Kentucky Fried Cripple

Oh, wie ich es hasste in diesem fett verschmierten Laden. Wir saßen an einem Fensterplatz bei Kentucky Fried Chicken, Stella und ich. Es war kurz nach Acht. Draußen war es dunkel geworden, die ersten Idioten mit tiefer gelegten Wagen heizten unter den Straßenlaternen an uns vorbei in Richtung der Autobahnauffahrt. Um uns herum, zwischen den roten Plastiktischen, vereint unter dem weißen Licht der Halogenleuchten, tummelte sich der Bodensatz der Menschheit. Da waren Geschäftsmänner in Nadelstreifenanzügen, die mit gelockerter Krawatte und mit bloßen Fingern Chicken Wings in sich hineinstopften, während sie telefonierten. Gleich daneben saß eine Bande heruntergekommener Jugendlicher mit hängenden Hosen und knielangen T-Shirts, die über ein Handy laut Musik hörten. Keiner hatte den Mut, etwas gegen sie zu unternehmen. Besonders nicht der Fettsack im karierten Hemd, der einen Tisch weiter Hähnchenteile in Barbecue-Soße tunkte und sich mit der Serviette den Schweiß von der Stirn wischte.

Ich ekelte mich hier. Niemand machte sich Illusionen über die eigene Würde. Das wusste der Südstaaten-Colonel, der von der Leuchtreklame draußen auf dem Parkplatz grinste und servierte seinen Gästen das Essen gleich in einem Plastikeimer. Wozu Besteck, wenn man sich das Fett auch an der Hose abschmieren konnte?

“Geht es dir gut? Du hast dein Essen noch gar nicht angerührt.”

Stella lächelte mich an. Sie saß mir gegenüber, nur ein paar handbreit entfernt, und saugte schmatzend die Panade von einem Hühnerbein. An ihrem Finger funkelte der Ring, den ich ihr vor zwei Monaten geschenkt hatte. Seitdem hatte ihr Mundwerk keine Pause mehr eingelegt.

“Alles bestens”, knurrte ich. “Mir geht es gut.”

“Wirklich? Du siehst aus, als würde dich etwas beschäftigen.”

“Mir fehlt nichts.”

“Ok.” Sie schlürfte an ihrem Getränk und wechselte das Thema. “Was hältst du denn von dem Sofa, das wir gesehen haben? Hat es dir gefallen?”

“Das schwarze?”

“Genau.”

“Nicht meine Farbe.”

“Echt? Ich dachte immer, schwarz würde dir so gut gefallen.”

“Da siehst du mal, wie gut du mich kennst.”

Stella verzog vorwurfsvoll das Gesicht. Es passte ihr nicht, wenn ich ihr ihre Oberflächlichkeit vorführte. Dabei lag sie eigentlich richtig. Ich war gerade einfach nicht in der Stimmung, ihr etwas zu gönnen.

“Geht es dir wirklich gut? Ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich.”

“Hör auf, dir Sorgen zu machen und iss auf. Mir geht es gut.”

“Meine Güte, warum bist du denn heute so grantig?”

“Musst du alles in Frage stellen?”

“Entschuldige bitte, dass ich mich um dich kümmere.”

“Vielleicht geht mir ja genau das auf den Nerv…”

Ich hatte den letzten Satz zwischen den Zähnen hervor gequetscht, halb geflüstert, halb dahin gerotzt. Mir war nicht danach, mich zu unterhalten. Der Ort machte mich verrückt. Mein Gegenüber ging mir auf die Nerven. Seit Wochen schlief ich nicht richtig, wachte mitten in der Nacht auf mit einem Gefühl, unter einer Plastikfolie erstickt zu werden.

Ich hasste mein Leben. Der Grund dafür saß mir gegenüber.

“Es reicht”, verkündete Stella und verschränkte die Arme vor der Brust. “Du sagst mir jetzt sofort, was los mit dir ist, oder wir bleiben hier sitzen, bis du schwarz wirst!”

Sie funkelte mich an wie ein zorniges Mädchen, dem man sein Pony verweigert. Ihre gezupften Augenbrauen zogen sich nach unten, ihr Blick verfinsterte sich und sie schob den Kiefer vor, als bereite sie sich auf einen Boxkampf vor. Es wirkte lächerlich auf mich, die Vorstellung, ein blondiertes Püppchen wie sie in einem Ring zu sehen. Ich stellte mir unwillkürlich ein Känguru mit roten Handschuhen als ihren Gegner vor. Ich wollte lachen, doch unterdrückte den Impuls.

“Es ist wirklich nichts, Schatz”, versuchte ich sie zu beschwichtigen. “Mir geht es gut. Können wir jetzt gehen?”

“Nein. Du warst schon im Möbelhaus so komisch und hast kaum mit mir gesprochen. Was ist los mit dir?”

“Stella, ich bitte dich, nicht hier…”

“Doch! Was um Himmels willen hast du? Liebst du mich nicht mehr?”

Irgendwo in meinem Kopf hörte ich einen Ast knacken. Ich presste die Augen zu, strengte mich an, diesen imaginären Schmerz zurück ins Dunkel zu pressen, doch es gelang mir nicht.

Ich machte die Augen wieder auf und sah Stella ins Gesicht. Ihr Make-up glänzte im Licht. In der Fensterscheibe daneben spiegelte sich eine geisterhafte Reflektion.

Ich schlug mit der flachen Hand dagegen, dass die Scheibe wackelte.

“Willst du wissen, was mein Problem ist?” schrie ich. Köpfe drehten sich in unsere Richtung. “Willst du das wirklich wissen, hm? Hältst du das aus?”

Stellas Pupillen weiteten sich erschrocken. Sie war zusammengezuckt, jetzt hielt sie sich an dem Tisch fest. Stumm nickte sie. “Sag es mir.”

“Du erdrückst mich! Pausenlos quasselst du von einer gemeinsamen Wohnung, von Tapeten und Farben für die Vorhänge. Davon, wo du das Klo für deine zwei beschissenen Katzen hinstellen willst und wo wir als nächsten in den Urlaub fahren wollen. Du nörgelst rund um die Uhr über deine Haare, deine Fingernägel und deine hohen Absätze, die dir die Füße kaputt machen. Dann zieh sie doch einfach aus! Aber nein, alles ist gut, solange du was zu erzählen hast, stimmt’s?”

“Aber, Steven…”

“Nichts mit Steven! Als ich dir den verfluchten Ring geschenkt habe, dann nur, damit du mir nicht dauernd in den Ohren hängst, wann wir endlich heiraten und warum ich nicht zu dir stehen würde.”

“Du hast gesagt, du liebst mich.”

“Ich hasse mein Leben mit dir, Stella. Ich kann nicht mehr atmen. Ich komme zu nichts, ich bin dauernd nur unterwegs, um Sachen für dich zu holen und deinen Pussy-Scheiß zu erledigen. Ich habe kein eigenes Leben mehr – das hast du genauso verschluckt, wie deine verdammten Chicken Wings. In Rekordzeit.”

“Wenn du mehr Zeit für dich brauchst, hättest du doch was sagen können.”

“Das ist es ja nicht mal. Ich kann dich einfach nicht mehr ansehen. Wenn ich aufwache, frage ich mich, wo mein verdammtes Leben gelandet und möchte am liebsten auf Zurückspulen drücken.”

“Aber, Steven”, stammelte sie, “was hab ich dir denn getan?”

Ich sah sie schweigend an. Die Frage hallte in meinem Schädel wieder, erzeugte ein Echo an meinen Schläfen.

Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste es nicht.

Es reichte, dass sie da war.

“Geh mir aus den Augen”, flüsterte ich, “du ekelst mich an.”

Sie stand auf, riss ihre Tasche an sich und stapfte davon. Ich schaute ihr hinterher, auf den knackigen Hintern, den ich letzte Nacht noch aus den viel zu engen Jeans geschält hatte, sah, wie sie auf dem Absatz kehrt machte und zurück kam. Stella baute sich vor mir auf.

“Ist noch was?”

“Du bist ein riesiges Arschloch, Steven”, sagte sie und spuckte mir ins Gesicht.

Dann verschwand sie endgültig durch den Ausgang ins nichts.

Gut, dachte ich. Lass es raus. Mit steinerner Miene blickte ich aus dem Fenster und wischte mir mit einer Serviette den Speichel vom Kinn. Die Leute um mich herum starrten mich mit hohlen Blicken an, als wäre ein Reaktor geschmolzen. Ich spürte ihre Augen auf mir haften, es fühlte sich schleimig und ekelhaft an, doch es war mir im Prinzip egal. Ich war zufrieden mit mir selbst. Ich hatte getan, was getan werden musste.

Stella hatte mir die Luft zum Atmen geraubt. Anfangs war ich überzeugt gewesen, mit ihr ein Leben auf der sonnigen Seite der Jägerzauns verbringen zu können. Der Sex war gut gewesen, im Bett tat sie, was man von ihr verlangte. Das dauernde Gequatsche zu ertragen war ein geringer Preis dafür gewesen.

Dann war die Verlobung gekommen. Stella hatte mir wochenlang in den Ohren gelegen, einmal sogar mit echten Tränen geheult, sie würde sich nicht geliebt fühlen. Ich wäre zu distanziert, wie auf einem anderen Planeten. Ich wusste nicht, was sie meinte – es ging mir gut, auch wenn ich des Nachts öfters wach wurde und bis in die Morgenstunden vor meinem Computer verbrachte, ziellos im Web herum surfte, als wäre ich auf der Suche nach etwas, ohne zu wissen wie es aussah. In mir war die Idee gewachsen, vielleicht ein Buch zu schreiben, einen Roman, um die Langeweile vor dem Morgengrauen sinnvoll zu nutzen. So schwer konnte das ja nicht sein.

Doch die Schlaflosigkeit war nur schlimmer geworden. Nachts, wenn ich kurz davor war endlich ins Dunkle meines Unterbewussten abzugleiten, wachte ich mit Schnappatmung aus dem Dämmerschlaf auf – während Stella sich seelenruhig in ihrem Kissen wälzte und von einer gemeinsamen Wohnung träumte.

Es war um diese Zeit, glaube ich, in der mein Hinterkopf beschlossen hatte, sich von dem Mühlstein um meinen Hals zu trennen.

Ich blickte mich in dem Schnellrestaurant um, ließ die neue Welt, die ich betreten hatte auf mich wirken. Am Tresen war die Hölle los. Das junge Mädchen mit der Schirmmütze an der Kasse hatte alle Hände voll zu tun, jonglierte die immer wieder wechselnde Bestellung einer ausländischen Familie, die auf die beleuchtete Menütafel glotzte und mit dem Finger auf ihre Speisen zeigte. Hinter ihnen drängelten die wartenden Kunden, schauten ungeduldig auf die Uhr.

Die Szene machte mich furchtbar wütend. Unwillkürlich ballte ich meine Faust mit der Serviette auf dem Tisch, knirschte mit den Zähnen. Konnten sie sich nicht einfach…entscheiden?

Langsam schloss ich die Augen. Es ging mir gut, dachte ich. Ich war frei. Endlich wieder Single, der einsame Wolf war zurück – ungebunden, frei und ohne Leine. Die Welt stand mir offen. Endlich würde ich wieder schlafen können, konnte kommen und gehen wann ich wollte. Endlich nicht mehr das Gefühl, in Plastik eingeschweißt auf Eis zu liegen und langsam zu ersticken. Endlich konnte ich wieder frei atmen.

Und das tat ich auch. Ich legte die Hände auf den Tisch, schloss meine Augen und atmete tief ein. Ich saugte den fetttriefenden Geschmack der Luft durch meine Nasenlöcher und lies ihn langsam, wie ein kostbares Edelgas durch gespitzte Lippen wieder ziehen.

Voller Vorfreude erwartete ich das Gefühl, wenn einem ein Stein von den Schultern genommen wird. Das Gefühl, mit sich selbst und der Welt wieder im Reinen zu sein – losgelöst von den Problemen der Welt.

Doch es kam nicht.

Den Vorgang wiederholte ich ein zweites Mal, atmete ein, atmete aus – und verschluckte mich. Ein plötzlicher Husten schüttelte mich.

„Brauchen Sie einen Schluck Wasser?“

Ich öffnete die Augen. Ein fettleibiger Kellner in rotem Polohemd, mit Pickeln im Gesicht, die wie rote Punkte leuchteten, stand vor mir.

„Verpiss dich“, knurrte ich. Der Kellner zuckte mit den Schultern, nahm mein Tablett und machte sich daran den Nachbartisch zu wischen. Er schielte über die Schulter zu mir, aber ich ignorierte seine elendige Visage.

Ich musste raus. Weg von hier. Etwas war schief gelaufen, gewaltig sogar, im ganz großen Stil. Hätte ich mich nicht freuen müssen?

Man hatte mich verraten. Ein schwarzer Teerklumpen saß mir in der Kehle fest, den ich nicht wegbekam. Mein Leben – ich hasste es noch genauso, wie vorher.

Ich stand auf, griff meine Jacke von der Stuhllehne und machte mich auf zum Ausgang. Das Schnellrestaurant hatte nun um diese Uhrzeit Hochkonjunktur, immer mehr gesichtslose Fastfood-Junkies mit beladenen Plastiktabletten schoben sich zwischen den Tischen entlang. Wutschnaubend wich ich ihnen aus, drängelte mich vorbei, den Blick starr auf meine Stiefelspitzen gerichtet. Ich konnte ihre Blicke nicht ertragen, wie sie mich angafften – als wäre ich ein Affe, eingesperrt hinter Panzerglas.

Fast hatte ich es schon zum rettenden Ausgang geschafft, als meine Schulter etwas Weiches rammte. Mein tauber Körper registrierte den Zusammenprall kaum; ich hörte nur ein unterdrücktes Stöhnen, und bemerkte eine Lache aus braunem Zuckerwasser, die sich um meine Füße ausbreitete.

Was für ein zurückgebliebener Hundesohn hatte es gewagt, sich mir in den Weg zu stellen? Ich schaute auf und einen Augenblick lang hielt ich den Atem an.

Vor mir stand ein kräftiger Russe, am falschen Ende der dreißiger angekommen, mit behaarten Armen, die es gewohnt schienen, Steine über eine Baustelle zu schleppen und Zement zu rühren. Es ging ihm anscheinend nicht gut, den Augenringen nach zu urteilen, die in seinem Gesicht hingen. Er musste seit Monaten nicht mehr richtig geschlafen haben. Er schaute an sich runter, betastete den Fleck auf seinem Hemd, schielte dann zu den Pommes, die auf den Fliesen um uns verstreut lagen.

In meinem Hirn klingelte ein letzter Rest von Angst, warnte mich vor den Schmerzen, die mir eine gebrochene Nase bereiten würde. Doch mein Hirn drehte Kreisel vor Wut. Ich dürstete danach, etwas anderes zu fühlen, als diese klaffende Leere, wo mein Magen hätte sein soll.

Ich spannte meinen Kiefer an. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, mickrig im Kontrast zu den Pranken des Russen, doch das war mir egal – ein paar auf die Fresse täten mir gut. Am liebsten vor all den Leuten. Ich wollte kämpfen, mich verteidigen – wieder am Leben sein.

Dann machte der Russe den Mund auf.

“Entschuldigung”, sagte er, mit hörbarem Akzent. “Ich habe nicht richtig hingeguckt. Ist alles in Ordnung?”

“Hast du keine Augen im Kopf? Schau dir meine Schuhe an!”

“Tut mir leid. Warten Sie, ich hole Ihnen eine Serviette.”

“Bleib schön, wo du bist”, schimpfte ich und packte ihn am Kragen. Der Russe sah mich an, von oben herab, denn er war einen ganzen Kopf größer. Vermutlich fühlte er sich wie ein Adler, der auf einen quakenden Frosch herab starrt. Das machte mich nur noch wütender.

“Lassen Sie mich bitte los”, sagte er, unerwartete höflich und gefasst, “meine Familie wartet.”

“Du gibst mir jetzt deine Kohle, damit ich mir neue Treter kaufen kann, sonst wartet deine Familie umsonst.”

“Ich kann Ihnen die Reinigung zahlen, kein Problem.”

“Die Dinger sind ruiniert!”

“Es tut mir wirklich leid, wie wäre es, wenn…”

“Du Arschloch”, fauchte ich. Dann schlug ich zu.

Meine Faust jaulte auf vor Schmerzen. Der Knochen war bestimmt gebrochen. Es dauerte eine Sekunde, bevor ich mich von dem überraschenden Schock erholt hatte. Dann sah ich, dass mein Gegenüber blutete.

Er stand einfach so da, wie ein Baumstamm, starrte dumpf ins Nichts, während ein Rinnsal aus Blut über seinen Nasenflügel kroch. Seine Augenbraue war aufgeplatzt. Einen Moment dachte ich, er würde mich in der nächsten Sekunde am Hals packen und zu Boden drücken. Stattdessen schwankte er, griff nach mir und hielt sich an mir fest, um nicht umzufallen.

“Nimm deine Pfoten von mir”, schrie ich und setzte nach. Mein Tritt traf ihn gegen das Schienenbein. Er ächzte, sank auf die Knie und klammerte sich an meiner Jacke fest, wie an einer Reling auf hoher See.

Die perfekte Gelegenheit.

“Das hast du jetzt davon, dass du nicht richtig gucken kannst”, sagte ich, sodass jeder im Restaurant es hören musste. Auf dem Nebentisch stand ein halb voller Plastikbecher mit Cola darin. Ich nahm ihn und leerte ihn über dem Kopf meines Kontrahenten aus.

Das Getränk floss über sein Gesicht. Er sah aus, wie ein begossener Pudel aus der Ukraine. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

“Bist du jetzt zufrieden?”

Der Russe antwortete nicht. Er kippte einfach vorne über, machte sich lang auf den Fliesen. Unter seinem massiven Körper zerquetschte er die Pommes und Hähnchenteile.

Der Baum war gefällt.

“Oh mein Gott, der Mann braucht Hilfe!”

Das Mädchen in dem gestreiften Hemd und mit der roten Schirmmütze sprang hinter dem Tresen vor und kniete sich neben den Mann. “Wir brauchen einen Krankenwagen.”

Es war schlagartig still um uns herum. Die Leute glotzten mich an, dumpf und voller Angst, als ticke unter meiner Jacke ein Bombengürtel. Ich schaute mich um, fragte mich, was denn alle auf einmal hatten.

“Machen Sie, dass Sie verschwinden”, keifte das Kassenmädchen mich an. “Bevor ich die Polizei rufe!”

Ich konnte nicht viel machen, außer mit den Schultern zu zucken. In meinem Kopf schwamm mein Hirn vor und zurück in einer Lösung aus Adrenalin und tauben Stumpfsinn. Ich richtete den Kragen auf, warf ihr die zerknüllte Serviette vor die Füße und verschwand durch die Tür nach draußen.
Kalter, klarer Nachtwind wehte mir auf dem Parkplatz entgegen. Wie ferngesteuert griff meine Hand nach den Zigaretten in meiner Innentasche, fischte die vorletzte aus der Schachtel und zündete sie an. Ich lehnte mich an eine Straßenlaterne zwischen den geparkten Autos, mit zusammengesackten Schultern.

Etwas lief gründlich falsch mit mir. Ich konnte nicht mehr klar denken. Was war gerade passiert?

Von draußen schaute ich durch das Fenster in das erleuchtete Restaurant. Über dem Gebäude drehte sich wie in Zeitlupe die Reklame mit dem grinsenden Colonel. Im Inneren sah ich das Schirmmützenmädchen, die neben dem Russen kniete. Eine Menschentraube aus Schaulustigen hatte sich um sie versammelt; manche knipsten Bilder mit ihren Handys, andere futterten ungehemmt weiter, während sie glotzten, ihre Kiefer gefangen in einem unaufhaltsamen Kauen. Ein paar gestikulierten wild herum, als stritten sie darüber, ob man wegen mir die Polizei holen sollte.

Mir war das egal. Sollten sie die Bullen rufen. Vielleicht konnten die mir ja die Scheiße aus dem Leib prügeln.

In der hintersten Kammer meiner Gedanken meldete sich ein leiser Zweifel beim Anblick des niedergestreckten Russen. Das Mädchen vom Tresen schien wirklich aufgeregt.

Hatte ich ihn etwa so hart getroffen, dass ich ihn ernsthaft verletzt hatte?

Plötzlich regte der massive Körper sich. Eine Hand fuhr ins Gesicht, wo ich eine schmerzverzerrte Fratze erkannte. Schwankend richtete der Russe sich auf, hielt sich an einem Stuhl fest und wischte sich das Blut von der Nase. Er taumelte, doch er stand. Er lebte.

Na, siehst du, dachte ich, war ja gar nicht so schlimm. Warum gleich so einen Aufstand schieben?

Der verfluchte Laden ging mir samt seiner Gäste gehörig auf den Sack. Kaum rauften sich zwei Männer mal ein wenig, verloren diese weichgespülten Drohnen gleich den Verstand und riefen Zeter und Mordio. Dabei hatten wir uns doch nur ein bisschen Spaß gehabt. Ich fühlte mich lebendig und elektrisiert, wie ein junger Gott. Alles wird gut, dachte ich. Du hast noch einen Puls.

Zufrieden mit mir schnippte ich meine Kippe ins Gebüsch und machte mich daran, meinen Heimweg anzutreten. Zum Abschied zeigte ich dem Colonel und der gesamten Bagage von hühnerfressenden Fleischklumpen in seinem Inneren den Mittelfinger, als mir eine Frau in dunklem Kleid und ein kleines Mädchen, das sich an sich klammerte, auffielen. Die Frau schien mit den Nerven am Ende. Sie hätte Tränen in den Augen. Das Mädchen, das dieselben schwarzen Haare wie sie hatte und sich an ihrem Kleid festhielt, redete auf sie ein, als wäre sie die Erwachsene von den beiden.

Vermutlich die Familie, von der der Russe gesprochen hatte, dachte ich. Die Mutter hatte einen Schock erlitten, als sie ihren Bauarbeiter-Gatten zu Boden gehen sehen hatte.

Geschieht dir recht, dachte ich, warum suchst du dir nicht einen echten Kerl aus? Mich zum Beispiel.

Doch was war das, worüber die Frau sich so beugte? Es sah aus, als rede sie hektisch auf einen Stuhl ein. Die Tochter beeilte sich, um am Getränkeautomat einen Plastikbecher zu füllen und ihn ihrer Mutter zu reichen. Die Mutter nahm das Getränk und fütterte damit den Stuhl.

Ich ging ein paar Schritte über den Parkplatz, um besser sehen zu können, als es mich auf einmal mit einem kalten Schlag traf.

Jetzt verstand ich, warum die Mutter so aufgeregt war. Und warum der Russe sich nicht anständig gewehrt hatte.

Mein Magen drehte sich um.

Die Mutter beugte sich über einen Rollstuhl. Zu ihrem Sohn. Der Junge, der in dem Stuhl saß, hatte die gleichen schwarzen Haare wie sein Vater. Außerdem Brillengläser, so dick wie der Boden einer Colaflasche. Er war vielleicht zehn, oder elf Jahre alt. So, wie er aussah, hatte er den Stuhl noch nie verlassen.

Die Spaichen des Stuhls waren in schwarz, rot und gold angemalt. Von der Lehne baumelte ein bunter Rucksack mit einer Cartoonfigur darauf. Die Beine des Jungen zappelten unkontrolliert umher, sie funktionierten also, das war nicht der Grund, warum er in diesem Monstrum aus Aluminium saß. Dann bemerkte ich, wie seine Augen ziellos umher schossen, von links nach rechts und quer durch den Raum, als suche er panisch nach einem Fixpunkt im Nichts. Speichel tropfte ihm vom Kinn. Mit einer Ruhe, die nur eine Mutter in solchen Situationen aufbringen kann, wischte die Frau ihm die Rotze aus dem Gesicht und gab ihm zu trinken.

Der gottverdammte Junge war behindert, dachte ich. Ein verfluchter Behinderter.

Eine Eiseskälte kroch unter meine Jacke, schlüpfte unter meine Haut. Ich versuchte mit aller Kraft, es zu verhindern, doch der Film hinter meiner Stirn hatte schon begonnen. Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie die Stunden dieser kleinen russischen Familie vor jetzt ausgesehen haben mussten.

Sie hatten nicht viel Geld, das stand fest. Der Vater arbeitete unermüdlich, um seine Familie zu ernähren, nahm jeden Job, den er kriegen konnte. Er schlief seit Monaten nur wenige Stunden jede Nacht, weil er früh morgens, noch bevor es hell wurde, das Haus verließ und zur Arbeit ging. Wenn er abends zurückkam, erwartete ihn seine Frau mit dem Essen auf dem Tisch, die Familie um einen dampfenden Topf vereint, der Junge aufgeregt klatschend und kreischend, weil er sich nicht beherrschen konnte. Heute war er besonders aufgeregt gewesen, denn es war dieser spezielle Tag im Monat – der Tag, an dem sie zu Kentucky Fried Chicken gehen würden.

Große Sprünge ließ der Bankschalter nicht zu. Der Kontoauszug wachte wie ein feuerspeiender Drache über jede Ausgabe, die die Familie tätigte. Teure Restaurants, Urlaub, Spielzeug – all das stand auf der schwarzen Liste. Nur einmal im Monat ein gemeinsamer Ausflug zu dem Schnellrestaurant an der Autobahnauffahrt, dass war alles, was der Vater sich mit besorgtem Blick ins Portemonnaie erlauben konnte. Als sein Vater heute erschöpft von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte die Vorfreude hinter den Brillengläsern des Jungen gefunkelt. Ich konnte sehen, wie er wie ein aufgeregter Seehund in die Hände geklatscht hatte, während seine Mutter ihn auf dem Arm hielt und der Vater den Rollstuhl aus dem vierten Stock zum Auto getragen hatte. Auf der Fahrt hatte er um ein Spielzeug aus dem Kindermenü gebettelt, solange, bis sein Vater unter dem strengen Blick seiner Frau es ihm versprochen hatte. Der Junge war kaum zu bremsen gewesen vor Aufregung, als seine Schwester ihn durch die Tür in die heiligen Hallen von Kentucky Fried Chicken geschoben hatte.

So sehr der Laden für mich auch nach Armseligkeit und menschlichem Abfall gestunken hatte – für den kleinen russischen Jungen war es das Paradies. Er würde nie einen Schulabschluss machen; er würde nie eng mit einer Frau tanzen, Sex haben oder selber Kinder in die Welt setzen. Mit ein bisschen Glück würde seine Behinderung ihn es bis zum ersten peinlichen Samenerguss unter der Decke schaffen lassen, oder solange bis er alt genug war sich zu fragen, warum er seinen Schulkameraden beim Fußballspielen immer nur zugucken durfte. Seine Zeit war begrenzt.

Alles, was er hatte, waren seine Besuche in dem billigen Schnellrestaurant. Er freute sich aufrichtig über jede Sekunde, die er dort verbrachte.

Und nun würde er sich bis ans Ende seines kurzen Lebens daran erinnern, wie ein Fremder seinen Vater vor seinen Augen zum Knecht gemacht hatte.

Ohne Vorwarnung. Einfach so.

Das war nicht der Plan gewesen. Ich fühlte mich mies. Ich taumelte ein paar Schritte weg von dem Auto, doch bevor ich es zum Mülleimer schaffte, stülpte sich mein Magen nach außen und ich kotzte meine Seele vor meinen Füßen aus.

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