seiner Klaue schlitzte er sich den Hals auf und grub seine Finger in den Einschnitt. Er zog. Das Fleisch dehnte sich wie ein Gummiband. Augen und Mund verzogen sich zu einer Grimasse, man hörte ein saugendes Geräusch – dann schnappte die Maske vom Kopf und darunter kam Bürgermeister Pauls zum Vorschein. Schweiß rann in Strömen sein Gesicht entlang.
„Das war ja eine grandiose Idee“, keuchte er. „Von wegen ‚Heilsamer Schock‘.“ Er schüttelte den Kopf. „Naja, jetzt können wir uns wenigstens endlich einen neuen Priester suchen. Dem hier war eh nicht mehr zu helfen.“
 
© Gregor Fischer / 2012
 
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Armin, das Nilpferd

“Guck dir den Fettsack an.” Der Kellner nickte zum anderen Ende der Theke, wo Armin saß. “Stopft sich das Schnitzel in die Backen, wie eine Mastsau im Pullunder. Ich wette in einem Jahr holt ihn die Feuerwehr mit einem Kran aus seiner Wohnung.”
Seine Kollegin mit dem Pferdeschwanz, die neben ihm stand, verkniff sich ein Schmunzeln. “Sag sowas nicht! Der hat bestimmt eine Krankheit, oder so.”
“Ach was, der hat keine Krankheit. Der hat höchstens ein Loch im Bauch.”
Armin hatte weder das eine, noch das andere. Dafür hörte er sehr gut. Trotzdem konzentrierte er sich lieber auf den Teller vor ihm. An einem Schnitzel mit Pommes Frites gab es schließlich nichts Verwerfliches.
“Er kommt jeden Tag zur gleichen Zeit und setzt sich an die Theke”, erklärte der Kellner.
“Er sieht einsam aus”, fand die Kellnerin.
“Na und? Trotzdem könnte er wenigstens versuchen zu kauen, oder?”
“Der Arme hat bestimmt keine Freunde.”
“Außer Pommes und Fritz, meinst du?”
Die Kellnerin presste die Hand auf ihren Mund, um ein Lachen zu unterdrücken.
“Du bist gemein!”
Armin fand, dass die Pommes heute etwas fade schmeckten. Er nahm das Salz, um das Problem zu beheben.
“Oh Gott, seine Arterien platzen bestimmt gleich”, murmelte der Kellner.
“Hoffentlich bekommt er keinen Herzinfarkt.”
“Wenn er krepiert, machst du ihn weg”
“Aber du hast ihm doch das Schnitzel serviert?”
“Du hast Mitleid mit der Tonne – du bringst den Müll raus.”

Armin rutschte auf dem Barhocker herum. Aus seiner Hose quoll eine Speckrolle hervor, wie eine Blase im Kuchenteig. Er legte das Besteck zur Seite und räusperte sich.
“Entschuldigung”, murmelte er. “Der Barhocker ist doch nicht so bequem, wie ich gedacht hatte. Ich werde rüber zum Tisch gehen.”
Der Kellner nickte und bemühte sich, Armin nicht mitten ins Gesicht zu grinsen.
Teller und Glas in der Hand rutschte Armin vom Hocker und zog um an einen der Tische im Bisto. Zu dieser Uhrzeit hatte er freie Auswahl und so setzte er sich ans Fenster in die Mittagssonne.
“Jetzt hast du ihn verscheucht”, sagte die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz.
“Hoffentlich schwitzt er nicht”, antwortete der Kellner.
“Ich denke Elefanten schwitzen nicht?”
Die zwei Kellner hinter der Theke prusteten vor Lachen, aber Armin schenkte ihnen keine Beachtung. Eingehüllt in den Duft, der von der panierten Köstlichkeit auf seinem Teller aufstieg, interessierte er sich nicht dafür, was man hinter seinem Rücken tuschelte. So lange man ihn in Frieden zu Mittag essen ließ, konnte man ihm so viele Tiernamen geben, wie man wollte. Es störte ihn nicht. Er mochte Tiere. An den Wochenenden ging er gerne manchmal in den Zoo und fand es lustig, wenn Menschen ihn mit Schweinen, Elefanten oder sogar Nilpferden verglich. Wussten die Menschen denn nicht, wie gefährlich Nilpferde sein konnten?
“Du Arsch!” Die Kellnerin boxte ihren Kollegen in den Arm. “Er hat bestimmt gehört, was du gesagt hast!”
“Wieso? Weil Elefanten große Ohren haben?”
“Du bist ein Teufel.”
Der Kellner grinste. “Warte mal hier, ich will was probieren.”
“Oh nein, was kommt jetzt?”
“Entspann dich, das wird lustig.”
Er arrangierte ein Geschirrtuch über seinem angewinkelten Arm, imitierte eine Verbeugung und ging lächelnd zu Armin an den Tisch.
“Entschuldigung, der Herr?”
„Ja?“ Armin blickte vom Teller hoch. Etwas Jägersoße tropfte vom Kinn auf sein Hemd.
Der Kellner überspielte Ekel mit Freundlichkeit. „Hätten der Herr vielleicht Interesse an einem Nachschlag?“
„Wie meinen sie das?” Armin verzog irritiert das Gesicht.
„Auf Kosten des Hauses, versteht sich.“
„Gibt es sowas denn?”
”Natürlich nicht für jedermann”, erklärte der Kellner und unterdrückte mit Mühe ein Grinsen. „Es ist Tradition, die Treue unserer Gäste mit etwas Besonderem zu belohnen. Deshalb kommen nur unsere geschätztesten Stammgäste in solch einen Genuss.”
„Ich weiß nicht. Von sowas hab ich ja noch nie gehört.“
„Es ist eine Überraschung. Die Spezialität des Hauses, ganz nach ihrem Geschmack!“
„Meinem Geschmack?“
„Jawohl, der Herr. Unter Garantie.“
„Vielen Dank, aber lieber nicht. Ich glaube, ich bin satt.“
Beinahe wäre der Kellner in Lachen ausgebrochen. Satt? „Aber nein, der Herr, keine falsche Zurückhaltung. Sie haben es sich verdient!“
„Hmm.“ Armin dachte nach. Dabei sah er aus, fand der Kellner, wie eine fette Ente mit aufgeplusterten Backen am Schalter bei McDonalds, die sich nicht entscheiden konnte zwischen dem großen und dem extra-großen Bürgermenu. Spätestens jetzt hätte er losgelacht, wenn ihn die Vorstellung nicht so sehr geekelt hätte.
„Na gut”, gab Armin schließlich nach. “Wenn sie meinen, dann nehme ich gerne den Nachschlag. Vielen Dank. Danke schön.“
„Jawohl, der Herr. Exzellente Wahl.“ Wieder imitierte der Kellner eine Verbeugung. Dann drehte er sich um und lief in die Küche, nicht ohne seiner Kollegin eine Grimasse zu schneiden, die ausdrückte, dass er nicht glauben konnte, dass das gerade funktioniert hatte.
Armin bekam davon nichts mit. Nun, da er einen Nachschlag bekam, aß er zügig seinen Teller leer. Er spießte so viele Pommes auf die Gabel, wie Platz hatten, tunkte sie in Soße und ließ sie mit großen Bissen verschwinden. Das Ganze spülte er dann mit Limonade herunter. Er putzte sich die Finger mit der Serviette ab und schaute aus dem Fenster. Ein Nilpferd konnte mit einem Happs bestimmt einen ganzen Menschen verschlucken, dachte er.
Als der Kellner aus der Küche zurück kam, trug er eine große Schüssel in den Händen. Schon von der Theke her roch sie stark und die Kellnerin verzog das Gesicht, als er an ihr vorbei lief. Der Koch gesellte sich dazu, um das versprochene Spektakel zu beobachten.
„Voilá”, sagte der Kellner und stellte die Schüssel vor Armin auf den Tisch. “Einmal die Spezialität des Hauses.” Sie roch wie die Küche in einem Fast Food Imbiss.
„Das ist der Nachschlag?“
„Jawohl, der Herr.“
„Riecht ein bisschen komisch.“
Der Kellner wank ab. „Lassen sie sich davon nicht irritieren, der Herr. Das ist genau ihr Ding, das verspreche ich ihnen!“
Er zwinkerte hinüber zur Theke, wo die Kellnerin den Kopf schüttelte und der Koch grinste.
„Und was soll das sein?“
„Oh, sehen sie doch ruhig selbst!“ Der Kellner nahm den Deckel ab. “Guten Appetit, wünsche ich!”
In der Schüssel schwammen Fettaugen in einer gelben, zähen Suppe, die roch, als hätte sie jemand aus ranzigen Pommes Frites gepresst.
„Das sieht aber aus wie…“
„Die Spezialität des Hauses, der Herr“, verkündete der Kellner. „Pures Fett!“
Hinter der Theke schlug die Kellnerin die Hände vor dem Gesicht zusammen. Der Koch kicherte.
„Fett?“ fragte Armin.
„Direkt aus der Fritöse, der Herr.“
Armin schüttelte den Kopf. Seine Backen wackelten wie Teigtaschen. „Das finde ich nicht lustig. Wenn das eine Anspielung sein soll, dann-“
„Aber, der Herr“, unterbrach ihn der Kellner. „Ich ging davon aus, dass das genau in ihrem Sinne sei?“
Armins Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Wie kommen sie denn auf so eine Idee?“
„Ich dachte, so wie sie ihr Schnitzel essen…“
„Was ist mit meinem Schnitzel?“ Armin richtete sich auf. Die Empörung in seiner Bewegung verpuffte in seiner Behäbigkeit. Er wollte ein stampfender Elefant sein, doch sah aus wie ein müdes Nilpferd.
„Ich dachte einfach…“
„Was dachten sie, hm?“
„Ich dachte Frittierfett wäre einfach etwas schneller.“
Der Koch schlug vor Lachen mit der Hand auf die Theke.
„Pures Fett würde ihnen die Unannehmlichkeit ersparen zu Kauen“, erklärte der Kellner.
Armins Gesicht erstarrte.
Der Kellner lachte ihn an.
„Hör mal, Specki“, ließ er die Fassade fahren. „Guck dich doch mal an. Wir wäre es, wenn wir dir einfach einen Trog mit unserem Frittierfett mittags vor die Tür stellen, hm? Würde dir das gefallen? Wozu die ganzen Umstände? Du kannst einfach den Kopf hineintauchen. Wenn du willst, basteln wir dir auch einen Strohhalm. Dann kannst du es trinken, wie einen Milchshake. Es kostet dich auch nichts. Du würdest Karl dahinten sicher auch einen Gefallen tun.“ Er zeigte mit dem Dauemn auf den Koch, der sich vor Lachen den Bauch hielt. „Wir ersparen uns alle viel Zeit damit. Hören wir einfach auf so zu tun, als wärst du etwas anderes, als ein dickes – fettes – Schwein. “
„Du bist ein echtes Arsch, Kevin“, fuhr ihn die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz an und stürmte davon
„Was hat sie denn?“ feixte der Kellner. „Ist doch wahr, oder nicht?“
Armin sank in sich zusammen. Jemand hatte die Luft aus ihm gelassen. Seine Backen, die vor Minuten noch genüsslich Schnitzel gemampft hatten, baumelten nun schlaff herunter. Härte legte sich in seine Züge. Zwischen den Augenbrauen rollte sich seine Stirn in Falten. Er dachte an Nilpferde.
„Sie haben Recht“, räusperte er sich. „Kauen ist anstrengend.“ Er schob seinen Kiefern nach links. Es knackte.
“Ich habe es schon immer gehasst.”
In einer zähen Bewegung zog er seinen Kiefer nach rechts, sodass sein Doppelkinn zitterte. Die Knochen machten ein Geräusch, wie ein fletschendes Gummiband. Plötzlich hing sein Mund eine halbe Etage tiefer.
“Wenn ich könnte, würde ich es einfach sein lassen”, lallte er.
Er hakte die Finger in die untere Zahnreihe und zog. Die Bewegung wölbte den Mund; man hörte so etwas wie ein Quietschen, bis die Öffnung groß genug war, dass ein Basketball hinein passte. Oder ein Kopf.
“Ich schlinge meine Mahlzeiten lieber herunter.”
“Was zum Teufel machst du da?” stammelte der Kellner.
Der Koch lachte noch immer, aber begriff langsam, dass die Szene sich verändert hatte.
“Du hast mir Nachschlag versprochen”, murmelte Armin. “Jetzt habe ich Hunger.”
“Was!?”
Armin grinste. “Ich bin doch noch nicht satt.”
Und mit einem Bissen verschwand der Kellner vom Boden der Erde.
Der Koch schrie auf. In einer Mischung aus Schrecken und Unglauben starrte er auf die Stelle, an der vor gerade noch sein Freund gestanden hatte. Jetzt war er weg und in Armins Bauch bewegte sich etwas, das von innen gegen die Magenwände stieß und aussah, wie ein Ertrinkender.
“Oh mein Gott!”
Armin nahm das Glas vom Tisch und spülte den letzten Schluck hinunter. Er tupfte sich den Mund mit der Serviette sauber. Ein Rülpser entfuhr ihm.
Die Küchentür öffnete sich und die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz kam zurück.
“Hören sie, ich muss mich wirklich für meinen Kollegen entschuldigen. Das ging zu weit. Manchmal kann er ein…” Sie blieb stehen und sah sich um. “Wo ist er hin?”
Armin zuckte mit den Schultern. “Ich möchte bitte zahlen.”
Der Koch saß hinter der Theke und brachte kein Ton raus.
“Vergessen sie das ganz schnell, das Essen geht selbstverständlich auf’s Haus. Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, Kevin, er…” Die Kellnerin suchte die passenden Worte. “Er ist einfach ein Arschloch.”
“Macht nichts”, antwortete Armin. “Sowas bin ich gewohnt.”
“Sie müssen sich das nicht gefallen lassen.”
“Mir egal. Ich mag es nur nicht, wenn man mich beim Essen stört.” Er nahm seinen Mantel und verließ das Bistro. Draußen auf dem Platz vor der Kirche genossen Kinder und Hausfrauen die warme Mittagssonne. Armin klopfte sich auf den Bauch. Vielleicht geh ich in den Zoo, dachte er, mir die Nilpferde angucken.

“The Walking Dead” – Staffel 1

Man kennt das: Da erwacht man ahnungslos aus dem Koma und um einen herum ist Apokalypse: Alles ist kaputt, überall Blut an den Wänden und keiner da, außer einem Arsch voll Untoter, die dringend Frischfleisch suchen. Na prima! Da ist der Tag erst mal gelaufen!

So geht es auch Hilfssheriff Rick Grimes (Andrew Lincoln). Doch statt wie der Rest von uns erst mal seinen Facebook-Status zu aktualisieren und sich dann zum Sterben in ein Loch zu legen, macht sich Rick auf diese Suche nach seiner Familie. In ihrem alten Reihenhaus wohnen jetzt aber die faulenden Nachbarn und in der ganzen Hektik haben Frau Lori und Sohn Carl leider vergessen eine Rücksendeadresse zu hinterlassen. Glücklicherweise erfährt Rick von einem Überlebenden, dass es in Seattle ein Flüchtlingslager geben soll…

Willkommen in der Apokalypse

Walking Dead gelingt es gleich vom Schlag weg, die Apokalypse so zu präsentieren, wie sich das ein tageslichtscheuer Zombie-Fanboy wie ich es sich immer gewünscht hat. Schon in den ersten Szenen wird klar: Hier fließt Blut. Da liegt eine halbaufgegessene Leiche im Krankenhaus herum, zwischen umgeworfenen Stühlen und verkrusteten Wänden. Auf einer doppelflügeligen Tür, die mit einer dicken Kette verrammelt ist, hat jemand geschrieben “Don’t Open – Dead Inside” und von innen rüttelt etwas an der Klinke – Hammer! Vor dem Krankenhaus stapeln sich weiße Säcke wie ein Korridor aus Toten, den Rick durchschreitet, bevor er ins fahle Tageslicht des Weltuntergangs tritt. Mit solchen Bildern transportiert Regiesseur Frank Darabont gekonnt das Gefühl von Zerstörung und Brutalität, das den Untergang der Welt zu den Füßen fauliger Leichen erst so sehenswert macht.

Eingeweide zum Mitnehmen, oder zum hier Essen?

Schon unsere Mütter wussten: Nur splattergeile Degenerierte gucken sich Zombiefilme an – also her mit dem Kunstblut und den Schweinehälften! Recht hatten sie. Vorweg sei angemerkt, dass es die Serie nicht ungeschnitten über den großen Teich geschafft hat. 30 Sekunden fehlen in den europäischen Fassungen. Das macht allerdings nicht viel, denn auch so bietet Walking Dead ausreichend Blut, um über die Runden zu kommen: Headshots, gespaltene Glieder, faulende Leichen – man darf die Wandelnden Toten in ihrer vollen, zerfleischten Blüte bewundern. Besonders spaßig wird es ab Folge 2, die passenderweise “Guts” heißt, in der Rick und Freunde sich mit dem verwesenden Innenleben einer Leiche tarnen, um als Zombies durchzugehen. Das ist fast schon wieder albern, aber auf jeden Fall schön ekelig. Erstaunlich, womit man heutzutage alles im amerikanischen Abendprogramm davonkommt…

More Drama, Baby

Vielleicht liegt das daran, dass Walking Dead sich stark auf die zwischenmenschlichen Dramen konzentriert. Die auferstandenen Toten sind nur der Rahmen für die Konflikte, die entstehen, wenn die Welt mit einem Mal den Bach runter geht. Es geht um grundlegende Themen wie Moral, Menschlichkeit und Pragmatismus im Angesicht des Untergangs. Kann man einfach seine Frau oder Mutter erschießen, obwol sie sich gerade in ein Monster verwandelt? Darf man einen Rassisten und Unruhestifter seinem Schicksal überlassen?
Es entstehen emotional geladene Szenen, die den Schock einer Welt zeigen, in der die Toten regieren. Das einzige Problem ist, dass sich Walking Dead im Laufe von sechs Folgen anfängt mit Drama zu überladen. Ab Episode 6 watet man durch einen Sumpf zwischen Trauer, Liebe und Verzweifelung. Die Handlung ist wirklich packend, doch manchmal ist weniger einfach mehr.

Mr. Nice Guy

Dieser Eindruck ist vor allem in der Figur von Rick Grimes begründet, a.k.a. “Officer Friendly”. Rick ist ein Paladin für Moral und Menschlichkeit, während die Welt um ihn herum in blutige Stückchen zerbricht. Er ist ein Beispiel für alle, ein echter Held mit weißer Weste. Er muss das Richtige tun, koste es, was es wolle. Wirklich interessant und schon in Folge 1 eingeführt ist der Konflikt zwischen ihm und seinem Kumpel Shane (Jon Bernthal), der sich während Ricks Abwesenheit um seine Familie gekümmert hat und sowas wie ein Ersatz für seine Frau und seinen Sohn geworden ist. Während Rick sich in alle denkbaren Gefahren stürzt, um das Richtige zu tun, liegt Shanes Priorität auf dem Schutz der Gruppe und Ricks/seiner Familie. Beide liegen richtig mit ihrer Art und man fragt sich unweigerlich, wie man selbst in solch einer Situation reagieren würde.
Das Problem an Officer Friendly ist aber, dass er sich nicht entwickelt. Alle sechs Folgen lang bleibt er der moralisch aufrechte Typ, der keine Zweifel an seiner Integrität zulässt. Irgendwann wandert er einem damit aber so langsam auf den Schnürschuh. Die anderen Charaktere sind da deutlich interessanter, allen voran Shane und Dixon (Norman Reedus), die viel mehr Facetten haben als Rick.

Fazit

Abschließend kann ich festhalten, dass The Walking Dead eine sehr gute Serie ist, die mir ein paar unterhaltsame Stunden beschert hat. Ich habe die komplette Staffel in einer Sitzung durchgeguckt und war sehr zufrieden. Ich freue mich auch, dass dank des Zombie-Hypes der letzten Jahre nun auch Sendunden existieren dürfen, in denen Zombies fern ab von billigem Splatter oder schlechter Comedy einen Platz haben, als Szenenbild für interessante Geschichten. Seit 28 Days Later hat für mich kein Film die endzeitliche Stimmung so gekonnt rüber gebracht, wie Walking Dead – Staffel 2 ist deshalb schon so gut wie vorbestellt.
Trotzdem: Ich bin verwöhnt von Serien wie Breaking Bad, Mad Men und Dexter und irgendwie fehlt mir bei Walking Dead noch etwas. Der springende Funke, der die Serie für mich in den Olymp katapultiert, in welchem sich die genannten Beispiele bewegen, fehlt. Damit ist The Walking Dead eine sehr gute Serie, aber nicht genial.

(Alle Bilder ©AMCtv)

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 5

Kapitel 5

Er erwachte mit dem Gefühl von frostigem Stahl im Gesicht. Die Kanten der Metallstufen bohrten sich in seine Wangen und sein Schädel brummte wie ein Wespennest. Leise platschte ein Tropfen Blut von seiner Stirn auf den Boden, auf dem er lag.

Zögerlich warf er einen Blick über die Schulter hinter sich. Zwei Wachen, brutale Statuen in der unergründlichen Dunkelheit ihrer Masken, versperrten ihm mit angelegten Gewehren den Weg. Derek seufzte. Er sah ihnen an, dass sie ihn wenn nötig tragen würden. Wenn es sein musste, warfen sie ihn über die Schulter und schleppten ihn die Treppe hoch.

Mit dem schmutzigen Handrücken wischte er sich das Blut von der Stirn; seine Platzwunde brannte, doch das kümmerte ihn nicht mehr. Es hatte keinen Zweck. Für Widerstand war er zu schwach. Es war zu spät. Er könnte sich gegen sie werfen, noch einmal versuchen zu fliehen, aber es hatte wenig Sinn. Die Hunde würden ihn genau wie Liam zerfetzen. Alles, was ihm jetzt noch blieb, war bis zum Ende zu gehen und zu sehen was passierte.

Zitternd wie ein alter Mann zog er sich hoch, stützte sich auf dem Geländer ab und erklomm die ersten Treppenstufen. Heißes Blei schwamm in seinen Beinen. Jeder Schritt war eine Qual, aber er zwang sich vorwärts. Auf halber Höhe hielt er inne. Er drehte sich zu den kauernden Erscheinungen um, die in der Halle froren und atmete tief ein. Dann richtete er die Augen wieder vorwärts und erklomm mit zusammengebissenen Zähnen den Rest der Treppe.

Am Ende wartete der Priester auf ihn. Sein kahler Schädel und die dürre Statur, in dem altertümlichen Gewand mit dem weißen Kragen, wirkten surreal an diesem Ort. Er stand vor dem Abgrund, der nur wenige Zentimeter neben ihm aufklaffte, wie ein Torwächter. Ein Geruch von Weihrauch haftete an ihm, durchzogen vom beißenden Gestank der Angst. Menschen waren vor ihm in den Tod gesprungen; dennoch lag ein milder, ungerührter Ausdruck in seinem Gesicht. Seine Hände waren über einer zerfledderten Bibel gefaltet, als bereite er sich auf die Sonntagspredigt vor.

„Hallo, Derek“, sagte der Priester. Wie er seinen Namen aussprach, ließ Derek auf einmal alle Hoffnung aus den Gliedern fahren.

„Weißt du, wo du hier bist?“ Erschöpft lehnte er an der Balustrade, suchte ihren Halt und glotzte hohl auf das Lächeln des Predigers. Als er schließlich antwortete, befreite ihn die Gewissheit seiner Worte.

„In der Hölle“. Der Priester nickte.

„Das ist wahr. In der Hölle.“

Die Hände um das Geländer geschlungen sank er auf die Knie.

„Aber warum bin ich hier?“ fragte er atemlos. „Ich kann mich an nichts erinnern.“ Der Priester nickte wieder.

„So geht es allen. Niemand kann sich an etwas erinnern – das gehört dazu.“ In einer ruhigen Geste, wie ein weiser Großvater, deutete er auf den Abgrund, der jenseits der Treppe klaffte.

„Wirf einen Blick nach unten. Dann wirst du sehen.“ Vorsichtig und mit großer Anstrengung zog sich Derek über das rostige Gitter und schob seinen Kopf über das Ende der Treppe.

Unter ihm tat sich der Schlund der Maschine auf. Von hier oben ging es kilometerweit in die Tiefe. Tausend Sägen, zum Schneiden von Fleisch gemacht, ragten im Inneren des Trichters hervor. An kräftigen Haken verfingen sich die Körper, damit sie nicht unbearbeitet durchrutschen konnten. Im Zentrum, da wo der Trichter im dunklen Hals verschwand, drehte sich eine mächtige Schraube, die die Reste nach unten sog und die zerteilten Körper zu einer zähflüssigen Masse zerrieb.

Der Anblick drohte Derek zu verschlucken. Hypnotisiert starrte er in die Schwärze, die Schatten zwischen den Sägen, den blutigen Spuren der Gewalt, den Resten der zerteilten Opfer. Etwas sog ihn herab, zog ihn nach unten. Es war nicht die Erwartung seines eigenen Schicksals. Da unten lauerte etwas Unbekanntes; etwas Fremdartiges.

Ein Kranz aus Augen öffnete sich und glotzte ihn an. Sie betrachteten ihn und Dereks Stirn explodierte. Vor seinem Inneren Auge zerbarst ein Spiegel in Millionen Splitter. Eine unsichtbare Hand zog an den Nähten seiner Synapsen – nur wurden sie wieder zusammen geknotet, statt auseinander gerissen. Bilder aus tausend und einem Lebensbild setzten sich zu einem grauen Kaleidoskop zusammen. Der Schnelldurchlauf eines vergessenen Lebens, die Idee einer Vergangenheit – zerschlagen und wieder geklebt. Da waren Geburt, Eltern und das erste Weihnachtsgeschenk, mit dem kleinen Derek im Kindersitz am Kopf des Tisches; der erste Schultag, die Pubertät und die erste Freundin; eine Couch, viele Freunde und ein bewegtes Leben. Eine Collage aus wichtigen Momenten und alltäglichen Kleinigkeiten, die einen zum Menschen machen.

Dann stolperte der Film in eine normale Geschwindigkeit. Die Szene wurde langsamer, das bernsteinfarbene Gefühl der jüngsten Vergangenheit legte sich wie ein Filter über die Bilder. Derek sah einen Mann, mit Haaren bis zu den Schultern, gekleidet in Jeans und eine selbstgestrickte Wolljacke, und erkannte verwundert, dass er das war.

Es war mitten in der Nacht; das Bier noch in der Hand winkte er seinen Freunden zum Abschied und stolperte über den Vorgarten in Richtung seines Autos. Die Szene sprang und plötzlich sah Derek sich selbst, wie er am Steuer seines alten Cabrios saß, die Flasche zwischen den Knien, eine Zigarette im Mundwinkel, eine Hand am Lenker, mit der anderen suchte er blind nach einer CD. Verzweifelt hielt er Ausschau nach der richtigen Ausfahrt aus dem Vorort.

Wieder machte der Film einen Sprung und Derek sah die gelbe Ampel am Ende der Straße. Statt langsamer zu werden drückte er auf das Gas und wurde schneller; die Ampel konnte er noch schaffen. Das Licht sprang auf Rot. Von rechts kam der Kombi. Es ging zu schnell um noch zu reagieren. Das Bier kippte über seine Hose, die Zigarette fiel ihm aus dem Mund, als sein Kühler das andere Auto in der Mitte zerriss. Es war ein Familienwagen: Ein Kombi, beige, für bis zu drei Kinder geeignet. Der Vater starb sofort; die Mutter schlug mit dem Kopf auf das Armaturenbrett, wo ihr Schädel zerschellte und blutige Splitter zurückließ. Dereks Gedanken waren nicht schnell genug um zu fassen, was gerade passierte. Als letztes sah er den kleinen Jungen im Kindersitz auf der Rückbank. Die Splitter der Windschutzscheibe schnitten durch ihn durch, wie durch Butter.

„Du hast dir das Genick gebrochen, als du im Straßengraben gegen einen Baum gefahren bist“, erklärte der Priester, als Derek wieder zu sich kam. Er brauchte eine Sekunde sich zu erholen. Er klammerte seine Finger in das Gitter, um nicht herunterzufallen.

„Deshalb bin ich hier“, keuchte er. „Ich habe diese Familie auf dem Gewissen. Der Junge…“ Ein dicker Kloß im Hals würgte seine Worte ab. Tränen tropften von seinem Kinn, fielen durch das Gitter hindurch und zerschellten geräuschlos im eisernen Tiefe unter ihm.

„Dieser kleine Junge…“, stammelte er, „ich bin schuld…ich habe sie…“

„Getötet“, beendete der Prediger seinen Satz. „Ja, das ist wahr.“ Er machte eine Pause.

„Aber das ist nicht der Grund warum du hier bist.“ Derek drehte seinen Kopf und sah ihn fassungslos an.

„Was? Wieso dann? Was ist schlimmer, als eine ganze Familie zu töten?“ Das Lächeln des Priesters wurde unmerklich breiter.

„Alles, was davor passiert ist.“

In den Pupillen des Priesters sah Derek sich selbst, wie er zusammengesunken auf der obersten Stufe kniete.

„Ich verstehe nicht“, stammelte er. Statt ihm zu antworten, wiederholte der Priester mit einem Lächeln seine Geste und deutete in den Abgrund. Auf Knien zog sich Derek über den Rand und spähte in das Dunkel. Die Schatten drehten sich im Wirbel, die Augen öffneten sich und der Schmerz hinter seiner Stirn erwachte wieder zum Leben. Der Film ging von vorne los – doch diesmal langsamer. Er konnte jedes Detail erkennen:

Im Kindergarten sah sich Derek, wie er auf den Wänden Porträts der Kinderfrau malte und signierte; seine Mutter, wie sie seine ersten Bilder stolz mit einem Magneten an den Kühlschrank heftete und wie Derek mit dicken Backen glücklich strahlte. Die Schulzeit, in der er gelangweilt in der letzten Reihe saß und Seite um Seite mit Bildern bekritzelte; wie er seiner ersten Freundin einen selbstgemalten Comic schenkte; wie er vergaß zu lernen. Die Pubertät und die Streiterein mit den Eltern; die schlechten Zeugnisse, die Joints und seine verriegelte Zimmertür; die Wochenenden auf Partys, die Mädchen; der Streit mit seinem Vater und das Gespräch über Perspektiven. Dann der Rausschmiss von der Schule wegen Drogen; ein paar halbfertige Zeichnungen; ein gebrochenes Herz und viele Partys. Irgendwann die Suche nach ein Ausbildung; Vorstellungsgespräche, die er verschläft, Termine, um die er sich nicht kümmert, Verabredungen, die er nicht einhält; der Streit mit seinen Eltern und die Frage, warum er denn nichts aus sich und seinem Talent macht; der Rausschmiss von zu Hause; die erste eigene Wohnung, ganz alleine. Zum Schluss die heruntergekommene Bude; die leeren Leinwände, zerbrochenen Bleistifte; ein paar Frauen, die kommen und gehen; die bequeme Couch, in der er zu versinken droht; die Drogen auf dem Wohnzimmertisch; die Party; das Auto; der Unfall; der Junge; der Tod.

Langsam zog sich Derek über die Kante zurück. Einen ewig langen Herzschlag blieb er auf dem kalten Metall liegen und rührte sich nicht. Es schien, als sei er an Ort und Stelle gestorben, aber dann bewegte er sich doch und stand vorsichtig auf.

„Ich verstehe“, sagte er, woraufhin der Priester ihn fragend ansah.

„Ich bin nicht wegen der Familie hier, oder? – sondern wegen mir selbst.“ Schwankend drehte Derek sich zur surrealen Erscheinung des Geistlichen hin, dessen Lächeln unmerklich größer wurde.

Schließlich wandte er sich herum und zeigte mit dem Finger auf die elenden Figuren, die am Treppenabsatz warteten und verwirrt zu ihnen hoch glotzten.

„Wir sind alle aus ähnlichen Gründen hier. Wir haben die gleichen Verbrechen begangen, nicht wahr?“ Der Priester konnte sein Grinsen nicht verstecken.

„Wir sind Abfall. Kompost. Faule Masse, die durch den Fleischwolf gedreht wird, um den letzten Tropfen herauszuquetschen.“ Die Mundwinkel des Klerikers zuckten nervös vor Anspannung. Derek streckte die Arme aus, erfasste die ganze Halle mit einer Geste.

„Das hier“, sagte er, „ist die Kathedrale des verschwendeten Fleisches – der Ort, wo Talent hingeht um zu sterben.“ Der Priester lachte laut aus.

„Jetzt hast du verstanden!“

Derek humpelte zum Ende der Treppe. Seine blutigen Zehen ragten über den Rand , bereit zu springen. Da fiel ihm die Tätowierung an seinem Arm ein.

„Wofür sind die Zahlen?“ Jetzt grinste der Priester mit vollem Gesicht.

„Das fragst du jedes Mal.“ Derek nickte. Dann sprang er.

Mitten in der Wüste, eine Schlange aus Menschen. Gelbes Ödland erstreckte sich meilenweit in alle Richtungen. Da gab es keinen Baum, keine Berge – nur etwas ausgebleichtes Gras in den Rissen im Boden. Anfang und Ende der Schlange verschwanden hinter dem Horizont. Die Sonne knallte auf die kahlen Köpfe der kranken Gestalten. Dumpfer Schmerz pochte durch Dereks Glieder. Sein Fleisch, seine Muskeln brannten wund, als wäre er gerade aus einem Fleischwolf gekrochen. Er konnte sich an nichts erinnern. Da juckte ihn etwas am Arm. Verständnislos, mit hohlem Blick, starrte er auf die Zahl, die darin eintätowiert war: 5431.

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 4

Kapitel 4

Dereks Blick haftete festgefroren an der Treppe; er konnte sich nicht losreißen. Er nahm gar nicht wahr, wie er an der Tätowierung kratzte, seine Nägel in die Haut grub, bis es blutete. Sein Kopf fühlte sich wie unter Wasser getaucht; Liam flüsterte auf ihn ein, aber seine Stimme murmelte nur fern an der Oberfläche.

„Was hast du gesagt?“ Langsam kehrten seine Sinne zurück. Liam riss ihn an der Schulter zu sich herum.

„Sie vernichten uns“, sagte er. Das heisere Keuchen seiner Lungen meißelte den Satz in Stein. „Sie zwingen uns zu springen. Dann verarbeiten sie uns zu Fleisch.“

Derek wollte widersprechen; sein Kopf konnte diese Worte nicht akzeptieren, da zerschnitten die Sägen die Stille. Das Geräusch der Maschine hallte durch die Kathedrale. Der Nächste wurde zur Treppe geführt. Derek schluckte fest. Dann sah er zu den Wachen.

„Aber sie machen gar nichts“, sagte er. „Sie stehen nur da.“

„Gehirnwäsche,“ erwiderte Liam. „Es ist der Priester. Er muss ihnen einreden zu springen.“ Er schaute zu der Figur im dunklen Gewand, die am Ende der Stufen wartete. Kindlicher Trotz glitzerte in seinen Pupillen. „Ich werde da nicht hoch gehen“, sagte er schließlich. Derek drehte sich wieder zu ihm um.

„Was hast du vor?“

„Rennen“, antwortete Liam. Derek sah zurück zu den Gestalten in den schwarzen Mänteln. Eine von ihnen patrouillierte entlang der Schlange. Den Karabiner in der Hand kam sie mit schweren Schritten näher.

„Aber was ist mit den Wachen?“

„Lieber lass ich mich erschießen“, sagte Liam. „Zusammen haben wir gute Chancen. Komm. Auf mein Zeichen rennen wir los.“

Derek blieb keine Zeit zu protestieren. Die Wache erreichte sie gleich. Plötzlich packte Liam die Frau, die hinter ihm in der Reihe kauerte, und schubste sie vor die Wache.

„Los!“ schrie er und rannte so schnell ihn seine Füße trugen. Derek zögerte einen Augenblick; er sah rüber zu der Frau – dann rannte er Liam hinterher. Seine Beine bewegten sich wie von selbst. Mechanisch trugen sie ihn über den Boden. Liam lief links, Derek rechts von der Schlange. In seinen Augenwinkeln verschwammen die kahlen Köpfe zu einem hektischen Film, in dem zwischendurch Liams Gestalt aufblitzte.

Derek spürte nur den Luftzug der Kugel; das hallende Donnern des Schusses hörte er nicht. Köpfe duckten sich in Panik und die Wachen hatten freies Schussfeld. Anlegen, feuern, nachladen. Der zweite Schuss ging nur knapp an ihm vorbei und schlug in die Säule hinter ihm.

Derek machte sich so klein er konnte. Er zog den Kopf ein und schlug Haken um ein paar Säulen. Eine dritte Kugel pfiff haarscharf an seinem Bein vorbei. Auf der anderen Seite keuchte Liam wie ein kranker Ochse. Er wurde langsamer. Schweiß lief in Flüssen an ihm herunter.

„Halt durch!“ rief Derek ihm zu. Am Ende der Kathedrale leuchtete das Wüstenlicht durch die gewaltigen Gitterstäbe.

„Wir sind gleich am Tor!“ Er schaute wieder rüber, aber konnte Liam nicht mehr sehen. Sofort hielt er an. Ein paar Meter hinter ihm lag Liam am Boden; ein Kugel großes Loch klaffte in seinem Bein, aus dem dunkles Blut strömte.

„Steh auf!“ brüllte Derek durch die Hallen. „Mach schon, steh auf!“ Da fletschte die Dunkelheit ihre Zähne. Drei Hunde krochen aus den Schatten zwischen den Säulen hervor. Ihre Krallen klackten auf dem Steinboden. Knurrend, die Köpfe gesenkt, mit angelegten Ohren, näherten sie sich Liam.

„Steh auf!“ Er versuchte verzweifelt sich aufzurichten, schaffte es nicht, denn seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Panisch krallte er sich in den Stein und zog sich über den Boden. Derek wollte sich gerade einen Weg zu ihm bahnen, da sprangen die Hunde los. In einem Herzschlag hatten sie ihre Zähne in seinem Hals gegraben und zerrissen ihn wie ein totes Reh.

Zu spät. Weiter. Rennen. Nicht stehen bleiben. Hinter Derek hatten die Wachen nachgeladen und legten zum Feuern an. Eine Kugel schwirrte weit an ihm vorbei, eine zweite verfehlte knapp seinen Hals. Die dritte traf ihn am Arm. Er strauchelte. Heißes Blei floss durch seine rechte Körperhälfte, zog ihn nach unten. Mit jedem Schritt tropfte das Loch. Seine Kräfte schwanden. Nur noch wenige Meter bis zum Tor. Etwas Glück und er konnte sich vielleicht zwischen den Gitterstäben durchquetschen, raus in die Wüste, weg von der Maschine…

Der Gewehrkolben traf ihn wie ein Betonklotz im Gesicht; der Schlag riss ihn zu Boden. Die Wache tauchte aus dem Nichts auf, nagelte ihn mit dem Stiefel auf der Brust am Boden fest. Er versuchte noch vergeblich sich zu befreien – dann verlor er das Bewusstsein.

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 3

Kapitel 3

Eine kleine Ewigkeit verging, in der sie schweigend durch die Wüste wanderten. Wortlos setzten sie einen Fuß hinter den anderen, bis sie ihre Zehen nicht mehr spüren konnten. Die Sonne brannte Derek auf den Schädel; er spürte, wie ihm die Hitze in den Kopf kroch und seine Gedanken erwürgte.

„Guck mal da.“ Liam flüsterte fast. Er zeigte nach vorne, vorbei an den Köpfen, zu einem blassen schwarzen Fleck am Horizont. Derek erkannte kaum mehr als ein Flimmern in der Ödnis. Je näher sie kamen, desto größer wurde der Schatten. Dünne Linien wurden erkennbar; Konturen zeichneten sich ab, Umrisse eines fernen Bauwerks: Ein mächtiger Giebel, flankiert von zwei Türmen.

„Was ist das?“ fragte Derek. Ob er die Antwort ertragen konnte, wusste er nicht. Liam gab ein pfeifendes Grunzen von sich.

„Ich weiß nicht recht,“ sagte er, „sieht aus wie eine Kathedrale.“

Die gewaltigen Ausmaße machten Derek schwindelig, wenn er hoch zur Spitze des großen Giebels blickte. Mit ihren beiden spindeldürren Türmen ragte die Kathedrale über ihren Köpfen auf wie ein böses Omen. Auf dem schwarzen Stein wucherte dürrer Efeu. Merkwürdige Ornamente, die wie Fleischerhaken aussahen, verunstalteten die Fassade. Den großen Torbogen zierten aus Stein gehauene Statuen, die Heilige zeigten, die Derek nicht erkannte. Statt sich der Schlange zuzuwenden, die unter ihnen durch das Tor verschwand, wandten sie sich in Abneigung von ihr weg.

Ein gusseisernes Gitter, so hoch wie zwei Häuser, versperrte anstelle eines Tores den Weg ins Innere. Wachen standen davor. Trotz der brennenden Sonne trugen sie schwarze Ledermäntel und dicke Stiefel. Die Hitze schienen sie nicht zu bemerken. Sie waren bewaffnet mit altertümlichen Karabinern. Unter grauen Stahlhelmen trugen sie Gasmasken, mit langen Schläuchen, die unter den Mänteln verschwanden. Derek konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Ihr Schweigen machte ihn nervös; ohne es zu merken kratzte er sich an der Stelle, wo die Zahlen in seinen Arm tätowiert waren.

Der Zug war vor dem Gitter zum Stillstand gekommen. Wieder warteten sie auf etwas, ohne zu wissen worauf. Die Wachen standen einfach nur da, bewegten sich kaum und sprachen kein Wort. Neben dem Tor, hoch über ihren Köpfen, hing eine monströse Tafel, wie auf einem Flugplatz, oder einem Bahnsteig. Derek versuchte ihren Zweck zu erraten, als plötzlich meterhohe Ziffern darüber flatterten. Mit ohrenbetäubendem Lärm klapperten die Zahlen über die Tafel, bis eine Liste von etwa hundert Nummern entstand. 5432 und 66421 standen irgendwo in der Mitte. Dann setzte sich das Gitter in Bewegung. Metall rieb an Metall, ein tiefes, langes Kreischen, wie ein sterbender Riese, als sich die Flügel langsam in die Dunkelheit der Kathedrale öffneten. Die Wachen nahmen die Gewehre in Anschlag.

Einen nach dem anderen kontrollierten sie die Gefangenen aus dem Zug. Als es soweit war griff die Wache nach Dereks Arm, umklammerte ihn mit eisernem Griff und las die eintätowierte Nummer. Sie sagte kein Wort, machte kein Geräusch. Hinter dem Visier der Gasmaske fand Derek keine Augen, kein Gesicht, sondern nur schwarzes Nichts. Die Wache schubste ihn weiter und Liam war an der Reihe. Sie rollten mit dem Zug und als alle Nummern der Liste durch waren, schloss sich das Gitter wieder unter lautem Getöse hinter ihnen.

Derek konnte nichts sehen. Draußen blendete die Sonne, doch hier drinnen herrschte seichtes Dunkel. Er brauchte etwas Zeit, um sich an die Schatten zu gewöhnen. Als er wieder sehen konnte, starrte er in Ehrfurcht nach oben. Das Innere der Kathedrale erwies sich als viel gewaltiger, als man von außen erahnen konnte. Die Decke hing so hoch, dass sie in der Dunkelheit verschwand. Endlose graue Säulen ragten über ihren Köpfen empor. Der Geruch von altem Stein hing schwer in der Luft, auf dem kalten Boden fühlte Derek sich, als stünde er auf einem gefrorenen Grab.

„Wo ist das Kreuz?“ Derek blickte plötzlich ängstlich um sich. „Wo ist der Altar? Wo sind die Beichtstühle? Die Bänke?“ Er suchte nach dem Inventar, doch es gab keins. Alles fehlte. In der Kathedrale herrschte gähnende Leere.

„Das ist keine Kirche“, keuchte Liam von hinten. „Wir sind hier in einer Fabrik.“ Seine Stimme zitterte. „Einem Vernichtungslager.“

Und da sah Derek die Maschine. Groß, rostig und grausam wartete sie in der Mitte der Halle. Ein rechteckiger Kasten, unförmig und zweckmäßig, zusammengehalten von faustgroßen Nieten. Aus den Seiten ragten Rohre, die über einem Abfluss im Boden endeten; mehrere Ventile waren an der unteren Hälfte angebracht, doch wozu sie gut waren, dass konnte Derek nur raten. Ein großer Trichter ragte oben aus der Konstruktion. Davor stand eine Stahltreppe, die zum Trichter hoch führte und in einer kleinen Plattform endete, die wie ein Sprungturm über den Abgrund ragte. Eine merkwürdige Gestalt wartete an ihrem Rand – ein Priester.

Bei dem Anblick der Maschine fing der alte Mann an der Spitze der Reihe bitterlich an zu weinen. Zitternd sank er auf die Knie, stammelte Entschuldigungen, ohne zu wissen wofür. Zwei Wachen packten ihn bei den Armen und schleiften ihn über den Boden zum Absatz der Treppe. Ohne Mitleid warfen sie ihn auf die Stufen. Er flehte um Gnade, doch die Wachen reagierten nicht. Als er sich nicht regte, legten sie die Gewehre an. Zitternd richtete der Alte sich wieder auf, zog sich mit den dünnen Armen am Geländer hoch, und setzte den Fuß auf die erste Stufe. Schritt für Schritt erklomm er die Treppe. Oben erwartete ihn der Priester. Sie wechselten ein paar Worte. Der alte Mann schaute furchtsam nach unten in den Trichter und nickte geistesabwesend. Er hob noch einmal den Kopf, blickte hinter sich, runter zur Schlange – und dann sprang er.

Das Geräusch, dass er machte, klang wie aus einem Sägewerk. Derek hielt sich die Ohren zu. Weißer Dampf schoss aus den Ventilen, pfiff in schrillen Tönen. Der Kasten rappelte wie ein wütender Dämon, während die Sägen in Inneren den Alten verarbeiteten. Nach einer Minute endete der Spuk. Aus den Rohren an der Seite tropfte eine zähe, rotbraune Masse in den Abfluss. Stille legte sich über die Halle; niemand gab den geringsten Laut. Der nächste trat vor und bestieg die Stufen.

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 2

Kapitel 2

Der Anblick jagte Derek den Ekel durch den Leib. Unwillkürlich krampfte sein Bauch zusammen, Säure schoss durch seine Speiseröhre nach oben. Er musste kotzen, aber sein Magen war leer. Röchelnd würgte er einen dünnen Speichelfaden vor, der von seiner Unterlippe in den Staub tropfte.

„Schluck es runter“, sagte eine Stimme hinter ihm. Derek wischte mit dem Handrücken seinen Mund ab und schaute über die Schulter. Der Mann sah aus wie ein schwitzender Klumpen Haut. Die Sonne hatte sein Fett geschmolzen und eine eingefallene Form zurückgelassen. Unter den hängenden Wangen wirkte er wie vierzig, aber in seinen Augen glitzerte ein eingeschnapptes Kind.

„Die Hunde lauern auf das schwächste Glied“, sagte er. Bei jedem dritten Wort pfiff seine Kehle, als bereite ihm das Atmen Schwierigkeiten; die Hitze setzte ihm zu, Schweiß rann in dicken Tropfen von seiner Stirn.

„Wenn sie denken du machst schlapp“, fuhr er fort, „dann holen sie dich. Glaub nicht, dass ich dir dann helfe.“

Derek murmelte etwas wie „Danke für den Tipp“ und drehte sich leicht schwankend wieder nach vorne. Der Ekel klebte weiter wie ein stinkender Schwamm in seinem Bauch. Er schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Hinter seiner Stirn klebte weiter diese kalte Leere, die keinen klaren Gedanken zuließ. Er musste Ordnung in sein Hirn bringen. Er fing bei Eins an und zählte so weit er konnte. Dauernd verlor er den Faden und musste neu beginnen. Aber Stück für Stück wurde sein Verstand schärfer; seine lähmende Trance bröckelte wie eine Lehmhaut von ihm ab. Darunter kamen Fragen zum Vorschein, die Antworten suchten.

„Wo sind wir hier?“ fragte er plötzlich über die Schulter nach hinten. „Was machen wir hier?“ Dereks Hintermann sah ihn an und schüttelte leicht den Kopf.

„Keine Ahnung.“

„Aber wohin gehen wir?“ wollte Derek wissen. Er reckte den Hals, sah suchend über die Köpfe hinweg.

„Wohin führt die Schlange?“

„Keine Ahnung“, wiederholte er genervt.

„Ich bin genauso schlau wie du. Alles was ich weiß, ist, dass wir seit Tagen in die selbe Richtung gehen. Wir laufen auf etwas zu.“ Derek drehte sich um und sah ihn an.

„Und worauf laufen wir zu?“ Der Mann antwortete mit einem grimmigen Ausdruck.

„Auf etwas Böses.“

Ohne Vorwarnung setzte sich der Zug plötzlich in Bewegung. Ein kahler Kopf nach dem anderen fing wie im Domino an zu laufen. Die ersten zögerlichen Schritte entwickelten sich zu einem steten langsamen Marsch durch die Wüste. Dereks Beine krampften taub vom ständigen Stehen. Er humpelte wie ein Verletzter, bevor sich seine Muskeln wieder ans Gehen gewöhnten. In der Entfernung, auf halbem Weg zum Horizont, sah er drei schwarze Flecken, die sie begleiteten. Sie spielten mit etwas, doch er konnte nicht erkennen was. Er wollte es auch nicht wissen.

„Wie heißt du?“ fragte der Hintermann unvermittelt. Derek schwieg einen Moment. Dann sagte er seinen Namen.

„Aha“, antwortete der Mann, wobei seine Stimme pfiff wie ein kaputter Kessel. „Mein Name ist Liam. Und weiter?“

„Wie weiter?“ Liam rollte mit den Augen.

„Wie ist dein Nachname?“ Derek wollte ihm antworten, aber seine Zunge blieb stecken. Die Sonne brannte mit einem Mal viel heller als zuvor.

„Ich heiße Derek Ri…“ Ihm wurde schwindelig. „Derek Ri…“ Es klappte nicht. „Mein Name ist Derek Ri…“ Ein weißer Blitz schoss durch seine Stirn. Der Schmerz loderte so sengend heiß, dass er dachte seine Nerven würden schmelzen. Eine unsichtbare Hand zog an den Nähten seiner Synapsen. Vor seinem inneren Auge tanzten Schnipsel aus tausend bunten Bildern. Seine Erinnerungen lagen vor ihm wie ein zerschlagener Spiegel. Derek sah sich selbst, wie er nach den Splittern griff um sie zu retten, bevor sie den Abfluss hinunter gespült wurden. Aber wenn er sie anfasste schnitten sie ihm in die Finger.

„Ich heiße Derek Ri…“ Vor lauter Schmerz hielt er sich die Schläfen fest. Seine Zunge wollte sprechen, aber sein Verstand kannte die passenden Worte nicht.

„Ich kann mich nicht erinnern.“ Liam nickte.

„Das habe ich mir gedacht“. Er streckte seinen linken Arm aus und zeigte ihn Derek. Auf der Innenseite, knapp über der Beuge, standen ein paar Zahlen eintätowiert.

„66421“, las Liam vor. Derek überprüfte seinen eigenen Arm. Da standen ebenfalls Zahlen.

„5432 – Was hat das zu bedeuten?“

„Wir brauchen keine Namen“, sagte Liam finster.

„Wir haben Nummern.“

Die Kathedrale des Verschwendeten Fleisches: Kapitel 1

Kapitel 1

Mitten in der Wüste stand eine Schlange aus Menschen. Gelbes Ödland erstreckte sich meilenweit um sie herum, ohne einen Baum, oder einen Berg in Sicht. Die einzige Spur von Leben war etwas ausgeblichenes Gras, das in dürren Büscheln in der Weite verstreut wuchs. Die Schlange zog sich endlos durch das Nichts. Ihr Anfang und ihre Ende lagen im Nirgendwo hinter dem Horizont. Mit hängenden Köpfen standen die Gestalten im Staub und warteten, während die Sonne auf sie niederbrannte. Sie wirkten krank und schwach; manche husteten schwer, andere zitterten trotz der Hitze. Ihre Körper waren völlig und allumfassend kahl geschoren: Haare, Augenbrauen, Wimpern, Scham – bis auf die grauen Kutten, die sie trugen, waren sie nackt.

Dumpfer Schmerz pochte durch Dereks Glieder. Sein Fleisch und seine Muskeln fühlten sich ekelhaft wund an, als wäre er gerade aus einem Fleischwolf gekrochen. Unter seinen Zehen prickelte der Wüstenboden, doch trotzdem fror er, von innen. Er öffnete die Augen, blinzelte benommen in die Sonne und zuckte sofort vor Schmerz zusammen. Das helle Licht stach Messer durch seinen Kopf. Schnell blickte er zu Boden, in den kühlen Schatten unter ihm. Da bemerkte er den grauen Fetzen, der von seinen Schultern hing, ein schmutziger Putzlappen, an den Rändern halb zerrissen. Wo hatte er den her?

Er konnte sich nicht erinnern. Wie in Trance glotzte er auf seine Hände, die so frisch und feucht glänzten, als kämen sie gerade aus dem Kühlregal. Feucht, hier in der Wüste? Wo befand er sich hier? Was machten sie hier? Wohin führte die Schlange? Was hatte er vorher gemacht? Es fiel ihm nicht ein. Hinter seiner Stirn, da wo seine Erinnerung sein sollte, klebte eine schwarze Leere.

Als er sich an die Helligkeit gewöhnte, wagte er ein paar vorsichtige Blicke nach links und rechts. Vergeblich suchte er nach etwas Greifbarem in der Einöde, einem Punkt am Horizont, der ihm verriet wo er sich befand, etwas um sich zu orientieren. Doch er fand nichts. Nur Meile um Meile Staub und Dreck und der dünne Strich, wo der braune Sand den blauen Himmel traf.

Lediglich ein paar schwarze Flecken erkannte er in der Ferne. Mit der Hand über der Stirn schaute er genauer hin: Hunde, ein ganzes Rudel. Gelangweilt trotteten sie durch die Wüste und schienen wie die kranken Gestalten in der Menschenschlange darauf zu warten, dass sich etwas bewegte. Es waren große, brutale Tiere. Ihr kurzes Fell glänzte wie frischer Teer und aus ihren Kiefern ragten Zähne gemacht um damit Knochen zu zermahlen. Etwas an der Art, wie sie den Zug beobachteten und bei jedem Husten die Ohren spitzten, sandte einen Schauer über seinen Rücken.

Die Frau, die vor Derek stand, stöhnte auf. Ihre dünnen Beine zitterten, sie hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen. Knochen ragten unter ihrer Haut hervor, schwarze Pusteln wucherten auf ihrem Schädel. In einem heftigen Hustenanfall fiel sie zu Boden, wo sie keuchend liegen blieb.

Der Mann vor ihr versuchte ihr zu helfen. Er packte sie an den Armen und zog sie hoch, aber ihre Beine knickten gleich wieder ein; sie fiel wie ein Skelett in sich zusammen. Der Mann sah zu ihm rüber, doch Derek stand nur regungslos da und und schielte auf die Hunde. Das Rudel spitzte die Ohren. Langsam erhoben sie sich, schüttelten den Staub aus dem Fell und beobachteten aufmerksam das Geschehen.

Ein Anfall nach dem anderen durchzuckte die Frau; der Husten hielt sie umklammert. Blind krallte sie durch die vertrocknete Erde, auf der Suche nach Halt, etwas Festem, und bekam Dereks Fuß zu fassen. Er schreckte zurück, zog sein Bein von ihr weg und schaute wieder zu den Hunden. Mittlerweile waren sie aufgestanden und kamen mit gesenkten Köpfen langsam näher.

Der andere Mann hatte sie nun auch gesehen. Er ließ die Frau los, drehte sich zurück in die Reihe und tat so gut er konnte, als sei nichts passiert. Ihr dürrer Körper krümmte sich zu Dereks Füßen. “Bitte”, bettelte sie heiser, “hilf mir, ich kann nicht…”, aber der Husten schnitt ihr das Wort an. Derek riss seinen Fuß endgültig aus ihrem Griff und machte zwei Schritte zurück. Er hörte die Hunde knurren. Mit gefletschten Zähnen und angelegten Ohren, kreisten sie die Frau ein, wie einen verwundeten Vogel. Geiler Speichel tropfte von ihren Lefzen. “Bitte”, jammerte die Frau, “ich kann…” – doch zu spät. Die Hunde stürzten sich auf sie, versenkten ihre Zähne in den Hals, ihre Armen, und rissen das Fleisch von ihren Knochen. Blut quoll aus den schwarzen Schnauzen hervor und formte eine Lache im Sand. Sie brachte kein Wort heraus, nur ein langgezogenes, gurgelndes Stöhnen. Sie starrte reglos in den Himmel, als die Hunde sie weg zerrten, um in der Ferne mit ihr zu spielen.


Das verräterische Herz

Imitieren ist die beste Übung, habe ich mal gelesen. Bevor man selbst anfängt große Literatur zu schreiben, sollte man sich die Tricks und Kniffe des Handwerks bei den Großen abgucken. Das habe ich mir zur Herzen genommen: Die folgende Geschichte stammt eigentlich von Edgar Allan Poe, dem Herren links auf dem Bild. Ich habe mir Idee und Plot von ihm entliehen und die Geschichte mit eigenen Worten und eigenen Ideen nach erzählt. Meine Imitation reicht selbstverständlich nicht mal in die Nähe des Originals. Aber als Übung hat es seinen Zweck erfüllt und ich will das Ergebnis gerne hier publik machen. Wer unbedingt Lust hat zu vergleichen, kann sich die originale Geschichte hier und hier nochmal auf Englisch besorgen. Navigiert wird übrigens über die Seitenzahlen am unteren Ende des Posts.