Review: „Vampire Nation“ (2010)

Nachdem die Welt unter einem Virus, der Menschen in blutrünstige Vampire verwandelt zusammengebrochen ist, trainiert Vampir Jäger Mister den jungen Martin für das Leben im „Stake Land“. Zusammen machen sie sich auf die Reise nach Norden, wo es in der kleinen Stadt „New Eden“ noch Hoffnung geben soll.

Der Böse ist immer derselbe: Egal ob die Apokalypse durch Zombies, Vampire oder mutierte Erdmännchen gebracht wird, das größte Monster ist immer noch der Mensch selbst. Bricht uns der Boden der Zivilisation unter den Füßen weg, starrt uns aus dem Abgrund unsere eigene, grauenerregende Natur an. Auch „Vampire Nation“ (Originaltitel: „Stake Land“) nutzt seine Vampire – dankenswerterweise diesmal keine glitzernden Highschool-Bubis, sondern echte Monster mit blutigem Schaum vorm Mund – als Kulisse für das menschliche Drama. Regiesseur Nick Damici verzichtet auf plumpes Fingerzeigen á la“Guck-mal-wir-sind-die-echten-Monster!“ und präsentiert eine ergreifende Geschichte über das Erwachsenwerden in der Hoffnungslosigkeit – und das mit erbarmungsloser Brutalität.

Der Film beginnt mit dem Angriff der Vampire auf das Farmhaus von Martins Eltern: Nachts überfallen blutrünstige Bestien die Familie und töten alles – alles! – das einen Puls hat. Der schockierte Teenager versucht noch, seine Eltern zu retten, da kommt aus der Wildnis ein Fremder mit Zaunpfahl und rammt sie den Monstern in die Brust. Blut fließt und schon zu Beginn wird der Ton der weiteren Reise festgelegt: An der Decke des Farmhauses hängend sehen wir einen Vampir, der ein schreiendes Baby frisst und achtlos wegwirft. Keine halben Sachen – solche Szenen gehen unter die Haut. Und das ist auch gut so, denn ausnahmsweise kann die gezeigte Brutalität wirklich als Stilmittel verstanden werden. Niemandem wird der Kopf abgerissen, weil es gut vor der Kamera aussieht; die Gewalt wird gezeigt, aber das Publikum nicht wie üblich mit der Nase drauf gestoßen. Sie wächst organisch aus dem Setting. Schwache Gemüter, die beim Anblick von Kunstblut zur Toilettenschüssel eilen, sollten trotzdem einen kilometergroßen Bogen um „Vampire Nation“ machen, denn es wird schlimmer, bevor es besser wird.

Zum Glück besteht der eigentliche Reiz nicht in den blutverschimierten Fangszenen der Horrorplage du jour, sondern den übrigen Gefahren der Welt. Damici gibt sich große Mühe, einen authentischen Eindruck einer Welt vor dem Abgrund zu vermitteln. Auf ihrer Reise erreichen Mister und Martin übriggebliebene Taschen der Zivilisation, die mit mobilen Barrieren aus Güterzügen ihre Siedlungen schützen und einen rudimentären Tauschhandel wiederaufgebaut haben. Aber die Kehrseite kommt schnell und schon bald werden die Reisenden mit der Bruderschaft konfrontiert, einer pseudo-religiösen Sekte von Rassisten, die in den Vampiren eine gottgesandte Plage zur Befreiung der „weißen Rasse“ sehen. Hier schafft es „Vampire Nation“ abseits von Jump Scares und Splatter den echten Horror zu zeigen: Denn die Bruderschaft, die ganze Landstriche des „Stake Land“ unter ihre Kontrolle gebracht hat, wirkt erschreckend glaubhaft. Die Apokalypse hat den Menschen auf das Simple und Radikale reduziert; man klammert sich an jeden Strohhalm, der einen Kraft zum Weitermachen gibt. Wenn die Bruderschaft dann auch noch Vampire als Waffen gegen die Überlebenden einsetzt, wird klar, wer der eigentliche Gegner ist.

Je näher sich Mister und Martin ihrem Ziel im Norden nähern, desto größer werden Spannung und Dramatik. Dabei bewegt sich der Film in gemächlichem Tempo, bietet den Figuren Raum, sich zu entwickeln, ohne dabei langweilig zu werden. Dem ausgelutschten Konzept des wortkargen Einzelgängers haucht Regiesseur/Hauptdarsteller Damici authentisches Leben ein; wir werden Zeuge, wie sich der Jäger langsam zur Vaterfigur für seine Gruppe entwickelt, während um ihn herum alles in die Brüche geht. Connor Paolo (manchen bekannt aus Gossip Girl und Revenge) transformiert sich in angemessenem Tempo vom hilflosen Jugendlichen zum Erwachsenen, der für sich selbst sorgen kann. Seine Entwicklung ist das eigentliche Thema des Films und bietet den Roten Faden der Handlung. Die Darsteller machen einen hervorragenden Job und anders als einige Genrekollegen, schafft „Vampire Nation“ es, dass das Schicksal seiner Figuren etwas bedeutet – das ist eine Menge wert.

Zudem hat der Film den Segen des knappen Budgets, der die Macher zwingt, aus den vorhandenen Mitteln das Möglichste herauszuholen. Man sieht den Kostümen, Sets und Special Effects das Low Budget zwar an – nichts mit Hochglanzpolitur! – doch das sorgt nur dafür, dass das Geschehen umso authentischer wirkt. Mehr Kohle hätte hier weniger Feuer bedeutet.

Am Ende ist aus Vampire Nation ein gelungener Horrorfilm geworden, der sowohl Hirn, Herz als auch Magen des Publikums beansprucht. Die melancholische Grundstimmung transportiert eine spürbare Hoffnungslosigkeit. Wer hofft, nach dem Film gut gelaunt vom Sofa zu springen, sollte etwas anderes gucken. „Vampire Nation“ ist die Antithese zum „Feelgood-Movie“. Sehenswert ist er allemal.

Vampire Nation (2010)
Nick Damici, Connor Paolo, Kelly McGillis
Regie: Jim Mickle
„Vampire Nation“ auf IMDB.com

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